Steigende Bioenergienachfrage trifft auf begrenzte Potenziale
Biomasse verantwortlich nutzen
© Öko-Institut / Ilja C. Hendel
Neue gesetzliche Regelungen für Gebäude, Verkehr und Stromerzeugung könnten die Nachfrage nach Bioenergie in Deutschland bis 2045 deutlich erhöhen. Gleichzeitig sind die nachhaltig verfügbaren Biomassepotenziale begrenzt und könnten langfristig weiter zurückgehen. Das zeigt eine Kurzstudie des Öko-Instituts, des ifeu – Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg, des IREES – Instituts für Ressourceneffizienz und Energiestrategien und des Fraunhofer ISI.
Die Studie untersucht, wie sich neue gesetzliche Rahmenbedingungen, die noch nicht im Projektionsbericht 2026 berücksichtigt werden konnten, auf die Bioenergienachfrage bis zum Jahr 2045 auswirken könnten. Während der Projektionsbericht 2026 noch einen Rückgang von 1.055 auf 830 Petajoule (PJ) zwischen 2026 und 2045, also rund 20 Prozent, annimmt, könnte die Nachfrage im alternativen Szenario der Kurzstudie um rund 20 Prozent auf 1.266 PJ steigen. Damit läge sie im Jahr 2045 etwa die Hälfte über dem bisher projizierten Wert.
Neue Gesetze könnten Biomethanbedarf stark erhöhen
Ein wesentlicher Treiber ist das Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), das die bisherigen Vorgaben für erneuerbare Energien beim Einbau neuer Heizungen zugunsten fossiler Energieträger lockert. Entscheiden sich dadurch mehr Eigentümer*innen für Gasheizungen, könnte der Biomethanbedarf deutlich steigen. Denn die sogenannte Biotreppe des GModG schreibt für neue Gasheizungen schrittweise steigende Anteile klimafreundlicher Brennstoffe, wie Biomethan, vor. Im untersuchten Szenario werden zugleich deutlich weniger Wärmepumpen installiert als bisher angenommen. Die tatsächliche Entwicklung hängt von den künftigen Investitionsentscheidungen ab.
Weitere Nachfrageimpulse ergeben sich aus der Umsetzung der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED III) im Verkehrssektor durch höhere Anforderungen an die Treibhausgasminderung bei Kraftstoffen sowie aus dem aktuell veröffentlichten Entwurf der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG 2027), die unter anderem die flexible Stromerzeugung aus Biogas fördern soll.
In Summe kann im Jahr 2045 allein für Biomethan und Biogas mit einem Bedarf von 710 PJ gerechnet werden. Hinzu kommen 479 PJ an Holzenergie und 77 PJ an Biokraftstoffen.
Nachhaltige Biomassepotenziale könnten weiter sinken
Dem steigenden Bedarf steht ein begrenztes inländisches Angebot an Biomasse gegenüber. Verschiedene Szenariostudien schätzen das nachhaltig verfügbare Biomassepotenzial für die energetische Nutzung derzeit auf etwa 900 bis 1.000 PJ. Bis 2045 könnte es weiter auf unter 800 PJ sinken, wenn Klima-, Biodiversitäts- und Naturschutzziele konsequent umgesetzt werden.
Denn dies bedeutet, dass Landflächen und Biomasse zunehmend für die Wiedervernässung von Mooren, die Ausweitung von Agroforstsystemen und die stoffliche Nutzung von Holz benötigt werden. Zudem kann eine geringere Holzernte dazu beitragen, die Klimaresilienz und die Kohlenstoffspeicherung der Wälder zu stärken. Zusätzliche Potenziale aus Rest- und Abfallstoffen, Wirtschaftsdünger und Biomasse aus der nassen Moornutzung können diese Entwicklung nur teilweise ausgleichen.
Wachsende Versorgungslücke verschärft Zielkonflikte
Bereits heute liegt die projizierte Nachfrage über dem langfristig nachhaltig verfügbaren inländischen Biomassepotenzial. Durch die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen könnte diese Lücke weiter wachsen, insbesondere bei Biogas und Biomethan. Um den zusätzlichen Bedarf zu decken, wären dann höhere Importe von Bioenergie erforderlich.
Die Studienautor*innen zeigen damit mögliche Zielkonflikte zwischen dem weiteren Ausbau der Bioenergie und einer nachhaltigen Landnutzung auf. Eine weiter steigende Nachfrage könnte Rohstoffkonkurrenzen und Flächenkonflikte verschärfen sowie zusätzliche Umweltrisiken, Importabhängigkeiten und Infrastrukturkosten verursachen.
Diese Studie entstand in der Öko-Institut Consult gGmbH.