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50 Jahre Stockholm-Konferenz: Wie sie unsere Arbeit bis heute beeinflusst

Im Juni 1972 fand die erste große Weltumweltkonferenz statt. Wie diese bis heute Einfluss auf die Arbeit des Öko-Instituts hat, erklärt Bereichsleiterin Franziska Wolff.

Die Vereinten Nationen (UN) haben die „Stockholm-Konferenz“ damals ins Leben gerufen. Die 113 Teilnehmer-Staaten verabschiedeten 26 Prinzipien zur Umweltpolitik und einen Aktionsplan zur grenzüberschreitenden Umweltzusammenarbeit. Noch 1972 gründete die UN im Anschluss das „Umweltprogramm der Nationen“ (UNEP). Sie ist die Wiege der internationalen Umweltpolitik und bis heute die einzige UN-Einrichtung, das sich nur mit Umwelt befasst. Wie die Konferenz bis heute die Arbeit des Öko-Instituts beeinflusst, erklärt Bereichsleiterin Franziska Wolff.

[caption id="attachment_3707" align="alignright" width="300"]Franziska Wolff vom Öko-Institut, Quelle: Öko-Institut Franziska Wolff vom Öko-Institut, Quelle: Öko-Institut[/caption]

„An die Stockholm-Konferenz muss man unbedingt erinnern. Denn Sie hat den Grundstein dafür gelegt, dass Staaten heute zum Umweltschutz und nachhaltiger Entwicklung weltweit zusammenarbeiten“, sagt Franziska Wolff, die den Bereich Umweltrecht & Governance am Öko-Institut leitet.

Grundstein für die internationale Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik

Die Gründer*innen des Öko-Instituts schritten fünf Jahre später, 1977, zur Tat. Das Forschungsinstitut entstand also zur selben Zeit, als sich Umweltverschmutzung und der Verlust biologischer Vielfalt nicht mehr kleinreden ließen. Das Institut hat damals die chemische Umweltverschmutzung von Flüssen und die Risiken der Kernkraftwerke wissenschaftlich belegt und vor allem öffentlich gemacht. Das Institut hat sich seitdem vom „Wissenschaftsrebellen“ zu einem international anerkannten Forschungs- und Beratungsinstitut entwickelt. Genauso wie die internationale Umweltpolitik inzwischen „erwachsen geworden ist“ und sich zu unzähligen internationalen Umweltabkommen verdichtet hat. Diese internationalen Verträge bilden heute das Umweltvölkerrecht.

Von Stockholm 1972 bis heute

„Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen ist zwar nicht so stark, wie wir es uns wünschen würden“, sagt Franziska Wolff, „das Programm ist und bleibt aber das Herzstück der internationalen Umweltpolitik. Denn ohne die Stockholm-Konferenz und die völkerrechtliche Verankerung von internationaler Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik in ihrem Nachgang, sähe die (Um-)Welt heute anders aus.“

Umweltabkommen: Franziska Wolff erinnert daran, dass UNEP maßgeblich die Entwicklung der Klima- und Biodiversitätskonvention vorangetrieben hat, aber auch die spezifischerer Umweltabkommen. Wichtige Beispiele sind das Balser Giftmüll-Übereinkommen, das Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht oder das „Stockholmer Übereinkommen zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt vor persistenten organischen Chemikalien“, die so genannte POP-Konvention.

Nachhaltige Entwicklung: Auch dieses Thema hat seine Wurzeln in der Stockholm-Konferenz und ihren Nachfolgekonferenzen – insbesondere der Rio-Konferenz von 1992. Diese brachte mit der „Agenda 21“ Umwelt und Entwicklung zusammen. Im Jahr 2015 mündete der Prozess in der „Agenda 2030“ und ihren 17 globalen Nachhaltigkeitszielen, den Sustainable Development Goals (SDGs). Sie vereinen ökologische, soziale und wirtschaftliche Ziele: von der Bekämpfung der Armut weltweit (SGD 1) über den Zugang zu ausreichend Wasser in guter Qualität (SGD 6) und zu bezahlbarer und sauberer Energie (SGD 7) bis zu nachhaltiger Produktion und Konsum (SGD 12) und weltweitem Klimaschutz (SGD 13). Alle 193 UN-Staaten haben sich zur Umsetzung der SDGs verpflichtet, Deutschland tut dies mit der Nachhaltigkeitsstrategie.

Der normative Rahmen: Die Sustainable Development Goals (SDGs)

„Die SGDs sind für unsere Arbeit heute am Öko-Institut ein zentraler normativer Rahmen“, sagt Franziska Wolff. An ihnen muss sich das Handeln von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft messen.

Doch der Weg, diese Ziele zu erreichen, ist steinig: Allein die Herausforderungen, die Klima- und die Biodiversitätskrise zu bekämpfen und mehr globale Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd zu schaffen, sind enorm. Dazu haben die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine soziale und ökonomische Verwerfungen verursacht, die die internationale Gemeinschaft bei der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele um Jahre zurückwerfen.

„Es ist daher dringend nötig, die politische Aufmerksamkeit und Umsetzungsressourcen wieder stärker auf die Nachhaltigkeitsziele zu lenken“, so Franziska Wolff. Die Erreichung von SDG 16 „Frieden und Gerechtigkeit“ gehe dabei Hand in Hand, künftige Umwelt- und Ressourcenkonflikte zu vermeiden oder abzumildern.

 

SGDs und internationale Umweltpolitik: Aktuelle Beispiele aus der Arbeit des Öko-Instituts

Das Öko-Institut ist beteiligt am Wissensaufbau, der nötig ist, damit die SGDs Wirklichkeit werden können. Einige Beispiele:

  1. Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, das Pariser Abkommen zum Klimawandel und das Sendai-Rahmenwerk für Katastrophenvorsorge sind drei internationale und „transformative“ Agenden, die 2015 verabschiedet wurden. Diese überschneiden sich teilweise und es bestehen Wechselwirkungen zwischen ihren Zielen. Wie kann ihre Umsetzung auf nationaler Ebene orchestriert werden, um Synergien zu nutzen und Zielkonflikte zu vermeiden? In einem Diskussionspapier befasst sich das Forschungsteam mit der Frage der integrierten Umsetzung der drei internationalen Agenden.

  2. Ein weiterer Knackpunkt: Wo liegen Synergien, wo Zielkonflikte zwischen den Umwelt- und Gesundheits-SDGs? Wie können sich Maßnahmen zur Förderung von Umwelt und Gesundheit gegenseitig unterstützen und wo hemmen sie sich? Ein Projekt im Auftrag des Umweltbundesamts soll die Schnittstellen von Umwelt- und Gesundheitspolitik stärker in der Öffentlichkeit bekanntmachen. Zudem sollen die Wissenschaftler*innen integrierte Handlungsansätze entwickeln und dazu beitragen, die Berichterstattung auf nationaler, europäischer und globaler Ebene aufeinander abzustimmen.

  3. Ein Forschungsteam beantwortet derzeit die Frage, welche globalen Transformationspfade bereits angedacht sind, um die SDGs und ihre Unterziele zu erreichen. Für die Themen nachhaltige Nahrungsmittelproduktion, Energieversorgung, Städte, Konsum und Produktion sowie Boden- und Flächennutzung identifizieren und analysieren sie dazu die Vorschläge aus Wissenschaft und Politik. Sie benennen zudem Lücken, wo noch keine Vorschläge existieren, diese aber sinnvoll wären.

  4. Ein Forschungsteam des Öko-Instituts hat Chancen und Risiken abgeschätzt, die sich aus Bioökonomie-Strategien für die Erreichung SDGs ergeben können, insbesondere für SDG 2 „Kein Hunger“ und SGD 15 „Leben an Land“. Dafür wurden unter anderem Technikpfade bewertet. Die Wissenschaftler*innen haben gezeigt, wie eine nachhaltige, ressourcenschonende Bioökonomie aussehen kann und Empfehlungen für politische Maßnahmen formuliert.

  5. Zudem hat das Öko-Institut mit Partnern die SGDs für Unternehmen, Produkte und die Produktpolitik messbar gemacht und dazu eine Software zur freien Nutzung entwickelt, die auch den Produktnutzen mitbewertet.

  6. Das Stockholmer Übereinkommen über persistente organische Schadstoffe (POPs) regelt, wie schwer abbaubare und toxische Chemikalien global verwendet werden dürfen. Weil weltweit tausende von Chemikalien auf dem Markt sind, spielt die Frage mit welchen zusätzlichen POPs zu rechnen ist, eine zentrale Rolle für die zukünftige Arbeit des Übereinkommens. Denn jede Vertragspartei kann neue Chemikalien für die Stoffliste vorschlagen. Vor diesem Hintergrund beauftragte das Umweltbundesamt das Öko-Institut mit der Entwicklung einer Strategie zur Identifizierung potenzieller POP-Kandidaten sowie der Evaluierung von Daten, Methoden und Verfahren.

Konferenz 2022

Zum 50. Jahrestag der Stockholm-Konferenz veranstalten die Vereinten Nationen Anfang Juni 2022 die Nachfolgekonferenz „Stockholm+50: a healthy planet for the prosperity of all – our responsibility, our opportunity“. Sie findet wieder in Stockholm statt.

Franziska Wolff leitet den Institutsbereich Umweltrecht & Governance am Standort Berlin. Ihr Arbeitsschwerpunkt sind umweltpolitische Strategien, Politikinstrumente, Governanceformen und ihre Bewertung. Anette Nickels ist Redakteurin im Referat Öffentlichkeit & Kommunikation am Standort Darmstadt.

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