3 Fragen an den Vorstand: Wolfgang Renneberg
© Öko-Institut / Ilja C. Hendel
Um ihn noch ein bisschen besser kennenzulernen, haben wir Wolfgang drei Fragen gestellt:
Frage 1: Du warst Mitglied im österreichischen Beirat für nationale Entsorgungssicherheit. Inwieweit unterscheidet sich die österreichische Endlagersuche von der deutschen?
In Österreich geht es nicht um die Entsorgung von hochradioaktivem Abfall aus Kernkraftwerken. Österreich hat sich 1978 in einem Volksentscheid gegen die zivile Nutzung der Atomenergie entschieden, bevor der erste schon fertiggestellte Atomreaktor zur Stromproduktion in Betrieb gehen konnte. Österreich hat jedoch wie nahezu jeder Staat in Europa radioaktive schwach- und mittelaktive Abfälle, die aus der Industrie, aus der Forschung oder aus der Medizin stammen. Hierfür eine Lösung zu finden, ist weit einfacher als die Erkundung und den Bau eines Tiefenendlagers für hochradioaktive Abfälle zu organisieren und zu finanzieren. Nach den Empfehlungen des österreichischen Entsorgungsbeirats aus dem Jahr 2025 kommt auch ein oberirdisches Endlager in Betracht. Diesem Beirat, der heute immer noch aktiv ist, gehören nicht nur Fachwissenschaftler*innen an, sondern auch Sozial- und Ethikwissenschaftler*innen, Vertreter*innen aus der Zivilgesellschaft, wie zum Beispiel auch aus Umwelt- und Naturschutzorganisationen. Dies ähnelt dem Vorgehen, wie es auch in Deutschland für die Endlagersuche eingerichtet wurde. Ziel ist es, ein Endlager im Jahr 2045 in Betrieb zu nehmen. Es ist eine intensive regionale Öffentlichkeitsbeteiligung vorgesehen, die nicht so detailliert ist wie das deutsche Verfahren. Dies ist wegen der geringeren Risiken aufgrund des österreichischen Verzichts auf die Nutzung der Kernenergie auch gerechtfertigt.
Frage 2: Was hat dich dazu bewogen, dich im Vorstand des Öko-Instituts zu engagieren und welche Themen bearbeitest du da?
Das Öko-Institut war der wesentliche Initiator der Energiewende. Bereits vor mehr als vierzig Jahren wurden die Grundlagen dieses Projekts wesentlich von ihm erarbeitet. Zudem hat das Öko-Institut seit Ende der siebziger Jahre wesentlich dazu beigetragen, dass die Risiken der Kernenergie nicht nur abstrakt, sondern sehr konkret mit Sachverstand formuliert wurden. Das hat mich als Physiker technisch überzeugt und ich begann, mich gegen die Risiken der Kernenergie – nach meinem juristischen Zweitstudium – auch rechtlich zu engagieren. Ausstieg aus der Atomenergie und Energiewende gehörten für mich von Anfang an immer zusammen. Den direkten Kontakt zum Öko-Institut fand ich bereits 1985. Dieser Kontakt verstärkte sich in den nachfolgenden Jahren hin zu einer direkten Zusammenarbeit in einzelnen Fragen der Reaktorsicherheit und ist bis heute nicht abgerissen. Ich bin deshalb froh darüber, dass ich heute einen kleinen Teil dazu beitragen kann, dass das Öko-Institut seine Rolle als Motor zur Wende hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft weiterhin wahrnehmen kann. Im Rahmen der Arbeitsteilung im Vorstand des Öko-Instituts bin ich verantwortlich für den Bereich der Kernenergie, des Strahlenschutzes und der Entsorgung. Mittlerweile hat sich in diesem Bereich auch eine Arbeitsgruppe zur transdisziplinären Forschung herausgebildet, die sich nicht nur mit radiologischen Fragen befasst.
Frage 3: Das Thema Reaktorsicherheit begleitet dich durch dein Berufsleben – von der Atomaufsicht bis zu dem von dir gegründeten Büro für Atomsicherheit. Was hat sich über die Zeit geändert?
Als ich mit meiner Arbeit begann, erschienen das System Kernenergienutzung und die sie treibende Nuclear Community übermächtig. Demonstrationen gegen die Errichtung eines Endlagers in Gorleben oder gegen die geplante Errichtung der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf, gegen Transporte von Brennelementen aus und nach Frankreich wurden zum Teil niedergeknüppelt. An Brennpunkten war zeitweise eine nahezu bürgerkriegsähnliche Situation entstanden.
Davon sind wir heute meilenweit entfernt. Im Gegenteil: Es wird heute in der Öffentlichkeit wieder friedlich über die Kernenergie als Heilsbringer diskutiert. Dabei werden heute wieder die gleichen Märchen erzählt, die zu Anfang und in der Hochphase der Kernenergienutzung immer wieder wiederholt wurden. Die Kernenergie stelle die Lösung für eine zuverlässige CO2-freie Energieversorgung dar, sie sei billig und nachhaltig und ungefährlich. Es sollten sogar alte stillgelegte Kernkraftwerke wieder in Betrieb genommen werden, weil dies die rationale Lösung des Energieproblems darstelle. Kritik dagegen sei ideologisch begründet. Diese Erzählungen wirken auf mich ermüdend. Es sind die gleichen, die ich bereits von früher kenne. Insoweit hat sich nichts geändert. Es sind alte Erzählungen, die sich niemals bewahrheitet haben und die Wirklichkeit schlichtweg verdrehen: Kernenergie ist zu gefährlich und zu teuer. Heute beträgt der Anteil der Kernenergieerzeugung an der weltweit erzeugten Gesamtenergie etwa 5 Prozent. Für Ihren Ausbau zur Begrenzung des Klimawandels bräuchte man zehntausend neuer Kernkraftwerke und mehr. Das ist weder technologisch noch administrativ noch finanziell machbar. Es ist eine absurde Vorstellung.
Weitere Informationen
Interview mit Wolfgang Renneberg zu Schweizer Kernkraftwerken, erschienen in infosperber am 2. April 2026
Wolfgang Renneberg ist Mitglied bei International Nuclear Risk Assessment Group (INRAG)