Doppelter Nutzen
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Christiane Weihe
Was für Europa gilt, sieht auch in Deutschland nicht viel anders aus: Die Ökosysteme sind in keinem guten Zustand. Ursachen hierfür liegen etwa in der intensiven Nutzung durch die Landwirtschaft und Pestizideinträgen sowie vermehrt auch in klimabedingtem Stress. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Zahlreiche Maßnahmen helfen, lebenswichtige Ökosysteme zu renaturieren und damit ebenso der europäischen Wiederherstellungsverordnung gerecht zu werden. Welche Instrumente besonders geeignet sind, damit befasst sich auch das Öko-Institut und zeigt, welche positiven Wirkungen diese zudem auf den Klimaschutz haben können.
Daten des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) zum Zustand der Natur in Deutschland verdeutlichen vielfältige Probleme: 73 Prozent der Lebensräume befinden sich in einem ungünstigen Zustand. Im Zeitverlauf zeigt sich hier zudem eine kontinuierliche Verschlechterung. Zudem befinden sich 36 Prozent der Arten in einem ungünstig-unzureichenden und 37 Prozent in einem ungünstig-schlechten Zustand. Auch hier hat sich die Lage seit der letzten Erhebung noch einmal verschlechtert. „Die Ursachen für diese Entwicklung liegen unter anderem in Nutzungsänderungen von Flächen, zum Beispiel von Grünland in Ackerland. Aber auch eine höhere Nutzungsintensität wirkt sich oft negativ auf den Zustand aus. Zusätzlich tragen die Gewässerverschmutzung etwa durch die Landwirtschaft, die Industrie und den Verkehr und die Entwässerung von land- und forstwirtschaftlichen Flächen dazu bei“, sagt Dr. Hannes Böttcher, Senior Researcher am Öko-Institut. „Darüber hinaus sind unsere Ökosysteme immer stärker klimabedingtem Stress ausgesetzt.“ An vielen Stellen wisse man schlicht nicht genug über den Zustand der Natur – etwa mit Blick auf Wälder. „Die Bundeswaldinventur konzentriert sich vor allem auf die Holzverfügbarkeit. Zur Frage des ökologischen Zustands von Wäldern, zum Beispiel des Werts als Habitat und der Vernetzung von Wäldern ist die Datenbasis nicht ausreichend.“
Biodiversität und Klimaschutz
Auch die Europäische Umweltagentur Agentur EEA betont in ihrem Länderprofil für Deutschland die Notwendigkeit von verstärkten Anstrengungen sowie mehr Maßnahmen für Umwelt- und Klimaschutz. Dabei ist die Nutzung von Synergien zwischen politischen Zielen ein wichtiger Hebel. Wie sich gleichzeitig der Schutz von Biodiversität und Klima hierzulande effektiv verbinden lässt, zeigen die Wissenschaftler*innen des Bereichs Energie & Klimaschutz in einem Projekt für das Umweltbundesamt. Sie haben sich darin konkret mit Maßnahmen in unterschiedlichen Ökosystemen befasst, die effektiven natürlichen Klimaschutz ermöglichen – betrachtet wurden dabei Grün- und Ackerland, Wälder und Moore. Die Publikation „Das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz: Wie können Synergien zwischen Biodiversitäts- und Klimaschutz gehoben werden“, die im Rahmen des Projektes „Szenarien für den natürlichen Klimaschutz“ entstanden ist, zeigt die Vielfalt der Maßnahmen, die hohe Synergien zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung sowie Förderung und Erhalt von Biodiversität versprechen. „Wir zeigen darin die positiven Auswirkungen eines stärkeren Naturschutzes auf die Resilienz von Ökosystemen“, sagt Böttcher. Denn eine nachhaltigere Landnutzung kann gleichzeitig die biologische Vielfalt fördern und Kohlenstoff in Böden und Biomasse binden, wenn Maßnahmen entsprechend ausgestaltet werden und auf den dafür passenden Flächen stattfinden.
Geändertes Grün
„Eine zentrale Maßnahme ist eine Änderung der Grünlandbewirtschaftung, denn Grünland spielt eine entscheidende Rolle für die Kohlenstoffspeicherung und den Erhalt der Biodiversität. Das bedeutet zum Beispiel: eine extensive Bewirtschaftung, die etwa auf Dünger verzichtet und nur eine moderate Mahd mit sich bringt.“ Ein weiterer Vorteil von artenreichen Grünlandflächen: Sie haben eine hohe Resilienz gegen die Auswirkungen des Klimawandels, so etwa gegen Dürren.
Agro und Moor
Auch in Agroforstsystemen liegen hohe Synergien zwischen Klima- und Biodiversitätsschutz, insbesondere, wenn sie mit heimischen Gehölzarten angelegt werden, und vor allem in Landschaften stattfinden, die eine geringe Strukturvielfalt aufweisen. „Agroforst mindert die Erosion und erhöht den Bodenkohlenstoffgehalt“, so der Experte vom Öko-Institut. „Zahlreiche Arten profitieren zudem von einer höheren Habitatvielfalt sowie der Vernetzung von Biotopen.“
Besonders wirksam für den Klimaschutz ist die Wiederherstellung von Mooren und Feuchtgebieten, denn die Wiedervernässung hilft besonders effektiv dabei, Treibhausgasemissionen zu reduzieren und an feuchte Lebensräume gebundene Arten zu schützen. „Dabei muss nicht zwangsläufig eine Vollvernässung erfolgen, denn insbesondere Feuchtwiesen, wie beispielsweise Streuwiesen auf Niedermooren, sind ein besonders wertvoller Lebensraum etwa für Schmetterlinge und Libellen.“
Artenreiche Wälder
Große Vorteile für die Speicherung von Kohlenstoff und die Biodiversität sind auch in den Wäldern zu finden, wie die Analyse des Öko-Instituts zeigt. „Wichtige Maßnahmen sind einerseits die Schaffung von neuen Waldflächen und andererseits der Umbau von Wäldern zu klimastabileren, artenreichen Mischwäldern. Eine vielfältige Baumartenzusammensetzung kann Wälder außerdem widerstandsfähiger gegen die Auswirkungen des Klimawandels machen. Ein wichtiger Punkt ist hier, möglichst auf heimische und standortgerechte Baumarten zu setzen.“ Und nicht nur der sichtbare Teil des Waldes spielt eine Rolle: Aufgrund ihrer hohen Bedeutung als Kohlenstoffspeicher müssten die Waldböden stärker in den Fokus genommen werden. „Dazu können Förderprogramme beitragen, die eine nachhaltigere und schonendere Waldbewirtschaftung finanzieren, zum Beispiel indem sie Waldbesitzende für das Belassen von Holz im Wald belohnen.“ Auch hier spielt eine Rolle, welche Wälder in den Blick genommen werden. Für eine gleichzeitige Wirkung für Biodiversitäts- und Klimaschutz sollten Wälder, die durch Dürren und andere Extremwetterereignisse nicht allzu sehr beeinträchtigt sind, eher weniger intensiv genutzt werden. Stark geschädigten Wäldern kann eine gezielte Holznutzung helfen, durch die sie schneller umgebaut werden. Vorrangig sollte stets das Ziel sein, langfristig resiliente Ökosysteme zu schaffen.
Wichtig sei bei allen Maßnahmen, diese nicht isoliert, sondern integriert zu betrachten. „Wir müssen die Wechselwirkungen und auch mögliche Zielkonflikte im Auge behalten. Wenn wir Wälder schützen, wird voraussichtlich die Holzproduktion sinken. Dem muss durch eine möglichst langlebige stoffliche Nutzung und stärkere Wiederverwendung von Holz begegnet werden, vor allem aber durch einen geringeren Verbrauch von Energieholz."
Emissionen runter
Wie der Klimaschutz ganz konkret von Wiederherstellungsmaßnahmen profitiert, zeigt das Öko-Institut außerdem in der Analyse „Synergien zwischen Renaturierung und natürlichem Klimaschutz. Szenarienanalyse zu THG-Minderungspotenzialen im Landnutzungssektor im Zuge der Ausführung der EU-Wiederherstellungsverordnung“.
Das Projektteam zeigt darin in unterschiedlichen Szenarien, wie sich verschiedene Varianten eines möglichen nationalen Wiederherstellungsplans auf die Verringerung der Treibhausgase auswirken. Hier wurden vereinfachte Annahmen getroffen, da sich der tatsächliche Wiederherstellungsplan noch in der Entwicklung befindet.
Dabei zeigt sich: Die Wiedervernässung von Mooren ist mit Abstand am wirkungsvollsten. Durch sie lassen sich die Treibhausgasemissionen in Deutschland jedes Jahr zusätzlich um bis zu fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalente (CO2e) senken, je nachdem, wie hoch die Wasserstände auf den Flächen sind und welchen Anteil an Paludikulturen es gibt. „Auch Agroforst kann eine sehr große Wirkung entfalten“, sagt Dr. Hannes Böttcher, „je nachdem, wie intensiv die Biomasse genutzt wird und welche Fläche dafür zur Verfügung steht, bringt er eine Minderung von bis zu 16 Millionen Tonnen CO2e.“ Eine Ausweitung von Waldflächen kann zudem die Emissionen um bis zu 3,5 Millionen Tonnen CO2e jährlich senken, ein moderater Waldumbau zugunsten von Laubbäumen erreicht bis zu zwei Millionen Tonnen CO2e.
Ökosystemleistungen stärken und honorieren
Wer Ökosysteme und ihre Leistungen wiederherstellt, muss aus Sicht des Wissenschaftlers vom Öko-Institut dafür auch honoriert werden, etwa über einen neu geschaffenen Wiederherstellungsfonds. „Das bringt Vorteile für die gesamte Gesellschaft – so etwa mit Blick auf die Luftreinhaltung oder die Kühlung von Städten. Daher sollten Waldbesitzende entlohnt werden, wenn sie ihre Wälder schonender bewirtschaften, um Ökosystemleistungen zu verbessern, und Landwirt*innen dafür Geld bekommen, einen gesunden Wasserhaushalt herzustellen.“ Wenn solche Mechanismen eingerichtet werden, könne das viele relevante Akteur*innen dazu motivieren, die Wiederherstellungsverordnung nicht als Bedrohung zu empfinden, sondern als Investition auch in ihre eigene Zukunft.
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Dr. Hannes Böttcher hat in Forstwissenschaften promoviert und ist seit 2013 als Senior Researcher für den Bereich Energie & Klimaschutz tätig, in dem er die Gruppe Biogene Ressourcen und Landnutzung leitet. Hier befasst er sich unter anderem mit den Emissionen aus Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft (LULUCF), Kohlenstoffbilanzen von Waldökosystemen und des Waldsektors sowie den Biomassepotenzialen der Land- und Forstwirtschaft.