Nukleares kulturelles Erbe als Basis für die Endlagersuche?
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Wie nukleares kulturelles Erbe definiert ist, wird in dem ersten Artikel der Blogserie erklärt. Die vorangegangenen Beiträge dieser Blogserie haben gezeigt, wie sich ein solches Erbe in unterschiedlichen Kontexten entwickelt hat, erstens am Beispiel des Uranerzbergbaus in der Wismut-Region, zweitens rund um die Kernforschung in Garching und drittens im Zuge des jahrzehntelangen gesellschaftlichen Protests in Gorleben, der sich zunächst gegen die Planung eines nationalen Entsorgungszentrums richtete. Doch welche Bedeutung kann dieses kulturelle Erbe für die heutige Endlagersuche haben?
Endlagersuche – ein langer Prozess
Die Suche nach einem langfristigen Standort für den hochradioaktiven Abfall aus der Nutzung der Kernenergie ist ein umfangreiches Unterfangen. Wie die Suche vonstattengehen soll, ist im Standortauswahlgesetz (StandAG) vorgeschrieben. Eine Studie aus 2024 hat untersucht, welche Abläufe das Gesetz vorgibt und mit welchem Zeitaufwand zu rechnen ist. Im Gesetz ist 2031 als Zielmarke festgelegt. Diese Zeitspanne greift nach heutigen Erkenntnissen jedoch zu kurz. Vielmehr zeigt die Studie unter Betrachtung des heutigen Kenntnisstandes, dass die Suche erst 2074 abgeschlossen sein wird. Die Endlagerstandortsuche ist also ein gesellschaftliches Langzeitprojekt, das mit Bau des Endlagers und der Einlagerung der hochradioaktiven Abfälle noch viele Jahrzehnte andauern wird. Einige Unsicherheiten und Unwägbarkeiten sind mit der sicheren Entsorgung der hochradioaktiven Abfälle und diesen langen Zeithorizonten verbunden. Wie kann Wissen erhalten und über viele Jahre gesichert werden? Nukleares kulturelles Erbe kann die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für dieses Thema sichern und damit einen Beitrag zum Wissenserhalt leisten.
Raumsensibel und langfristig agieren
Nukleares kulturelles Erbe kann zu einer Long-term Governance der Entsorgung beitragen. Eine raumsensible Long-term Governance hat zum Ziel vorrausschauende, adaptive und flexible Entscheidungsfindungen zu ermöglichen. Dabei sollen alle relevanten Institutionen und Akteure über den gesamten Entsorgungspfand hinweg kooperieren. Auch an Orten nuklearen kulturellen Erbes kooperieren Akteure und Institutionen über lange Zeiträume hinweg, hieraus kann sowohl für das Standortauswahlverfahren für ein Endlager gelernt werden als auch Verknüpfungen zu Akteuren und Institutionen im Rahmen einer Long-term Governance hergestellt werden. Das trägt zur Institutionalisierung von nuklearem kulturellem Erbe bei und stärkt Entscheidungsmechanismen und -strukturen einer Long-term Governance. Für die Standortsuche ist nukleares kulturelles Erbe bedeutsam in Hinsicht der Öffentlichkeitsbeteiligung, Risikowahrnehmung, Langzeitdokumentation und Reversibilität. Nukleares kulturelles Erbe kann hier einen Beitrag leisten, weil es materielle Objekte wie zum Beispiel Gebäude oder Teile kerntechnischer Anlagen sowie Mahnmale, Dokumente und immaterielle Praktiken des Erinnerns über beispielsweise Archiv- oder Kulturarbeit zusammenführt. Das Standortauswahlverfahren kann so raumsensibler und damit gesellschaftlich tragfähiger werden.
Durch das nukleare kulturelle Erbe wird die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die Endlagerthematik erhalten. Akteure sind über Generationen hinweg daran beteiligt und das Thema bleibt so über unterschiedliche Gruppen und Orte präsent. Konkret heißt das in Bezug auf die vier oben genannten Punkte:
- Risikowahrnehmung
Risikobewertungen sind standortspezifisch. Sie sind geprägt von unterschiedlichen Erfahrungen, regionaler Kultur und politischen Auseinandersetzungen. Zudem sind sie in einer Region abhängig von den jeweiligen Akteuren. Hier spielen ebenso die verschiedenen Erfahrungs- und Wissenshorizonte eine Rolle. Die Forschung zeigt beispielsweise, dass die individuelle Risikowahrnehmung sinkt, wenn zwischen Akteuren und Entscheider*innen eine Vertrauensbasis besteht. Für die Standortsuche ergibt sich daraus: Regionen sind verschieden, es gibt keine “one-size-fits-all"-Lösungen, sie sollten einzeln betrachtet werden und der Einbezug lokaler und regionaler Akteure ist zentral. - Öffentlichkeitsbeteiligung
Öffentlichkeitsbeteiligung umfasst die rechtlich vorgegebene Beteiligung beispielsweise in Stellungnahme- und Anhörungsverfahren und die informelle oder ergänzende Öffentlichkeitsbeteiligung, die auf freiwilliger Basis unterschiedlicher Akteure stattfindet. Beteiligung kann mit unterschiedlicher Intensität stattfinden, aber sie bezieht sich immer auf Mitwirkung und ist somit mehr als reine Information.
Zwischen nuklearem kulturellem Erbe und gelungener Beteiligung besteht kein einfaches kausales Verhältnis, es zeigt aber neue Beteiligungsformen und relevantes Wissen für Beteiligungsprozesse auf. An seiner Entwicklung sind sehr unterschiedliche Akteure beteiligt und dadurch werden vorhandene Netzwerke und eingeübte Formen von Kommunikation und Zusammenarbeit sichtbar. Besonders wichtig ist dabei die Perspektivenvielfalt: Sie muss über lange Zeiträume erhalten werden, auch dann, wenn Akteure sich nicht formal beteiligen möchten oder können. - Langzeitdokumentation
Für eine umfassende Dokumentation ist eine „komplementäre Wissenssicherung“ nötig und nicht nur das passive Aufbewahren von Dokumenten. Dadurch wird eine aktive Auseinandersetzung möglich. Neben staatlichen und formalen Wissensspeichern werden auch kulturelle Praktiken, zivilgesellschaftliche und künstlerische Akteure einbezogen. Narrative, Rituale, Archive, Mahnmale, Ausstellungen oder regelmäßige Treffen können Wissen nicht nur konservieren, sondern es aktiv im Umlauf halten. Der Wissenserhalt ist für den langfristigen Prozess der Endlagerung bedeutend. Hier sind eventuell neue Wege der Sammlung und Archivierung von Wissen notwendig, um neue Codes und kreative Ansätze im Zusammenhang mit dem nuklearen kulturellen Erbe in Bezug auf Sicherheit und Endlagerstandort zu dokumentieren und zu erinnern. - Reversibilität
Für die Reversibilität – also die Möglichkeit, Entscheidungen zu überprüfen, zu korrigieren und gegebenenfalls zurückzunehmen – liefert nukleares kulturelles Erbe ebenfalls Anhaltspunkte. Es ist ein zentraler Begriff im Standortauswahlverfahren, es fehlt ihm bisher aber die praxisnahe Umsetzung und Ausgestaltung. Das nukleare kulturelle Erbe bietet hier gute Ansatzpunkte, da nukleares kulturelles Erbe sich über Diskurse entwickelt, die überwiegend gut dokumentiert sind. Die Entwicklung von nuklearem kulturellem Erbe verläuft phasenhaft und enthält Korrekturen, die verschiedene Ziele zusammenbringen. Veränderung ist Bestandteil eines lernenden Umgangs mit komplexen Langzeitaufgaben.
Wie viel Institutionalisierung gibt es bereits?
Verschiedene Stätten und Formen nuklearen kulturellen Erbes als Institutionen zu begreifen und zu analysieren erlaubt, ihre mögliche Rolle in der Endlager-Governance differenziert zu betrachten. Unterschiedliche Institutionalisierungsformen bringen potenziell unterschiedliche Rollen und Beiträge mit sich.
Wie stark nukleares kulturelles Erbe in Deutschland bereits institutionalisiert ist, fällt je nach Region sehr unterschiedlich aus. Es gibt formelle, informelle und gemischte Formen der Institutionalisierung. Das sind beispielsweise staatlich getragene Einrichtungen wie Archive oder Museen, wiederkehrende immaterielle Praktiken wie die Gorleben-Spaziergänge sowie Mischformen wie vereinsgetragene Archive. Die Auseinandersetzung kann passiv durch das Erinnern über Objekte oder aktiv durch das Erinnern über Praktiken wie die Bergparaden in der Wismut-Region oder dem Gorlebener Gebet erfolgen. Für eine Institutionalisierung braucht es eine gemeinsame Erzählung und ein gemeinsames Ziel, das mit der Standortsuche gegeben ist. Bundesweit wurden 77 Orte eines potenziellen nuklearen kulturellen Erbes identifiziert. Die Bündelung von mehreren Orten des nuklearen kulturellen Erbes weist auf eine hohe Institutionalisierung hin. Für eine beständige Institutionalisierung braucht es die Verknüpfung unterschiedlicher Objekte, Artefakte und Praktiken und eine dauerhaft gesicherte Finanzierung, beispielsweise über Spenden oder Fördermittel. Wissenschaftliche und künstlerische Aufarbeitung sind dabei vorteilhaft. Sie erhalten sich durch viele, diverse und gut vernetzte Akteure etwa zivilgesellschaftliche, wissenschaftliche und staatliche.
Fazit
Ausgangspunkte für Orte des nuklearen kulturellen Erbes sind immer kerntechnische Anlagen, auf die sich die gesellschaftliche Auseinandersetzung an unterschiedlichen Orten bezieht. Dabei können die Auseinandersetzungen sehr verschieden ausfallen wie etwa in der Wismut-Region, wo der Uranerzbergbau lange Zeit positiv besetzt und kritischer Diskurs nicht erlaubt war oder in Gorleben, wo es großen gesellschaftlichen Protest mit neuen Formen gab. Nukleares kulturelles Erbe ist eine Ressource für den Umgang mit der langfristigen Aufgabe, einen Standort für das Endlager für hochradioaktiven Abfall zu suchen und zur sicheren Entsorgung hochradioaktiver Abfälle über einen langen Zeitraum hinweg beizutragen. Über nukleares kulturelles Erbe kann Wissen erhalten und zusätzliche Perspektiven in die Beteiligungsprozesse eingebracht werden. Aus Erinnerungen, Erfahrungen und regionalen Praktiken kann so ein tragfähiger Beitrag für die Endlager-Governance werden. Räume für kontinuierlichen Austausch, vielfältige Akteure, eine gute Verknüpfung der Akteure und der beteiligten Institutionen sowie eine verlässliche Finanzierung sind dafür notwendig.
Dr. Melanie Mbah ist Forschungskoordinatorin für transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung beim Öko-Institut und in der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Endlagerforschung (DAEF) sowie in der Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung engagiert.
Weitere Informationen
Blogbeitrag „Was ist ein nukleares kulturelles Erbe?“
Blogbeitrag „Das nukleare kulturelle Erbe der Wismut-Region“
Blogbeitrag „Garchings Forschungsreaktor als nukleares kulturelles Erbe"
Blogbeitrag „Protest als nukleares kulturelles Erbe am Beispiel Gorleben"
Studie „Kartierung von Orten eines potenziellen nuklearen Erbes in Deutschland”
Annotierte Bibliographie von Literatur zu nuklearem kulturellem Erbe in Deutschland