Protest als nukleares kulturelles Erbe am Beispiel Gorleben
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Wie nukleares kulturelles Erbe definiert ist, wird in dem ersten Artikel der Blogserie erklärt. Dort wird auch ausgeführt, wie nukleares kulturelles Erbe in Deutschland bestimmt wird und wo sich ein solches entwickelt (hat). Für unsere Studie haben wir drei Beispiele näher untersucht. Sie bündeln unterschiedliche Kategorien von Orten nuklearen kulturellen Erbes.
Das dritte Fallbeispiel Gorleben steht für eine stark politisch orientierte Standortfestlegung und ist im Ringen um diese Auswahl zu einem jahrzehntealten Symbol der Protestkultur gegen die zivile Nutzung der Kernenergie in (West-)Deutschland insgesamt geworden.
Orte eines potenziellen nuklearen kulturellen Erbes rund um Gorleben
Wie aus einem Dorf ein Protestort wurde
Gorlebens Geschichte als nuklearer Ort beginnt mit einer politischen Entscheidung in den 1970er Jahren als der Salzstock Gorleben als möglicher Standort für ein Nukleares Entsorgungszentrum (NEZ) benannt wurde. Zu der Zeit grenzte der niedersächsische Ort an die ehemalige DDR. Die Region ist sehr ländlich geprägt, mit kleinen Ortschaften, großen Waldflächen sowie landwirtschaftlichem Anbau. Geplant waren unter anderem eine Wiederaufarbeitungsanlage, ein Endlager für hochradioaktive Abfälle sowie weitere kerntechnische Einrichtungen. Damals wurde der abgelegene und dünn besiedelte Landstrich von politischer Seite als ideal angesehen, um die gesamte Entsorgung radioaktiver Abfälle der BRD zu zentralisieren.
Entgegen der politischen Erwartung formierte sich mit der Bekanntgabe des Standorts Gorlebens 1977 ein breiter Protest in der Bevölkerung. Erfolgreich wurde der Protest vor allem, weil er auch von den ansässigen Landwirt*innen unterstützt wurde und sie etwa Treckerfahrten oder Blockaden als Protestform etablierten. Je nach den aktuellen Plänen etwa dem Bau eines Kernkraftwerks und baulichen Maßnahmen wie Bohrstellen oder der Errichtung von Gebäuden, erhielten einzelne Orte der Region verschiedene Bedeutung. So wurde beispielsweise das Bohrloch 1004 ein zentraler Ort der Bewegung, als er von der ‚Republik Freies Wendland‘ übernommen und dort das erste Hüttendorf errichtet wurde. Hier wurden 33 Tage lang unter anderem Ideen einer selbstverwalteten Gemeinschaft mit eigenem Radiosender und ‚Ausweisdokumenten‘ erprobt. Die Bevölkerung der Umgebung unterstützte die Platzbesetzer*innen mit Lebensmitteln, Wasser und Brennholz.
Mit dem internationalen Gorleben-Symposium im März 1979 in Hannover, das zeitgleich zum Störfall in Harrisburg stattfand, gab es einen Wendepunkt im damaligen Konflikt. Während des Symposiums in Hannover versammelten sich dort die bis dahin meisten Anti-Atomkraft-Demonstrierenden. Der wissenschaftliche Schlagabtausch, begleitet vom großen öffentlichen Protest führt dazu, dass das Projekt in seiner bisherigen Dimension fallengelassen wird. In den 1990er Jahren entwickelten sich mit den ersten Castor-Transporten für radioaktiven Abfall in die Region neue Widerstandsformen mit großflächigen Blockaden entlang von Eisenbahnstrecken oder an zentralen Kreuzungspunkten und Besetzungen der errichteten Anlagen.
Mit dem Zwischenbericht Teilgebiete der Bundesgesellschaft für Endlagerung im Jahr 2020 wird dieser Standort nicht mehr für die langfristige Lagerung von Abfällen in Betracht gezogen und es sind keine weiteren Transporte hochradioaktiver Abfälle in das Zwischenlager geplant. Im Zuge der Protestbewegungen haben sich über Jahrzehnte hinweg kulturelle Praktiken und Artefakte entwickelt, die das Wissen der Bewegung sowie deren Aktionen dokumentieren und als Teil eines nuklearen kulturellen Erbes für künftige Generationen bewahrt werden. Mit dieser jahrzehntelang anhaltenden Protestbewegung entwickelte sich „Gorleben“ als Symbol sozialer Bewegungen und der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung.
Das Beluga-Dreieck als zentraler Gedenkort für den Anti-Atomkraft-Protest in der Region Gorleben.
© Dr. Viktoria Noka
Das Beluga-Dreieck als zentraler Gedenkort
Das nukleare kulturelle Erbe in der Region Gorleben entwickelte sich auf Basis von Plänen zum Bau kerntechnischer Infrastruktur. Materielle Objekte wie das Zwischenlager, das Erkundungsbergwerk sowie die dazugehörigen technischen Einrichtungen bestimmen den ersten Eindruck. Doch im Unterschied zu anderen nuklearen Standorten verlieren die technischen Objekte ihre zentrale Rolle und werden im kulturellen Gedächtnis durch andere Praktiken und Versammlungsorte abgelöst.
Dazu zählen unter anderem:
- das Beluga-Boot, das als sichtbares Zeichen des Widerstands errichtet wurde,
- die Undine-von-Blottnitz-Hütte als Ort der Begegnung,
- das Gorleben-Archiv, das Dokumente, Plakate sowie Film- und Foto Materialien der Protestbewegung sammelt,
- das weithin bekannte gelbe „X“ als Symbol des Widerstands gegen Atomtransporte,
- sowie das Kreuz am Ort des Gorleben-Gebets.
Das Beluga-Boot als zentrales Mahnmal in der Gorleben-Region für den Protest gegen Atomkraft.
© Dr. Viktoria Noka
Ein zentraler Ort ist das „Beluga-Dreieck“, das das Beluga Boot, den Ort des Gorleben Gebets und die Undine-von-Blottnitz-Hütte umfasst. Das Gelände der ehemaligen Salinas Salzgut GmbH, das heute Beluga-Dreieck genannt wird, liegt in der Nähe des Erkundungsbergwerks und des Zwischenlagers. Bereits in den 1970er Jahren war dort der Ausgangs- und Sammelpunkt für Demonstrationen gegen Atomkraft. Das Schiff diente ursprünglich für Demonstrationen und Gewässerprobenahmen und ist heute ein zentrales Mahnmal. Matthias Edler von Greenpeace meint dazu: „Das Greenpeace-Schiff vor den Toren des Salzstocks in Gorleben [sei] nicht nur Mahnmal für bereits gemachte Fehler, sondern auch ein Protest dafür, aus diesen Fehlern zu lernen.“ Der Platz wird immer wieder aufgesucht, um auch nach dem Ende der Erkundungen in Gorleben zu anderen wichtigen gesellschaftspolitischen Themen zu informieren und zu aktivieren, wie bspw. zu Problemen der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer. Der Ort hat sich als Informations- und Austauschort für verschiedene Protestformen etabliert.
Die Undine-von-Blottnitz-Hütte am Beluga-Dreieck als Informationsstelle für den Protest gegen Atomkraft in der Region Gorleben.
© Dr. Viktoria Noka
Im Jahr 2010 wurde auf dem Gelände zudem eine Schutzhütte durch Spenden von der Bäuerlichen Notgemeinschaft erbaut, die nach der engagierten Aktivistin Undine von Blottnitz benannt und heute als Sammlungs- und Informationsort dient. 2024 wurde diese nach umfangreichen Renovierungs-/Restaurierungsarbeiten neu eröffnet.
Das Kreuz der Andachtsstätte für das Gorleben Gebet.
© Dr. Viktoria Noka
Räumlich wie symbolisch eng verschränkt mit Boot und Hütte ist der Ort des Gorleben Gebets. Die ökumenische Initiative entstand 1988 mit einem ‚Kreuzweg für die Schöpfung‘ von Wackersdorf nach Gorleben. Seither wird jeden Sonntag eine Andacht im Wald bei Gorleben gefeiert. Ein Gedenkkreuz und eine Andachtsstätte wurden errichtet, somit ist die immaterielle Praktik materiell greifbar und inzwischen institutionalisiert. Das Gorleben Gebet stellte für die Demonstrierenden einen geschützten Ort dar und die Initiator*innen hatten eine vermittelnde Rolle zwischen etwa der Polizei und den Demonstrierenden. Neben der sonntäglichen Andacht finden auch regelmäßig Sonntagsspaziergänge rund um das ehemalige Erkundungsbergwerk statt.
Verschiedene Materialien für den Anti-Atomkraft-Protest in der Region Gorleben, oben mittig ist die Fahne der ‚Republik Freies Wendland‘ zu sehen.
© Dr. Viktoria Noka
Vom Tag X zur kulturellen Landpartie
Zur Unterstützung der verschiedenen Protestformen wurden unterschiedliche Artefakte geschaffen, die teilweise eine hohe Symbolkraft entfalteten wie beispielsweise die Wendlandfahne der ‚Republik Freies Wendland‘. Hervorzuheben ist das X der Kampagne X-1000mal-Quer, das anfangs für den Tag stand, an dem der Castortransport erwartet wurde und Sinnbild für den gesamten Protest wurde. Ein „Tag X“-Plakat erhielt große Aufmerksamkeit, da Josep Beuys es mit der Widmung „Menschengemässe Kunst muss 1. Die Zerstörung des Menschengemäßen verhindern und 2. Das Menschengemäße aufbauen – nur das ist KUNST und sonst gar nichts“ versah und so zu einem Kunstwerk erklärte. Das Plakat war wegen „Aufforderung zur Gewalt“ verboten und die Erklärung zum Kunstwerk schützte die Träger*innen und Aussteller*innen vor Strafverfolgung. Heute stehen in der Region verteilt mehrere gelbe X, die an den Widerstand erinnern. Ein Interviewpartner betont, dass einige Leute, „ihre X hegen und pflegen und regelmäßig lackieren.“ (Gorleben_ID6) Die Protestgeschichte prägt die Identität der dort lebenden Bürger*innen.
In den 1990er Jahren entwickelten sich weitere Protest- und Erinnerungsformen, etwa Konzerte, Kulturevents aber auch Theateraufführungen. Die erstmals im Jahr 1989 veranstaltete „Kulturelle Landpartie“ vergrößerte sich dabei von Jahr zu Jahr durch mehr Teilnehmende und weitere Erinnerungsorte. An verschiedenen Orten der Region werden künstlerische und kulturelle Angebote gemacht, die privat getragen werden. Neben dem Gorlebener Widerstand hat sich die Themenpalette über die Jahre erweitert und bildet beispielsweise auch die Energiewende, den Klimawandel und nachhaltiges Wohnen ab.
Die verschiedenen Praktiken und Objekte sind Ausdruck eines kulturellen Prozesses, in dem die Protestbewegung zum erinnerungswürdigen Ereignis wird. Immaterielle Praktiken sind eng verwoben mit materiellen Spuren und konstruieren gemeinsam das nukleare kulturelle Erbe.
Zivilgesellschaftlich getragene Erinnerungskultur
Im Gegensatz zu anderen Standorten, an denen staatliche Institutionen eine zentrale Rolle bei der Pflege des kulturellen Erbes spielen, ist das nukleare kulturelle Erbe in Gorleben maßgeblich von zivilgesellschaftlichen Akteuren geprägt. Als zentrale Gruppen zu nennen sind hier vor allem: Landwirt*innen, Lokalpolitiker*innen, Vertreter*innen des Adels (Graf Bernstorff, von Blottnitz, von dem Bussche), organisierte Senior*innen (‚Initiative 60‘) sowie Frauen-Initiativen (Gorleben-Frauen). Institutionalisiert werden die Praktiken unter anderem durch die Gründung von Bürgerinitiativen und Vereinen sowie in der Entwicklung und Sammlung von Artefakten beispielsweise im Gorleben Archiv. Eine zentrale Initiative ist die 1974 gegründete Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, die 1977 zum Verein wird.
Neben diesen Akteuren stehen beteiligte Firmen und Bundeseinrichtungen, die an der Umsetzung des Standorts Gorleben interessiert waren. Sie haben durch ihre Arbeit oder auch unmittelbar durch öffentliche Auftritte auf politische Narrative und Praktiken vor Ort Einfluss genommen.
Ein vermittelnder Akteur zwischen Protest, Politik und Bevölkerung war die Elbe-Jeetzel-Zeitung, die als kleine Regionalzeitung aus Lüchow sowohl Anzeigen der verschiedenen Akteure und Gruppen als auch Leser*innenbriefe sowie Erfahrungsberichte einzelner Betroffener und eigene Artikel sowie Kommentare zu aktuellen Ereignissen veröffentlichte und damit zu einem Spiegelbild der Aktionen und Diskurse wurde. Die Zeitung war in dem Landkreis die einzige Plattform, auf die alle Zugriff hatten.
Im nächsten und abschließenden Blogbeitrag der Reihe werfen wir einen Blick auf den Einfluss vom nuklearen kulturellen Erbe auf die Endlagerdiskussion und wie das Erbe bei der Standortsuche helfen kann.
Dr. Melanie Mbah ist Forschungskoordinatorin für transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung beim Öko-Institut und in der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Endlagerforschung (DAEF) sowie in der Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung engagiert. Dr. Viktoria Noka ist Senior Researcher im Bereich Energie & Klimaschutz am Standort Berlin und hat zu den Anti-Atomkraft-Protesten in Gorleben promoviert.
Weitere Informationen
Blogbeitrag „Was ist ein nukleares kulturelles Erbe?“
Blogbeitrag „Das nukleare kulturelle Erbe der Wismut-Region“
Blogbeitrag „Garchings Forschungsreaktor als nukleares kulturelles Erbe"
Studie „Kartierung von Orten eines potenziellen nuklearen Erbes in Deutschland”
Annotierte Bibliographie von Literatur zu nuklearem kulturellem Erbe in Deutschland
Noka, Viktoria (2024) The Wendland Movement: Anti-nuclear energy resistance in Gorleben. PhD thesis.