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Kernenergie weltweit: Zahlen im Faktencheck

Kernenergie wird global immer wieder als Zukunftstechnologie behandelt und als notwendige Lösung für die klimafreundliche Energieerzeugung. Dabei sind die Fakten wichtig – aber sie benötigen einen Kontext. Dr. Christoph Pistner ordnet verschiedene Fakten zur Kernenergie in den Gesamtkontext ein.

Wie entwickelt sich die Kapazität der Kernenergie?

Die IAEA verweist darauf, dass sich die Kapazität der Kernenergie bis 2050 verdoppeln könne.

In den historisch immer zu optimistischen Szenarien der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA liegt die untere Grenze der Kernenergiekapazität in 2050 bei 591 Gigawatt und damit nur 57 Prozent höher als die heutige weltweite Kernenergienutzung (376 GW). Selbst wenn die obere Grenze von 992 Gigawatt (GW) erreicht wird, verfehlt dies deutlich den von über 30 Staaten verfassten Aufruf, die Kernenergie bis 2050 zu verdreifachen, was eine Kapazität von 1.128 GW erfordern würde.

KennzahlWert
Aktuelle Kapazität376 GW
Unteres Szenario 2050591 GW
Oberes Szenario 2050992 GW
Verdreifachungsziel~1.128 GW

Wie entwickelt sich die Zahl der weltweit betriebenen Reaktoren?

Die IAEA verweist auf 416 weltweit in Betrieb befindliche Reaktoren (Stand November 2025).

Aber zwanzig Jahre zuvor waren es noch 442 Reaktoren. Seit rund zwei Jahrzehnten schwankt die Anzahl der betriebenen Reaktoren und hat trotz einzelner Neubauten abgenommen.

Wie dynamisch ist die aktuelle Bautätigkeit?

Die IAEA verweist darauf, dass sich 63 Reaktoren in Bau befinden (Stand November 2025).

Momentan befinden sich sogar 67 Reaktoren im Bau. Diese Zahl liegt aber immer noch deutlich unter dem historischen Hoch der Bautätigkeit und wird nicht ausreichen, um das oben genannte Ziel einer Verdopplung der weltweiten Kapazitäten bis 2050 zu erreichen. 

Werden neue Anlagen ans Netz kommen?

Die IAEA verweist darauf, dass im Zeitraum 2024-2025 verschiedene neue Anlagen ans Netz gegangen sind.

  1. Tatsächlich wurden 2024 und 2025 acht Anlagen mit einer Kapazität von 8,569 Gigawatt (GW) in Betrieb genommen.
  2. Im selben Zeitraum wurden jedoch auch acht Anlagen mit einer Kapazität von 5,681 GW stillgelegt. 

So entsteht lediglich ein Zuwachs von netto 2,888 GW und die Zahl der Anlagen blieb gleich. Bleiben diese Zahlen zukünftig ähnlich, würden bis 2050 gerade mal 36,1 GW zusätzliche Leistung installiert sein, in Summe also 412 GW. Diese Zahl entspricht gerade einmal 70 Prozent der oben genannten „unteren Grenze“ von 2050 und gerade mal 42 Prozent der “oberen Grenze”.

Bei allen zuletzt in westlichen Ländern fertiggestellten Kernkraftwerken ist es darüber hinaus zu massiven Überschreitungen der anfänglich geplanten Bauzeiten und Baukosten gekommen.

Wie entwickelt sich die Zahl der kernenergienutzenden Staaten?

Die Zahl der Länder, die Kernenergie nutzen, ist seit Jahrzehnten weitgehend stabil. Zwar steigen einzelne Staaten neu ein, gleichzeitig haben andere Länder den Ausstieg vollzogen, wie etwa Deutschland, oder zumindest beschlossen, wie etwa die Schweiz.

Die internationale Verbreitung verändert sich damit strukturell nur begrenzt. Ein deutlicher globaler Expansionstrend ist bislang nicht zu erkennen.

Und liefert Kernenergie außer Strom nicht auch noch Wärme?

Kernenergie wird neben der Stromproduktion u.a. auch zur Wärmeerzeugung eingesetzt. Die Größenordnungen unterscheiden sich jedoch erheblich.

Die Wärmenutzung entspricht damit etwa 0,1 Prozent der Stromproduktion.

Die nicht-elektrische Nutzung spielt im globalen Maßstab bislang eine untergeordnete Rolle.

Ausblick

Wie die aufgeführten Fakten und Zahlen belegen, stagniert die Nutzung der Kernenergie weltweit weiterhin, trotz massiver staatlicher Förderprogramme. Der Anteil an der weltweiten Energieerzeugung liegt mit etwa fünf Prozent im sehr niedrigen Bereich. Angesichts der obigen Zahlen ist nicht zu erkennen, dass sich dies zukünftig massiv verändert. 

Dr. Christoph Pistner ist Physiker und leitet den Bereich Nukleartechnik & Anlagensicherheit am Standort Darmstadt. 

Weitere Informationen

Blogbeiträge zum Thema Kernenergie

2 Kommentare

  1. Stefan Flaig 07.04.2026 17:14

    Interessant wäre aus meiner Sicht eine Darstellung, wie viele von den 67 in Bau befindlichen AKW sich in Staaten befinden, die den Bau oder die Kernkraft in welcher Höhe subventionieren. Ich gehe davon aus, dass keine AKW ohne staatliche Unterstützung neu gebaut werden.

    1. Dr. Christoph Pistner 13.04.2026 10:06

      Mir wäre weltweit kein Kernkraftwerk bekannt, dass ohne (direkte oder indirekte) staatliche Förderung gebaut wird. Die überwiegende Zahl von Kernkraftwerken wird in China (35), Indien (8), Russland (5) sowie der Türkei und Ägypten (jeweils 4) gebaut. Tatsächlich hat die Europäische Kommission in ihrem gerade verabschiedeten Hinweisenden Nuklearprogramm auf den erheblichen Finanzierungsbedarf für den Erhalt der europäischen Kernenergiekapazität hingewiesen und geht davon aus, das zusätzliche staatliche Finanzierungshilfen in unterschiedlicher Form hierfür erforderlich sein werden.

  2. Lutz Mez 09.04.2026 20:47

    PRIS der IAEA sollte immer mit dem World Nuclear Industry Status Report getestet werden. Der aktuelle WNISR 2025 ist leicht zu finden.

    1. Dr. Christoph Pistner 13.04.2026 10:08

      In der Tat ist der WNISR eine sehr wichtige und geeignete unabhängige Quelle, um Zahlen und Daten der IAEA zu überprüfen, da die IAEA ja gemäß Artikel II ihrer Satzungsstatuten die Förderung der Kernenergie zum Ziel hat und daher diesbezüglich per se nicht als unabhängig angesehen werden kann. In diesem Blog ging es allerdings primär darum, von der IAEA veröffentliche Aussagen mit anderen, von der IAEA veröffentlichten Zahlen zu kontrastieren bzw. in einen Kontext zu setzen, der eine Einordnung der Zahlen erlaubt.

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