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Klimaschutz in der Vergabe praktisch umsetzen: Das LCC-CO₂-Tool für öffentliche Beschaffung

Öffentliche Beschaffung hat eine große Marktmacht und ist dadurch ein wirksamer Hebel für mehr Klima- und Ressourcenschutz. Kathrin Graulich stellt im fünften Teil der Blogserie ein Tool vor, das die Lebenszykluskosten inklusive der CO2-Kosten von Produkten berechnen kann und so klimafreundlichere Beschaffungen ermöglicht.
Kreislaufsymbol auf einem Puzzle mit Hand, die das vierte und letzte Puzzlestück einfügt

Warum zirkuläre öffentliche Beschaffung relevant ist und wie Handlungsansätze wirksam sind, habe ich in diesem Beitrag erklärt. Jetzt kommt es darauf an, dass Beschaffende die verschiedenen Angebote und Varianten nachvollziehbar bewerten können. Dafür haben wir für das Umweltbundesamt ein Excel-Tool entwickelt, das es Beschaffenden ermöglicht, bei den Lebenszykluskosten auch die CO2-Kosten in ihre Vergabeentscheidungen einzubeziehen. Das Tool kann die Treibhausgasemissionen, die mit dem Beschaffungsgegenstand verbunden, sind vereinfacht abschätzen. So können niedrigere CO2-Kosten von klimafreundlicheren Varianten systematischer in die Angebotswertung einfließen.

Warum der Kaufpreis nicht alles sagt

Orientieren sich Beschaffungsstellen stark am Anschaffungspreis, kann dies in Zeiten knapper Haushaltskassen kurzfristig sinnvoll scheinen, ergibt aber auf längere Sicht wirtschaftlich weniger Sinn, da Folgekosten oft erst während der Nutzung entstehen. Darunter fallen beispielsweise der Energieverbrauch, Wartung, Reparaturen und gegebenenfalls die Entsorgung. Klimafreundlichere oder langlebigere Varianten können in der Anschaffung zunächst teurer sein, über den Lebenszyklus betrachtet aber günstiger. 

Für die Beschaffung des Bundes werden gemäß § 13 Abs. 2 und 3 Klimaschutzgesetz (KSG) durch die Vorgaben in der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Beschaffung klimafreundlicher Leistungen (AVV Klima) konkrete Prüf- und Berücksichtigungspflichten geregelt. Die Beschaffungsstellen des Bundes sind ferner verpflichtet, bei der Beschaffung einen „CO2-Schattenpreis“ zugrunde zu legen, dessen Untergrenze an die für das Brennstoff-Emissionshandelsgesetz (BEHG) festgelegten Festpreise oder Mindestpreise gekoppelt ist (§ 13 Abs. 1 Satz 3 KSG). Grundidee ist, dass über den zusätzlich anzulegenden CO2-Preis im Zuge der Wirtschaftlichkeitsuntersuchung solchen Leistungen der Vorzug zu geben ist, bei deren Herstellung, Nutzung und Entsorgung, also über den gesamten Lebenszyklus hinweg, geringere Treibhausgasemissionen entstehen.

Die AVV Klima legt in § 2 Abs. 1 Nr. 2 hinsichtlich der Prüf- und Berücksichtigungspflichten vor Einleitung des Vergabeverfahrens fest, dass in die Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen nach § 7 Absatz 2 BHO, soweit mit vertretbarem Aufwand möglich, eine Prognose der verursachten Treibhausgasemissionen während des gesamten Lebenszyklus einzubeziehen ist. 

Die CO2-Kosten übersetzen die prognostizierten Treibhausgasemissionen in eine monetäre Größe. Dadurch erhalten Produkte, die mehr Emissionen und damit mehr Klimawirkung verursachen, einen höheren Preis. Beschaffende können so sehen, welche Produkte klimafreundlicher sind. Zudem können sie Klimawirkungen direkt in ihre Entscheidung über die Wirtschaftlichkeit von Produkten einfließen lassen. 

LCC-CO2-Tool für Beschaffungsstellen

Wie diese schon seit mehreren Jahren geltenden rechtlichen Anforderungen im konkreten Beschaffungsvorgang umgesetzt werden können, war für Beschaffende lange Zeit unklar. Mit dem integrierten LCC-CO2-Tool stellt das Umweltbundesamt eine geeignete Hilfestellung bereit. Das LCC-CO2-Tool ist ein Excel-basiertes Werkzeug. Es steht allen Beschaffungsstellen zur Verfügung und ermöglicht es, die Treibhausgasemissionen, die mit einem Beschaffungsgegenstand verbunden sind, abzuschätzen. Es können verschiedene Produkte und Dienstleistungen mit dem Tool getestet werden. 

Im Rahmen der Bedarfsanalyse kann das Tool dabei helfen, die Wirtschaftlichkeit unterschiedlicher Beschaffungsvarianten zu vergleichen; anhand der Ergebnisse kann der Auftragsgegenstand konkretisiert werden. Außerdem kann das Tool im Rahmen der Angebotswertung genutzt werden, um eingegangene Angebote zu vergleichen. Wie das Tool genau funktioniert, ist ausführlich im „Schulungsskript 2: Arbeitshilfe zur Berechnung von Lebenszykluskosten inklusive CO2-Kosten aufgrund der prognostizierten Treibhausgas-emissionen in der öffentlichen Beschaffung (LCC-CO2-Tool)“ erklärt.

Screenshot des Titelblattes des LCC-CO2-Tool

Screenshot des Titelblattes des LCC-CO2-Tool

Fallbeispiel: Wirtschaftlichkeitsanalyse Arbeitsplatzcomputer

Wenn in der Verwaltung neue Arbeitsplatzcomputer beschafft werden müssen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, zum Beispiel stationäre Arbeitsplatzcomputer, Notebooks, oder Tabletcomputer. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Lebenszykluskosten und ihrer Klimaschutzwirkung, ausgedrückt in CO2-Kosten. In der Bedarfsanalyse kann auch die Option geprüft werden, ob es wirtschaftlicher ist, die vorhandenen Arbeitsplatzcomputer länger zu nutzen statt sie zu ersetzen, denn eine Neuanschaffung ist nicht automatisch die einzige oder wirtschaftlichste Lösung.

Das LCC-CO2-Tool kann in diesem Fall bereits vor Einleitung des Vergabeverfahrens für die Wirtschaftlichkeitsanalyse genutzt werden. Dazu müssen Ökobilanz- und Kostendaten separat recherchiert und im Tool eingetragen werden Im Tool sind für eine Vielzahl an IT-Geräten und Komponenten bereits aktuelle Emissionsdaten hinterlegt. 

Im fiktiven Fallbeispiel, das im zugehörigen Schulungsskript vorgestellt wird, sollen einhundert Verwaltungsarbeitsplätze neu mit einem Arbeitsplatzcomputer ausgestattet werden. Die Wirtschaftlichkeit wird über zehn Jahre betrachtet. Verglichen werden die Anschaffung von einhundert Desktop-PCs mit einhundert Laptops mit einer Nutzungsdauer von drei Jahren. Die dritte Variante sind einhundert Laptops mit einer Nutzungsdauer von sechs Jahren, bei denen nach drei Jahren nicht das ganze Gerät, sondern lediglich der Akku ausgetauscht wird. Im Beispiel werden Einmalkosten und laufende Kosten in das Tool eingetragen, das sind beispielsweise die Anschaffungskosten und Energiekosten. Anschließend werden die Treibhausgasemissionen erfasst. Sind alle Varianten modelliert, zeigt der Vergleich, dass die Variante Laptops mit längerer Nutzungsdauer die geringsten prognostizierten Treibhausgasemissionen aufweist und auch insgesamt am wirtschaftlichsten abschneidet. Mit diesem Ergebnis kann der Auftragsgegenstand für die Beschaffung festgelegt und begründet werden. 

Screenshot aus dem LCC-CO2-Tool: Tabellenblatt „Ergebnis LCC inkl. CO2-Kosten“

Screenshot aus dem LCC-CO2-Tool: Tabellenblatt „Ergebnis LCC inkl. CO2-Kosten“

Fallbeispiel: Angebotsauswertung Matratzen

Das LCC-CO2-Tool kann auch in einem Vergabeverfahren für die Angebotswertung verwendet werden. In diesem Fall wird das Tool zusammen mit den Ausschreibungsunterlagen bereitgestellt und von den Bietenden ausgefüllt wieder eingereicht. Die Beschaffungsstelle legt vorab fest, wie die Angebote bewertet werden, da sie nicht gegen die Vergabegrundsätze Gleichbehandlung, Nichtdiskriminierung und Transparenz verstoßen dürfen. 

Im zweiten Beispiel, das im Schulungsskript vorgestellt wird, schreibt die Beschaffungsstelle die Beschaffung von 1.000 Matratzen aus. Die Lebenszykluskosten dürfen als Kriterium für den Zuschlag berücksichtigt werden, hier werden sie über einen Zeitraum von zehn Jahren betrachtet. Im Beispiel werden Preis und Qualität jeweils mit 50 Prozent gewichtet, innerhalb der Qualitätsbewertung zählen ausschließlich ökologische Zuschlagskriterien. Dazu gehören unter anderem die Recyclingfähigkeit der Matratze, ein Bezugsstoff aus Biobaumwolle und ein nachweisbarer Rezyklatgehalt von mehr als zehn Prozent sowie der Ausfüllgrad der Treibhausgasemissionsangaben im LCC-CO2-Tool. Verglichen werden zwei fiktive Angebote: eine konventionelle Matratze und eine Matratze mit austauschbarem Bezug. Betrachtet man allein den Angebotspreis beziehungsweise die Lebenszykluskosten inklusive CO₂-Kosten, schneidet die konventionelle Matratze günstiger ab. Die Matratze mit austauschbarem Bezug verursacht zwar niedrigere prognostizierte CO₂-Kosten, weil der Matratzenkern länger genutzt werden kann, der höhere Anschaffungspreis wird dadurch aber nicht vollständig ausgeglichen. Anders fällt die Bewertung aus, wenn ökologische Zuschlagskriterien über ein Punkteschema einbezogen werden: Dann erhält das Angebot mit austauschbarem Bezug aufgrund der besseren Recyclingfähigkeit mehr Qualitätspunkte und im Fallbeispiel den Zuschlag. 

Screenshot aus dem LCC-CO2-Tool: Eingabe im Tabellenblatt „Punktevergabe Übersicht“ für die Beschaffung von 1.000 Matratzen – Wertungsschema

Screenshot aus dem LCC-CO2-Tool: Eingabe im Tabellenblatt „Punktevergabe Übersicht“ für die Beschaffung

von 1.000 Matratzen – Wertungsschema

Das LCC-CO₂-Tool ersetzt keine sorgfältige Vergabevorbereitung. Es kann aber sichtbar machen, welche Variante über den gesamten Lebenszyklus wirtschaftlicher ist – und welche Klimawirkungen mit der Beschaffung verbunden sind.

Ergänzend zum LCC-CO2-Tool stellt das Umweltbundesamt seit kurzem ein so genanntes LCC-CO2-Vergleichstool bereit. Im Rahmen einer Ausschreibung können auf Ebene des Zuschlags bis zu fünf eingereichte Angebote hinsichtlich der Lebenszykluskosten und Punktzahl miteinander verglichen werden.

Kathrin Graulich ist Leiterin des Bereichs Produkte & Stoffströme. Sie forscht zu nachhaltigen Produkten am Standort Freiburg.

Weitere Informationen

Auf der Überblicksseite des Umweltbundesamtes zum Thema Lebenszykluskosten finden Sie die folgenden Dokumente:

  • LCC-CO2-Tool des Umweltbundesamtes
  • LCC-CO2-Vergleichstool des Umweltbundesamtes
  • Schulungsskript 2: Arbeitshilfe zur Berechnung von Lebenszykluskosten inklusive CO2-Kosten aufgrund der prognostizierten Treibhausgas-emissionen in der öffentlichen Beschaffung (LCC-CO2-Tool)

Arbeitshilfe zu Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft in der öffentlichen Beschaffung mit rechtlichen Grundlagen, Kriterien und Beispielen für zehn Produktgruppen

Blogbeitrag „Zirkuläre Beschaffung: Handlungsansätze mit hohem Potenzial für Resilienz und Klimaschutz“

Blogbeitrag „Refurbished statt neu: Wie die öffentliche Hand Möbel nachhaltig beschaffen und dabei Einkaufskosten reduzieren kann“

Blogbeitrag „Wie das Vergaberecht nachhaltige öffentliche Beschaffung stärken kann“

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