„So viele Materialien wie möglich im Kreislauf halten!“ Interview mit Julia Schütz
© Canva
Der Beitrag erschien zuerst in G+L im Juli 2026. Die Fragen stellte Katharina Kohring.
Urban Mining wird häufig als Schlüsselstrategie für eine nachhaltige Rohstoffversorgung bezeichnet. Was genau versteht man unter Urban Mining und warum gewinnt das Konzept aktuell so stark an Bedeutung?
Urban Mining, also „städtischer Bergbau“, betrachtet unsere Infrastruktur, Gebäude und technischen Anlagen, langlebigen Güter sowie Deponien als potenzielle Lagerstätten für eine Vielzahl an Materialien. Dies wird auch als anthropogenes Lager bezeichnet. Dazu zählen zum Beispiel mineralische Baustoffe wie Beton, aber auch verschiedene Metalle, Kunststoffe und Holz. Wenn beispielsweise Gebäude zurückgebaut, das heißt abgerissen werden, werden viele dieser Materialien bisher zu Abfall und müssen gegebenenfalls aufwendig entsorgt werden. Gleichzeitig sind die Gewinnung und Verarbeitung von Primärrohstoffen – also Rohstoffen aus natürlichen Lagerstätten – und die damit einhergehenden Umweltwirkungen laut dem Global Ressource Outlook 2025 des internationalen Ressourcen Panel der Vereinten Nationen maßgebliche Ursache für die drei globalen Krisen Biodiversitätsverlust, Klimawandel und Umweltverschmutzung. Urban Mining, im besten Fall als Teil einer Kreislaufwirtschaft, in der Materialien und Rohstoffe möglichst lange im Kreislauf geführt werden, birgt damit große Chancen diesen Krisen entgegenzuwirken. Erster wichtiger Schritt des Urban Mining ist es, vorhandene Materialien und ihre verfügbare Menge sowie die Möglichkeiten der Rückgewinnung zu erfassen. Dazu werden beispielsweise von Städten und Gemeinden sogenannte Urban Mining Kataster angelegt, in denen das Potenzial für jedes Gebäude abgeschätzt wird.
Städte gelten zunehmend als „Rohstofflager“. Welche Materialien und Stoffströme stehen aus Ihrer Sicht besonders im Fokus, wenn man über Urban Mining spricht?
Grundsätzlich kann man sich für eine erste Einschätzung einfach im Raum um- oder aus dem Fenster schauen: Es ist davon auszugehen, dass die meisten Gebäude sowie die Infrastruktur, wie Straßen oder Versorgungsleitungen, früher oder später umgebaut, saniert oder zurückgebaut werden. Bestenfalls würden so viele anfallende Materialien wie möglich als hochwertige Sekundärrohstoffe verwendet werden, das heißt die Materialien sollten wieder in ihrer ursprünglichen oder einer gleichwertigen Funktion eingesetzt werden. Besonders relevante Ströme sind dabei die bereits erwähnten mineralischen Baustoffe, Metalle und Kunststoffe sowie Holz. Aber auch die hochwertige Wiederverwendung des Fensterglases, durch das der Blick vielleicht grade gefallen ist, könnte als eingeschmolzene Scherbe im neuen Fensterglas oder als zugeschnittene Scheibe in einem neuen Fenster erfolgen. Der Fokus liegt dabei aus meiner Sicht, insbesondere aufgrund der großen Mengen und noch nicht ausreichend etablierten Kreisläufe, bei den mineralischen Baustoffen, wie Beton oder Gips.
Viele Materialien in Gebäuden oder Infrastrukturen sind stark miteinander verbunden oder verunreinigt. Wie groß ist der Anteil der Stoffe, der sich realistisch hochwertig zurückgewinnen lässt?
Auch wenn es maßgeblich davon abhängt, wie Materialien verbaut sind, ist es technisch möglich, den Großteil der Materialien in Gebäuden und Infrastruktur einer hochwertigen Sekundärnutzung zuzuführen. Dies verbessert sich außerdem kontinuierlich, da bereits bei der Planung Umnutzungsfähigkeit und Rückbaubarkeit immer öfter mitgedacht werden. Zudem wird der sogenannte selektive Rückbau, bei dem so weit wie möglich einzelne Bauteilschichten nacheinander getrennt abgebaut und so sortenreine Materialen gewonnen werden, zunehmend gängige Praxis. Darüber hinaus werden bessere Aufbereitungsverfahren entwickelt und rechtliche, administrative oder organisatorische Herausforderungen, wie unklare Anforderungen an die Nachvollziehbarkeit und Sicherheit, Belastungen mit Schadstoffen oder fehlende Informationsweitergabe zu verfügbaren Bauteilen und Materialien abgebaut, wie in den vierzehn Forschungsprojekten der FONA-Fördermaßnahme „Ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft – Urban Mining: Erschließung anthropogener Lager als Rohstoffquelle“ des BMFTR.
Urban Mining wird häufig als ökologisch vorteilhaft dargestellt. Gibt es auch Fälle, in denen Rückbau, Sortierung und Aufbereitung mehr Energie oder Ressourcen verbrauchen als der Einsatz neuer Rohstoffe?
Solche Fälle, in denen der Aufbereitung von Materialien im Vergleich zum Primärrohstoffabbau größere Umweltwirkungen zugeschrieben werden können, sowie unvermeidbare Abfälle gibt es, häufig zum Beispiel bei bereits genannten Beschichtungen, und wird es wahrscheinlich auch weiterhin geben. Ziel von Urban Mining ist es, einen möglichst hohen Anteil der Materialien des anthropogenen Lagers zu nutzen. Gleichzeitig hängt die ökologische Bewertung stark vom betrachteten Material, wie es verbaut ist und welche Kriterien angesetzt werden, ab, zum Beispiel wie die Zerstörung schützenswerter Landschaften durch die Primärrohstoffgewinnung bewertet wird. Grundsätzlich gilt die Weiter- und Wiederverwendung von Materialien und damit die Reduzierung des Primärrohstoffbedarfs als ökologisch vorteilhaft.
Ein weiteres Problem scheint die Wirtschaftlichkeit zu sein. Unter welchen Marktbedingungen lohnt sich Urban Mining überhaupt – und wo stößt das Konzept ökonomisch an Grenzen?
Unter aktuellen Marktbedingungen ist Sekundärmaterial bisher tatsächlich häufig unwirtschaftlicher als das konkurrierende Primärmaterial. Allerdings sind die relativen Preisvorteile des Primärmaterials oft nur aufgrund unberücksichtigter Umwelt- und Sozialfolgekosten zu erzielen. Aber auch kostengünstige alternative Entsorgungsverfahren, wie die Entsorgung auf Deponien und die Scheinverwertung im Ausland, können eine Konkurrenz zur Aufbereitung sein. Sobald diese zum Beispiel über CO2-Preise mit in die Kosten für die Herstellung von Primärmaterial eingehen oder rechtlich eingeschränkt werden, werden Sekundärmaterialien auch wirtschaftlich attraktiver. Zusätzlich kann Urban Mining zur Unabhängigkeit von preislich gegebenenfalls stark schwankenden Rohstoffimporten beitragen.
Gerade im Gebäudebestand liegen große Materialmengen gebunden über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte. Bedeutet das nicht, dass Urban Mining als Rohstoffquelle zeitlich stark verzögert verfügbar ist und somit eine akkurate Planung mit ebendiesen Materialien quasi unmöglich wird?
Zwar sind die Materialien lange in den Gebäuden gebunden, jedoch finden sowohl Bauprojekte als auch Um- oder Rückbauten in der Regel ja nicht unerwartet statt. Neben der Erfassung des anthropogenen Lagers in Urban Mining Katastern werden aktuell Ansätze entwickelt, die geplante Um- oder Rückbauprojekte mit anstehenden Neubauprojekten möglichst regional verknüpfen, um anfallende Materialien und bestenfalls ganze Bauteile möglichst direkt wiederzuverwenden. Weitere Herausforderungen sind dabei, wie bereits erwähnt, die Informationsweitergabe, Aufbereitung und Zwischenlagerung sowie gegebenenfalls vorhandene Sicherheitsbedenken oder rechtliche Hindernisse.
Welche Rolle kann es langfristig realistisch in der Rohstoffversorgung spielen – und welche Probleme wird es vermutlich nicht lösen können?
Insgesamt gibt es in absehbarer Zukunft nicht genug zur Verfügung stehendes Sekundärmaterial, um den aktuellen Materialbedarf im Gebäudebereich zu decken – das anthropogene Lager wächst stattdessen immer weiter. Ziel muss daher zunächst sein, so viele Materialien wie möglich im Kreislauf zu führen, statt diese zu entsorgen und parallel den Materialbedarf insgesamt zu reduzieren.
Gibt es bereits Städte, Projekte oder Beispiele, die aus Ihrer Sicht zeigen, wie Urban Mining erfolgreich umgesetzt werden kann? Was lässt sich daraus lernen?
Ein bekanntes Beispiel ist der Neubau des Rathaus Korbach: Die mineralischen Abbruchmaterialien aus dem rückgebauten Anbau aus den 1970er Jahren wurden ortsnah aufbereitet und im Neubau wiederverwendet. Zusätzlich wurde eine möglichst einfache selektive Rückbaubarkeit bereits von Anfang in der Planung und Umsetzung des Neubaus berücksichtigt. Dieses und weitere Projekte zeigen, dass lokales Urban Mining praktisch umsetzbar ist, sofern es integraler Teil der Planung ist.
Julia Schütz hat von Frühjahr 2023 bis Juni 2026 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Ressourcen und Mobilität beim Öko-Institut gearbeitet. Dort hat die Umweltingenieurswissenschaftlerin zu den Arbeitsschwerpunkten Ressourcenwende, Ökobilanzierung von Recyclingprozessen, Klimabilanzierung von Unternehmen und nachhaltigen Sportveranstaltungen geforscht.