Ade, Erdgas!
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Die schrittweise Stilllegung des Zürcher Gasnetzes
Dort, wo vor wenigen Jahren noch Erdgas war, ist jetzt Stickstoff drin. „Man kann so ein Gasnetz nicht einfach nur abschalten, es darf auch kein Erdgas mehr drin sein. Deswegen wird Stickstoff eingeblasen, der das Methan ersetzt. So können die Leitungen sicher im Boden verbleiben“, sagt Dr. Rainer Schöne, Bereichsleiter bei Energie 360°. Er befasst sich schon seit über zehn Jahren mit der Stilllegung des Zürcher Gasnetzes. Im Norden der Stadt wurde diese nun abgeschlossen. „Dort gibt es schon lange ein Fernwärmenetz und viele Kund*innen waren bereits umgestiegen. Wir haben ausgerechnet, dass es langfristig nicht wirtschaftlich wäre, das Gasnetz weiter zu betreiben, und einen Plan entwickelt, wie das Netz in fünf Etappen stillgelegt werden kann. Der Stadtrat hat dem dann zugestimmt.“
Konfliktfrei ging das im ersten Schritt nicht über die Bühne. „Am Anfang gab es großen Gegenwind, viele hat der Ausstieg überrascht – es war ja die erste Stilllegung in der Schweiz, vielleicht sogar weltweit.“ Viele Eigentümer*innen waren vom ersten Plan überfordert. „Sie haben längere Übergangsfristen eingefordert und sie auch bekommen. Für Heizungen, die noch keine 20 Jahre alt waren, gab es zudem Restwertentschädigungen.“ Wenn heute neue Stilllegungen bekannt gegeben werden, gäbe es so gut wie keine Reaktionen mehr. „Die Menschen wissen ja auch, dass es Alternativen gibt.“
Aus für Nieder- und Mitteldruck
Schrittweise soll in Fernwärmegebieten der Stadt bis spätestens 2040 das Gasverteilnetz stillgelegt werden, die Wärmeversorgung der Stadt wird auf lokale und klimafreundliche Energien umgestellt. Stück für Stück werden in den nächsten Jahren weitere Teile der Stadt mit Fernwärme versorgt, entsprechende Entscheidungen für Stilllegungen wurden bereits getroffen und kommuniziert. Eine zentrale Rolle spielen dabei Fernwärmenetze, die in mehreren Gebieten ausgebaut werden. „Langfristig sollen 60 Prozent der Siedlungsfläche mit Fernwärme erschlossen werden. Darüber hinaus wird es weitere lokale sowie erneuerbare Optionen wie etwa Wärmepumpen geben.“ Nur in speziellen Fällen wird das Gasnetz weiterbetrieben – so für industrielle Hochtemperaturprozesse oder die Spitzenlast von Wärmeverbünden. „Es wird nur das Nieder- und Mitteldrucknetz stillgelegt, die Hochdruckleitungen bleiben bestehen, sofern sie noch gebraucht werden.“ Auch in der mittelalterlichen Altstadt wird das Gasnetz weiter betrieben, langfristig jedoch mit erneuerbarem Gas. „Hier sind die Gassen zu eng für Fernwärmeleitungen und die Grundstücke zu klein für Wärmepumpen.“
Abschied vom Erdgas
Eine große Transformation ist die Stilllegung nicht nur für die Stadt Zürich, sondern auch für Energie 360°, das Unternehmen, das einst Erdgas Zürich hieß. „Wir haben eine Diversifikationsstrategie entwickelt, um das Unternehmen auf einen zukunftsfähigen, erneuerbaren Weg zu bringen. Inzwischen gehört es für uns zur Normalität, Gasnetze stillzulegen, es markiert den Abschied vom fossilen Gasgeschäft.“ Für Schöne war die geplante Transformation auch ein Grund, überhaupt bei seinem Arbeitgeber anzufangen.
Für die meisten Mitarbeiter*innen ist es eine große Motivation, die Transformation hin zu erneuerbaren Energien mitzugestalten.
Genug Alternativen, genug Zeit
Und was würde der Bereichsleiter Markt und Kund*innen anderen Städten raten, die aus der Versorgung mit Erdgas aussteigen wollen? „Zunächst: Den Kund*innen eine gangbare und sinnvolle Alternative für die Wärmeversorgung zu bieten. Und: Genug Zeit einplanen! Denn es gibt sehr unterschiedliche Heizarten. Einfach ist es bei jenen, bei denen die Zentralheizung im Keller von Erdgas auf Fernwärme umgestellt wird. Bei Etagenheizungen, Raumheizöfen oder Zentralheizungen unterm Dach ist es schwieriger – da sind die erforderlichen Umbauarbeiten deutlich umfangreicher und es muss viel investiert werden, um die Wärme zu verteilen.“ Eine Frist von fünf Jahren sei daher das Minimum für die Umstellung. „Viele sagen, dass zehn Jahre aber besser wären. Egal, welche Heizung vorher drin war – eine Modernisierung wäre aber früher oder später so oder so fällig. Umso besser, wenn sie nachhaltig geschieht.“
Dr. Rainer Schöne ist Bereichsleiter Markt und Kund*innen bei Energie 360°, vormals Erdgas Zürich.