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Das nukleare kulturelle Erbe der Wismut-Region

Wie wir uns mit dem radioaktiven Abfall auseinandersetzen beziehungsweise uns an dessen Gefahren erinnern, kann sich in einem nuklearen kulturellen Erbe widerspiegeln. Bereits heute gibt es nukleares kulturelles Erbe in Deutschland, aus dem für die Endlagersuche gelernt werden kann. In dieser Blogserie beschreibt Dr. Melanie Mbah, was dieses Erbe ausmacht, welche Fallbeispiele es in Deutschland gibt und welche Lehren sich daraus für die Endlagersuche ableiten lassen. In unserem ersten Beispiel beleuchten wir den ehemaligen Uranerzbergbau in Deutschland in der Wismut-Region (in Sachsen und Thüringen).
  • Dr. Melanie Mbah
    Forschungskoordinatorin für Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung / Senior Researcher Nukleartechnik & Anlagensicherheit
Illustration mit zwei Menschen, die Fässer mit radiaktivem Abfall halten und über die Erdkugel laufen

Wie nukleares kulturelles Erbe definiert ist, wird in dem ersten Artikel der Blogserie erklärt. Dort wird auch ausgeführt, wie nukleares kulturelles Erbe in Deutschland bestimmt wird und wo sich ein solches entwickelt (hat). Für unsere Studie haben wir drei Beispiele näher untersucht. Sie bündeln unterschiedliche Kategorien von Orten nuklearen kulturellen Erbes.

In unserem ersten Beispiel beleuchten wir den ehemaligen Uranerzbergbau in Deutschland in der Wismut-Region (in Sachsen und Thüringen). Dort haben wir 19 Orte identifiziert, die einen Bezug zum nuklearen kulturellen Erbe haben. Dazu zählen Besucherzentren, Museen und Archive.

Karte von der Wismut-Region zwischen Sachsen und Thüringen

Orte eines potenziellen nuklearen kulturellen Erbes in Sachsen und Thüringen

Wismut zwischen Sachsen und Thüringen

Das ausgedehnte Hauptabbaugebiet des Uranerzbergbaus durch die Wismut S(D)AG (Sowjetisch-(deutsche)-Aktengesellschaft) entlang des Erzgebirges umfasste eine Fläche von rund 10.000 Quadratmeter mit einer West-Ost-Ausdehnung von circa 140 Kilometern und einer Nord-Süd-Ausdehnung von circa 70 Kilometern. Dabei fiel ein Großteil dieser Abbaufläche auf Sachsen, während sich ein kleinerer Anteil in Thüringen befand. Weitere, teilweise entfernte Orte wie der ehemalige Ferienpark der Wismut SDAG auf Rügen, zählen auch zum Wismut-Erbe. Ein Ort, an dem sich unterschiedliche Objekte und Artefakte des nuklearen kulturellen Erbes des Uranerzbergbaus sammeln, ist Aue-Bad Schlema in Sachsen. Dort war einer der Hauptstandorte des Betriebsgeländes der Wismut S(D)AG. 

Bereits seit Jahrhunderten wird in der Gegend Bergbau betrieben, bis ins 20. Jahrhundert war das vor allem Silber. Ab 1946 wurde Uranerz abgebaut, bis 1990 der Bergbau eingestellt wurde. Nach der Wende wurde die Wismut GmbH gegründet, die sich um Sanierungs- und Renaturierungsarbeiten in der Region kümmern sollte. 

Während die SAG zwischen 1945 bis 1954 aufgrund des Arbeitskräftemangels auch Zwangsmaßnahmen anwandte und vor allem auch knappen Wohnraum für die Wismut-Arbeiter beschlagnahmte, genoss die Wismut SDAG als Arbeitgeber einen sehr guten Ruf. Arbeiter und Angestellte erhielten ein gutes Gehalt sowie eine Vielzahl an Vergünstigungen und Vorteilen, wie zum Beispiel Urlaub im Ferienort auf Rügen, eigene Krankenhäuser und Sport- und Schwimmhallen. Durch den Bergbau war die Region wirtschaftlich stark und hatte eine hohe Kaufkraft. Die Menschen identifizierten sich mit dem Bergbau und das prägt die Region bis heute. Allerdings wurden aufgrund des Bergbaus auch ganze Orte geräumt, Menschen mussten umsiedeln. Seit der Einstellung des Bergbaus und der Renaturierung der Abbauflächen ab den 1990er Jahren verschwanden nach und nach die Halden und Abbaugebiete. Heute lassen die renaturierten Landstriche den ehemaligen Bergbau nur noch erahnen. 

Der Schacht 371 als UNESCO-Welterbe 

Obwohl die Wismut S(D)AG jahrzehntelang eine so hohe Bedeutung für die Orte hatte, ist das Betriebsgelände heute kaum noch zu erkennen. „Nach der Wende gab es diesen Umbruch, wo die Wismut richtig verteufelt wurde, teilweise. Weil ja so viel Schaden, wirklich auch sichtbarer Schaden, an Natur und Umwelt und in den Orten angerichtet wurde, was man wirklich auch nicht von der Hand weisen kann,“ so ein Zeitzeuge (Wismut ID_4). Einige ehemalige Landmarken materieller Objekte wie zum Beispiel Schächte sind noch erhalten. Der tiefste Förderschacht der Wismut S(D)AG, Schacht 371, bleibt bestehen und gehört zum UNESCO Welterbe Montanregion Erzgebierge / Krušnohorí. Der erhaltene Schacht soll zukünftig als Präsentationsort des Wismut-Erbes dienen. Ein Zeitzeuge betont die Bedeutung von Museen und Ausstellungen, da Bad Schlema zum „Tal des Todes“ erklärt wurde und es deswegen wichtig sei, dass „Leute sich sachlich informieren können“ (Wismut ID_3). 

Das Museum Uranerzbergbau in Aue-Bad Schlema ist in den Räumen des Kulturhaus `Aktivist‘ eingerichtet worden, das die Bergarbeiter*innen früher für kulturelle Veranstaltungen nutzten. Unweit des Museums befindet sich der Ehrenhain, der den im Bergbau Verunglückten und in Folge von Berufskrankheiten gestorbener Bergarbeiter*innen gedenkt.

Die begehbare Landkarte auf der Schmirchauer Höhe im ehemaligen Tagebau Lichtenberg in Thüringen.

Ein weiterer besonderer Ort ist die Schmirchauer Höhe auf dem ehemaligen Tagebau Lichtenberg in Thüringen. Dort wurde eine künstliche Erhebung geschaffen, die heute als Wandergebiet genutzt wird. Auf dem Plateau der Höhe gibt es eine begehbare Landkarte, die an die Orte erinnert, die durch den Bergbau verschwanden und die Ausdehnung des Uranerzbergbaus in Ostthüringen verdeutlicht.

Das Wismut*Objekt 90 im Museum.

Das Wismut*Objekt 90 im Museum.

Jährliche Bergparaden in der aktiven Vereinsarbeit

Sowohl in Sachsen als auch in Thüringen gibt es eine aktive Vereinsarbeit die stark mit dem Bergbau verknüpft ist. Vereinsmitglieder kümmern sich zum Beispiel um das Wismut*Objekt 90, ein Museum, das die Tätigkeiten der Wismut S(D)AG visualisiert, und das Schaubergwerk in Ronneburg. Im Vorraum des an das Schaubergwerk angegliederten Bergbaumuseums probt die Bergmannskapelle Ronneburg Schacht 407, die damit das Liedgut als immaterielle Praktik erhält. Jährlich richten die Vereine winterliche und sommerliche Bergparaden- und -aufzüge aus, die zu unterschiedlichen Anlässen stattfinden. Während der Veranstaltungen wird auch die Kleidung der Wismut S(D)AG getragen. Sie fällt durch ihre Schlichtheit auf. Damit erinnern und gedenken sie dem ehemaligen (Uranerz-)Bergbau. Es gehe nicht um das Schönaussehen, sagt ein Zeitzeuge, sondern darum zu zeigen, dass es neben „dem Altbergbau auch noch den Wismutbergbau gab“ (Wismut_ID4). Sowohl die Ausrichtung dieser kulturellen Veranstaltungen durch die Vereine als auch der Besuch dieser Veranstaltungen durch Bürger*innen und Tourist*innen sowie ehemalige Wismut-Kumpel können als immaterielle Praktiken angesehen werden.

Neben den kulturellen Veranstaltungen durch die Bergbauvereine finden sich die Traditionen des Bergbaus auch in anderen Vereinen wieder. So wird bis heute beim regionalen Fußballclub FC Erzgebirge Aue im Fan-Gesang auf die Wismut Bezug genommen: „Zwei gekreuzte Hämmer und ein großes W / das ist Wismut Aue, unsere BSG / Wir kommen aus der Tiefe, wir kommen aus dem Schacht, / Wismut Aue, die neue Fußballmacht.“

Viele Akteure rund um das nukleare kulturelle Erbe

Zentrale und einflussnehmende Akteure des nuklearen kulturellen Erbes Wismut

Rund um das nukleare kulturelle Erbe der Wismut-Region zeigen sich viele verschiedene Akteure aus der Zivilgesellschaft wie die Bergbauvereine, aber auch wissenschaftliche, medial-öffentliche Akteure und Akteure aus dem Kunstbereich. Für viele materielle Objekte aber auch für manche immaterielle Praktiken wie Lehrpfade ist die Wismut GmbH verantwortlich. Zu den Sanierungs- und Renaturierungsmaßnahmen, die sie durchführte, zählen unter anderem die Stilllegung der Bergwerke, die Flutung der Gruben, die Wasserreinigung und die Demontage von kontaminierten Anlagen. Ein wichtiger Teil ist auch die Umweltüberwachung. Wasserreinigung und Umweltüberwachung werden eine „Ewigkeitsaufgabe“ bleiben, während die anderen Aufgaben in naher Zukunft abgeschlossen sein werden. Die 2021 gegründete Wismut Stiftung gGmbH widmet sich dem Erhalt des Wismut-Erbes und wird finanziell von den Bundesländern Thüringen und Sachsen unterstützt. 

Wichtig für das nukleare kulturelle Erbe sind die Verknüpfungen zwischen materiellen Objekten und immateriellen Praktiken. Diese liegen hier häufig vor, wenn beispielsweise Lieder als immaterielle Praktik im Bergbaumuseum als ein Ort, an welchem materielle Objekte und Artefakte gesammelt und ausgestellt sind, geprobt werden. Auch haben die unterschiedlichen Vereine einen engen Austausch miteinander. 

Das nukleare kulturelle Erbe als emotionaler Ort

Für diese Region spielt der Bergbau generell, aber besonders die nukleare Komponente des Uranerzbergbaus eine bedeutende Rolle. Der Umgang mit dessen Folgen, bereits während des Abbaus, ist erschwert. Ein Zeitzeuge verdeutlicht: „Zum Beispiel im Ruhrpott wird ganz anders mit den ehemaligen Arealen umgegangen. Da ist das kulturelles Erbe. Hier in der Region ist aber eigentlich alles, was an die Wismut erinnern könnte, gar nicht erst thematisiert oder es wird dem Erdboden gleichgemacht. Hat natürlich auch den Hintergrund, dass es ein Unterschied ist, ob man Steinkohle abbaut oder Uran. Also in anderen Regionen ist die Vergangenheit viel stärker sichtbar“ (Wismut ID_2). Auch für uns Wissenschaftlerinnen bestätigt sich dieser Eindruck. Dass an diesen Orten Uranerzbergbau stattgefunden hat, lässt sich mit Blick auf die idyllische ländliche Region nur erahnen: grasbewachsene Hügel, die ehemals als Halden dienten, zwischen Bäumen hervorblitzende Schachtanlagen, ein Gedenkstein hier, vereinzelte Informationstafeln dort.

Auch anderen Stätten, die mit der Wismut S(D)AG zusammenhängen, wie zum Beispiel dem Krankenhaus in Gera, droht die Überbauung. Dadurch haben einige Menschen in der Region das Gefühl, dass mit ihrem kulturellen Erbe und ihrer Erinnerung „unsensibel“ (Wismut_ID2) umgegangen werde. Ein für die Region so bedeutender Teil der jüngeren Geschichte sollte nicht einfach verschwinden. Die Erzählung über den Bergbau wandelte sich in den vergangenen Jahrzehnten von sehr positiv, vor der Wende, bis zu negativ, nach der Wende. Hier treffen über die letzten 80 Jahre hinweg diverse Erzählungen aufeinander, geprägt durch die verschiedenen Faktoren. Nicht zuletzt die Geheimhaltung, die während der Aktivität der Wismut S(D)AG etwa in Bezug auf das Abbaumaterial und die damit verbundenen Risiken geherrscht hat, beeinflusste diese Narrative. Für den Erhalt der – positiven sowie negativen – Erinnerungen setzen sich bereits viele engagierte Akteure ein. Innerhalb der jeweiligen Akteursgruppen bestehen enge Vernetzungen und diese kommunizieren punktuell mit anderen Akteursgruppen. Es gibt jedoch keine institutionalisierte übergreifende Form der Vernetzung. Diese könnte, beispielsweise im Rahmen einer Dachorganisation, das nukleare kulturelle Erbe in der Region und darüber hinaus koordinieren und damit Wissen bündeln sowie für die Zukunft bewahren. Ein Ziel, das einige Akteure anstreben.

Im nächsten Blogbeitrag geht es um den Kernforschungsreaktor in München.

Dr. Melanie Mbah ist Forschungskoordinatorin für transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung beim Öko-Institut und in der Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung engagiert. Alexandra Lampke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Nukleartechnik & Anlagensicherheit beim Öko-Institut am Standort Freiburg und forscht unter anderem zu nuklearem kulturellem Erbe.

Weitere Informationen

Blogbeitrag „Was ist ein nukleares kulturelles Erbe?“

Journal-Artikel Mbah, M.; Noka, V.; Lampke, A.; Kelly, R.; Kuppler, S. (2025): "What is Nuclear Cultural Heritage? Developing an analytical framework. Energy Research & Social Science 124.

Studie „Status Quo des nuklearen kulturellen Erbes in Deutschland und dessen Bedeutung für die nukleare Entsorgung“

Studie „Relationale Analyse von materiellem und immateriellem nuklearem kulturellem Erbe in Deutschland“

Studie „Kartierung von Orten eines potenziellen nuklearen Erbes in Deutschland”

Annotierte Bibliographie von Literatur zu nuklearem kulturellem Erbe in Deutschland

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