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Garchings Forschungsreaktor als nukleares kulturelles Erbe

Wie wir uns mit dem radioaktiven Abfall auseinandersetzen beziehungsweise uns an dessen Gefahren erinnern, kann sich in einem nuklearen kulturellen Erbe widerspiegeln. Bereits heute gibt es nukleares kulturelles Erbe in Deutschland, aus dem für die Endlagersuche gelernt werden kann. In dieser Blogserie beschreibt Dr. Melanie Mbah, was dieses Erbe ausmacht, welche Fallbeispiele es in Deutschland gibt und welche Lehren sich daraus für die Endlagersuche ableiten lassen. Das zweite Beispiel widmet sich der Forschung über Kernenergie anhand des Forschungsreaktors in Garching.
  • Dr. Melanie Mbah
    Forschungskoordinatorin für Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung / Senior Researcher Nukleartechnik & Anlagensicherheit
Illustration mit zwei Menschen, die Fässer mit radiaktivem Abfall halten und über die Erdkugel laufen

Wie nukleares kulturelles Erbe definiert ist, wird in dem ersten Artikel der Blogserie erklärt. Dort wird auch ausgeführt, wie nukleares kulturelles Erbe in Deutschland bestimmt wird und wo sich ein solches entwickelt (hat). Für unsere Studie haben wir drei Beispiele näher untersucht. Sie bündeln unterschiedliche Kategorien von Orten nuklearen kulturellen Erbes.

Das zweite Beispiel widmet sich der Forschung über Kernenergie. Dazu wird der erste deutsche Forschungsreaktor in Garching nahe München herangezogen. Auch dort lassen sich Entwicklungen nuklearen kulturellen Erbes nachvollziehen. 

Vom Ackerland zum Forschungszentrum

Die Geschichte der Kernenergie in Deutschland beginnt Anfang der 1950er Jahre als die Forschungsgruppe um Werner Heisenberg am Max-Planck-Institut für Physik (zunächst in Göttingen und dann in München) ein deutsches Atomprogramm forcierte. Das Reaktorforschungszentrum wird jedoch durch die Entscheidung des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer in Karlsruhe aufgebaut. München erhält um die Gruppe von Heinz Maier-Leibnitz die Möglichkeit das sogenannte „Atom-Ei“ für die Technische Hochschule München in den USA zu bestellen. Der damalige bayrische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner und Franz Josef Strauß, der 1955 zum Bundesminister für Atomfragen ernannt wurde, unterstützten diese Entwicklung. 1956 erhielt Maier-Leibnitz die Genehmigung und reiste wenige Tage später in die USA, um den Reaktor zu bestellen. Bereits im Oktober 1957 wurde der Forschungsreaktor München (FRM I) in Betrieb genommen. Zwischen Antrag und Inbetriebnahme lag also nur ein kurzer Zeitraum. Gebaut wurde er in Garching, einem Münchner Vorort, der zu dem Zeitpunkt noch dörflich geprägt war. In den folgenden Jahren erweiterte sich der Forschungscampus und ist heute eines der größten Forschungszentren der Welt. Garching entwickelte sich entsprechend von einem kleinen Dorf zu einer Stadt mit einer guten Infrastruktur und dem Atom-Ei als prägnantem Wahrzeichen. Das Atom-Ei ist bis heute identitätsstiftend für die Stadt-Garching und wurde beispielsweise in das Wappen der Stadt aufgenommen. 

Der erste Forschungsreaktor in Garching

Praktiken und Artefakte rund um das Atom-Ei

Im Zentrum des nuklearen kulturellen Erbes rund um München steht der Forschungsreaktor I, das Atom-Ei, das 2000 außer Betrieb genommen wurde. Durch den prägnanten Bau prägte der FRM I lange das Garchinger Stadtbild. Von der Autobahn aus war es das Erste, was von Norden aus kommend München anzeigte. Die aluminiumverkleidete Kuppel steht seit 1997 unter Denkmalschutz. Seit 2014 wird das Innere der Kuppel zurückgebaut und soll langfristig als Ort für die Wissenschaft zur Verfügung stehen. Weiterhin gibt es zwei große Ausstellungen zu Atomphysik und Energietechnik am Deutschen Museum München. Die Ausstellung zu Energietechnik hat etwa eine Million Besucher*innen pro Jahr. Das Forschungszentrum und das Deutsche Museum München haben einen engen Austausch. Außerdem gibt es das Archiv Deutsches Atomerbe, in dem auch zum FRM I Dokumente gesammelt werden.

Zu Anlässen wie Jubiläen wird wiederkehrend die Geschichte des Atom-Eis aufbereitet, beispielsweise auch von Studierenden des Lehrstuhls für Bildende Kunst an der Technischen Universität München (TUM). In diesem Zuge wird in den Medien häufig an das Richtfest vom FRM I erinnert, bei dem es die sogenannte Atom-Mahlzeit gab und die Speisen passende Namen wie „Vorfluterbrühe mit Kerneinlage“ erhielten. In der Stadtgeschichte Garchings ist der Bau des Atom-Eis in jeder Hinsicht präsent, dies zeigt auch ein von lokalen Bürger*innen eingesprochener Podcast, ein Hörpfad und ein Geschichtslehrpfad.

Zweiter Forschungsreaktor in Garching

Der zweite Forschungsreaktor in Garching, der 2004 in Betrieb genommen wurde.

Der zweite Forschungsreaktor als Protestauslöser

In den 1980er Jahren wurde ein zweiter Forschungsreaktor FRM II geplant. Erst gegen diesen, auch im Nachklang der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl, wurde vermehrt protestiert. Unter anderem gründete sich 1986 die Bürgerinitiative „Mütter gegen Atomkraft e.V.“ und 1991 die Bürgerinitiative „Bürger gegen Atomreaktor München e.V.“, deren Mitglieder sich konkret gegen den Bau des FRM II einsetzten. Lokalpolitiker*innen, NGOs und Tageszeitungen äußerten sich ebenfalls kritisch.

Trotz des Widerstands wurde der FRM II zwischen 1996 und 2004 gebaut und 2004 in Betrieb genommen. Im Gegensatz zum Atom-Ei wird der FRM II als eher störend im Landschaftsbild empfunden: „Das ist so ein richtiger Klotz in der Landschaft“, so ein Zeitzeuge (München_ID3). 

Während der FRM I positiv und eher als Aufbruch in die Moderne wahrgenommen wurde, wurde bereits die Bauplanung des zweiten Forschungsreaktors kritisch betrachtet. Das zeigt sich auch in Medienberichten. Begründen lässt sich die unterschiedliche Wahrnehmung auch mit den historischen Ereignissen, die zwischen dem ersten und dem zweiten Forschungsreaktor liegen. 

Wissenschaftsstandort wirkt sich auf Kultur- und Bildungseinrichtungen aus

Verflechtungen im Rahmen des nuklearen kulturellen Erbes in der Region um München bestehen heute vor allem zwischen Kultur- und Bildungseinrichtungen und der Wissenschaft sowie in Teilen der (Kern-)Energiewirtschaft. So pflegen beispielsweise Museen, wie das Deutsche Museum, mit Energieversorgungsunternehmen (EVU) enge Kontakte, um beispielsweise an Artefakte kerntechnischer Anlagen, die sich im Rückbau befinden, zu gelangen. Dabei wird dieser Kontakt auch in die entgegengesetzte Richtung gepflegt, das heißt EVU treten an die Museen heran und fragen, ob an bestimmten Artefakten Interesse besteht.

Vor allem zu Zeiten der Planung und des Baus des FRM II vernetzten sich Lokalpolitiker*innen der Partei Bündnis 90/Die Grünen, Mitglieder des BUND, den Bürgerinitiativen „Bürger gegen Atomreaktor Garching e.V.“, „Mütter gegen Atomkraft e.V.“ und das Umweltinstitut München e.V. Sie bündelten den Protest, konnten den Bau des FRM II aber nicht verhindern.

Große Auswirkungen auf die Entwicklung des Ortes Garching vom Dorf zur Stadt hatten und haben die zugezogenen Wissenschaftler*innen. Wegen des Forschungszentrums wurde beispielsweise die Infrastruktur ausgebaut. Auch der Bau des Gymnasiums ist auf die Initiative von Wissenschaftler*innen zurückzuführen, die ihren Kindern ohne weite Anfahrtswege das Abitur ermöglichen wollten. Ebenso ist die Vereinsstruktur der Stadt mit dem Zuzug gewachsen. 

Das nukleare kulturelle Erbe rund um München ist also stark geprägt von den unterschiedlichen Diskursen zum ersten und zum zweiten Forschungsreaktor.

Im nächsten Blogbeitrag geht es um Gorleben als zentraler Begriff für den deutschen Protest gegen Atomkraft.

Dr. Melanie Mbah ist Forschungskoordinatorin für transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung beim Öko-Institut und in der Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung engagiert. Alexandra Lampke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Nukleartechnik & Anlagensicherheit beim Öko-Institut am Standort Freiburg und forscht unter anderem zu nuklearem kulturellem Erbe.

Weitere Informationen

Blogbeitrag „Was ist ein nukleares kulturelles Erbe?“

Blogbeitrag „Das nukleare kulturelle Erbe der Wismut-Region“

Journal-Artikel Mbah, M.; Noka, V.; Lampke, A.; Kelly, R.; Kuppler, S. (2025): "What is Nuclear Cultural Heritage? Developing an analytical framework. Energy Research & Social Science 124.

Studie „Status Quo des nuklearen kulturellen Erbes in Deutschland und dessen Bedeutung für die nukleare Entsorgung“

Studie „Relationale Analyse von materiellem und immateriellem nuklearem kulturellem Erbe in Deutschland“

Studie „Kartierung von Orten eines potenziellen nuklearen Erbes in Deutschland”

Annotierte Bibliographie von Literatur zu nuklearem kulturellem Erbe in Deutschland

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