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Im Fokus

Ein verschwendeter Rohstoff

Verbessertes Recycling von Kunststoffen

Christiane Weihe

Der größte Teil der Plastikabfälle wird in Europa nicht recycelt, sondern für die Energiegewinnung verbrannt. 39 Prozent des Kunststoffmülls wird so verwertet. Weitere 31 Prozent landen zudem auf Mülldeponien. Erst auf dem dritten Platz folgt mit 30 Prozent das Recycling. Und auch in Deutschland, wo mit 46 Prozent ein deutlich höherer Anteil des Kunststoffmülls stofflich verwertet wird, gehen 53 Prozent in die so genannte energetische Verwertung. Der Großteil der Kunststoffe steckt dabei hierzulande in Verpackungen – insgesamt 30,5 Prozent – danach folgen der Bausektor (24,5 Prozent) sowie die Fahrzeugindustrie (11,2 Prozent). Es wird ein Rohstoff verschwendet, der auf vielen Wegen wiederverwendet werden könnte. Wie lassen sich die Recyclingquoten erhöhen – über den gesamten Lebensweg von Produkten hinweg – und Wertstoffkreisläufe schließen? Dazu forscht auch das Öko-Institut.

„Wir brauchen einen Mix vieler Instrumente, um den Plastikmüll zu begrenzen und die Recyclingquoten zu erhöhen“, sagt Günter Dehoust vom Öko-Institut, „ein erster Schritt ist natürlich, den Plastikkonsum wo immer möglich zu vermeiden.“ (Siehe dazu ausführlich „Eine Welt voll Kunststoff“ auf Seite 8.) Darüber hinaus müsse die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Das neue deutsche Verpackungsgesetz von 2019 nennt der Senior Researcher hierfür „einen kleinen Meilenstein“. „Dieses bietet etwa finanzielle Anreize für die Hersteller, die Rezyklate und recyclingfähige Verpackungen einsetzen“, so der Abfallexperte, „zusätzlich steigen die vorgeschriebenen Recyclingquoten für Plastikverpackungen von bislang 36 auf 63 Prozent bis 2022.“ Auch der Aktionsplan der Europäischen Kommission zur Kreislaufwirtschaft im Rahmen des europäischen Green Deal soll einen nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen fördern. „Dafür soll es zum Beispiel Regelungen geben, die Verpackungen reduzieren und die Nutzung von so genanntem Rezyklat erhöhen – das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, sagt Dehoust.

Damit das Plastik, das produziert wird, möglichst umfangreich recycelt werden kann, muss zudem von Beginn an auf Recyclingfähigkeit geachtet werden. „Der Prozess beginnt schon mit dem Produktdesign. Wenn ich zum Beispiel viele unterschiedliche Plastikschichten für eine Verpackung zusammenschweiße, ist diese eigentlich nicht mehr zu recyceln, zumindest nicht in brauchbarer Qualität,“ so Dr. Georg Mehlhart vom Öko-Institut. Der stellvertretende Leiter des Bereichs Ressourcen & Mobilität nennt zahlreiche Wege, um die Recyclingfähigkeit von Verpackungen zu erhöhen: „Unterschiedliche Sorten Plastik sollten gut voneinander abtrennbar sein, die Kunststoffe sollten nicht stark eingefärbt oder mit anderen Materialien verklebt sein. Wichtig ist auch, dass nicht direkt auf den Kunststoff gedruckt wird. Bei Getränkeflaschen gibt es daher zum Beispiel oft dünne Folien, die einfach abgetrennt werden können.

VON BEGINN AN NACHHALTIG

In einem Projekt für den Reinigungsmittelhersteller Werner & Mertz hat das Öko-Institut die Recyclat-Initiative des Unternehmens untersucht, das etwa die Produktverpackungen der Marke Frosch zu 100 Prozent aus Altplastik produziert. 20 Prozent davon stammen von recycelten PET-Flaschen aus dem Gelben Sack. In Zukunft sollen zudem verstärkt andere Verpackungen als PET verwendet werden, so zum Beispiel die als schwer verwertbar geltenden nicht-transparenten Flaschen. „Wir haben Aufwand und Nutzen der Initiative bewertet, auch im Vergleich mit anderen Entsorgungswegen und Recyclingkonzepten“, sagt Günter Dehoust, „hier spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle – der Aufwand für die Erstproduktion und die Wiederverwertung, die Quelle, aus der das Material stammt, oder auch die Art der möglichen alternativen Entsorgung.“ In der Analyse „Vergleich und Gegenüberstellung verschiedener Recyclingverfahren bezüglich ihrer Aufwendungen und ihrem Nutzen“ zeigen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Öko-Institut: Werden Kunststoffe aus Recyclingmaterial statt aus Primärrohstoffen hergestellt, wird hierfür nur etwa die Hälfte der Energie benötigt. „Die Nutzung der Flaschen aus dem Dualen System senkt den Energiebedarf und die Treibhausgasemissionen vor allem, da diese vorher zur Energiegewinnung in Zementwerken oder Müllverbrennungsanlagen verwertet wurden“, erklärt Dehoust, „so lohnt sich die Initiative doppelt: Sie spart 65 Gramm CO2 je Flasche ein, weil sie weniger Primärplastik verbraucht, und noch mal bis zu 35 Gramm CO2 je Flasche, weil sie Emissionen aus der Verbrennung vermeidet.“ Zudem könnten anspruchsvolle neue Recyclingverfahren dabei helfen, die ambitionierten Recyclingquoten des Verpackungsgesetzes für Kunststoffe zu erfüllen. „Es wäre wünschenswert, wenn es bald viele Nachahmende und Unterstützende gibt, die Unternehmen wie Werner & Merz dabei helfen, das Recycling aus gemischten Wertstoffen und für hochwertige Anwendungen voranzubringen.“

Doch nicht nur an ihrem Beginn, auch am Ende des Lebensweges von Plastikverpackungen gibt es noch einiges zu verbessern, betont Georg Mehlhart. „Befragungen haben gezeigt, dass die jüngeren Generationen weniger über Mülltrennung wissen als die älteren, gleichzeitig nutzen die Jüngeren mehr Einwegplastik“, sagt er, „wir brauchen wieder mehr „Müllaufklärung“, Informationskampagnen für unterschiedliche Altersgruppen und unterschiedliche kulturelle Hintergründe.“ Wichtig sei hier auch, zu verdeutlichen, wie die Abfälle bearbeitet und verwertet werden. „Oft herrscht ja das Vorurteil, dass eh alles zusammengekippt und verbrannt wird und sich die getrennte Sammlung doch gar nicht lohne. Aber so pauschal trifft das eben nicht zu.“ Und natürlich sei auch die Müllwirtschaft gefragt, ihre Verfahren zur Abfalltrennung und -aufbereitung weiter zu optimieren. „Noch mehr der bestehenden Anlagen müssen auf den neuesten Stand gebracht werden, um die neuen Recyclingziele zu erfüllen.“

SCHADSTOFFE IM KUNSSTOFF

Plastikrecycling ist aber auch mit Herausforderungen verbunden, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind, so Schadstoffe in Kunststoffen. „In vielen Plastikartikeln stecken zum Beispiel Weichmacher oder Flammschutzmittel. Diese befinden sich etwa in Autos oder Elektrogeräten. Wenn diese Kunststoffe recycelt werden, landen diese Stoffe natürlich wieder im Rezyklat“, sagt Dr. Georg Mehlhart, „viele Umweltschutzverbände fordern daher sehr strenge Schadstoffgrenzwerte nicht nur für neues, sondern auch für recyceltes Plastik.“ Was ist hier der richtige Weg? „Wir stehen vor einem Dilemma: Einerseits wollen wir so viel wie möglich recyceln, andererseits schadstofffreie Produkte in den Umlauf bringen.“ Langfristig müssten Schadstoffe natürlich aus Produkten verschwinden, bis dahin plädiert der Wissenschaftler vom Öko-Institut jedoch für ein schrittweises und anwendungsbezogenes Vorgehen mit Augenmaß. „Man muss sich die Produkte einzeln anschauen. Und dann kann es – immer vorausgesetzt, dass es toxikologisch nicht gefährlich ist  – bei geschlossenen Recyclingkreisläufen zum Beispiel auch Sinn machen, zeitlich begrenzte Regelungen für den Einsatz von Rezyklaten zu ermöglichen.“

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Dr. Georg Mehlhart ist stellvertretender Leiter des Bereichs Ressourcen & Mobilität. Er unterstützt nationale und internationale Institutionen und Unternehmen dabei, eine nachhaltige Wasser- und Abfallwirtschaft umzusetzen. Der Senior Researcher Günter Dehoust hat einen Forschungsschwerpunkt auf nachhaltigen Stoffströmen und Kreislaufwirtschaft. Er berät Politik und Unternehmen in diesen Bereichen.