Spenden
Perspektive

(K)eine Zukunft für die Kernenergie?

Die Rolle der Atomkraft für das zukünftige Energiesystem

Da ist sie also wieder, die Kernenergie. Steht vor der Tür und sagt: Du brauchst mich doch. Ich kann Klimaschutz und Strom in großen Mengen. Es war nie eine gute Idee, mich abzuschalten. Doch ist das Stehaufmännchen der energiepolitischen Diskussion wirklich ein sinnvoller Beitrag, um das Klima zu schützen und die Strompreise bezahlbar zu halten?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir für das Umweltbundesamt in der Lebenszyklusanalyse „Climate and environmental impact of nuclear power“ sowohl die CO2-Emissionen der Kernenergie als auch ihre Kosten betrachtet. Das zentrale Ergebnis vorab: Sie ist nicht die Technologie, die uns dabei helfen wird, die Treibhausgasemissionen schnell, verlässlich und kosteneffizient zu senken. Da sind zum einen die Kosten, die in Europa für 2020 bei 15 bis rund 19 Cent pro Kilowattstunde (€ct/kWh) Strom liegen und damit über die gesamte Lebensdauer einer Anlage deutlich höher sind als bei erneuerbaren Energien. Bei Onshore-Windenergie etwa sprechen wir für 2020 über Kosten von etwa 2 bis 8 €ct/kWh, bei Photo­voltaik sind es etwa 5 bis 15 €ct/kWh. Bis 2030 werden die Kosten für Strom aus Kernenergie noch einmal weiter steigen. So werden etwa für laufende Bauprojekte in Großbritannien bis zu diesem Zeitpunkt zwischen 26 und 36 €ct/kWh prognostiziert. Dies ist vor allem auf hohe Kapitalkosten, lange Bauzeiten und erhebliche finanzielle Risiken zurückzuführen. Alleine in den vergangenen Jahren lagen die Baukosten für neue Reaktoren in Europa und den USA zwischen 12 und 30 Milliarden Euro – pro Kernkraftwerk. Gleichzeitig wird die Stromerzeugung aus Kernkraft in Zukunft wohl nicht so zuverlässig sein, wie viele erwarten – sie wird etwa durch extreme Wetter­ereignisse und steigende Temperaturen beeinträchtigt, wie wir es auch in diesem Jahr wieder in Frankreich beobachten konnten, wo Reaktoren wegen extremer Hitze abgeschaltet wurden.

Das heißt auch: Erneuerbare Energien sind entscheidend für eine klimaneutrale Zukunft. In den von uns ausgewerteten Szenarien zur weltweiten Energieversorgung steigt ihr Anteil an der Stromerzeugung je nach Szenarioannahmen bis 2050 auf 70 bis 100 Prozent. Zum Vergleich: Die Kernenergie erreicht in diesem Zeitraum nur einen Anteil von null bis neun Prozent, dieser wird auch durch ambitionierte nationale Ausbaupläne nicht höher ausfallen. Für eine Verdreifachung der weltweiten Kernkraftkapazität, wie sie einige Staaten bis 2050 planen, bräuchte es bis dahin eine Netto-Stromkapazität von 1.160 Gigawatt. Im Durchschnitt müssten hierfür jährlich etwa 30 Gigawatt ans Netz gehen, ab sofort, jedes Jahr – ein unrealistischer Wert, wenn man sieht, dass in den vergangenen 75 Jahren gerade mal in fünf Jahren überhaupt mehr als 20 Gigawatt ans Netz gingen. 

Zwar gehört die Kernenergie mit Emissionen von 5-15 g CO2-Äquivalente pro Kilowattstunde tatsächlich zu den emissionsarmen Technologien, doch ihre Emissionen können sehr unterschiedlich sein. Beeinflusst wird dies etwa von der Frage, ob Uranerze mit hohem Urangehalt eingesetzt werden oder welcher Strommix für den Anreicherungsprozess genutzt wird. Wird dieser etwa mit fossilem Strom durchgeführt, erhöhen sich die Treibhausgasemissionen deutlich. Die Klimabilanz der Kernenergie ist also auch eng mit der Kohlenstoffintensität des jeweiligen Energiesystems verbunden. Schließlich passen Atomkraftwerke auch nicht gut zu einem von Wind und Sonne geprägten Energiesystem, wie wir es bis 2050 haben werden. Für dieses brauchen wir Technologien, die mit ihnen harmonieren, also insbesondere flexibel und schnell abrufbar sind, wenn Wind oder Sonne nicht zur Verfügung stehen. Und das ist sicher nicht die Kernenergie, die schon aus ökonomischen Gründen auf eine hohe Auslastung angewiesen ist. Das sind ein kluges Management von Angebot und Nachfrage sowie ein Technologiemix, der vor allem auf Batteriespeicher und Gaskraftwerke setzt, die in Zukunft mit Wasserstoff betrieben werden, aber auch weitere Technologien wie etwa die Geothermie integriert.

Und auch, wenn dies kein umfangreicher Teil unserer aktuellen Analyse war, möchte ich außerdem noch betonen: Kernenergie ist auch aus anderen Gründen keine gute Idee. Das Unfallrisiko, das Problem der Entsorgung hochradioaktiver Abfälle und die Risiken der Nutzung der Technologie für Atomwaffen sind und bleiben die wichtigsten Argumente gegen eine langfristige Nutzung der Kernenergie.

Dr. Christoph Pistner

---

Dr. Christoph Pistner leitet am Öko-Institut den Bereich Nukleartechnik & Anlagensicherheit, darüber hinaus erstellt er unter anderem Gutachten und Stellungnahmen zur Technikfolgenabschätzung, dem kerntechnischen Regelwerk und der Anlagensicherheit. Darüber hinaus ist der Physiker unter anderem Vorstandsmitglied im Forschungsverbund Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (FONAS).

Ansprechpartner am Öko-Institut