CCS – wieso, wofür, wieviel?
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Christiane Weihe
Es wird aus der Luft oder in Industrieprozessen abgetrennt. Dann transportieren Schiffe, Züge oder Pipelines das CO2 in komprimierter Form an geeignete Speicherorte. Schließlich wird das Klimagas in geologischen Formationen langfristig gespeichert – unter dem Meer oder dem Land, etwa in salinaren Aquiferen oder ausgeförderten Gasfeldern. Zusätzlich kann CO2 ebenso als Rohstoff genutzt werden, so für die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen. Das Abscheiden, der Transport und das sichere Speichern von Kohlendioxid sowie dessen Nutzung – oder auch Carbon Capture and Storage (CCS) und Carbon Capture and Utilization (CCU) – sollen den Weg zur Klimaneutralität unterstützen. Welche Rolle sie für einen wirksamen und bezahlbaren Klimaschutz in Deutschland spielen können, dazu arbeitet auch das Öko-Institut.
Sollen wir das überhaupt? Macht es nicht mehr Sinn, Emissionen zu vermeiden anstatt sie irgendwo im Untergrund verschwinden zu lassen? CCS wird kontrovers diskutiert – wegen der Kosten, wegen des Risikos, dass die Technologie notwendige Anstrengungen beim Klimaschutz verhindert, aber ebenso wegen möglicher Umweltwirkungen (siehe hierzu ausführlich „Ab unter die Nordsee?“ auf Seite 8). „Wir werden in Deutschland nicht drum herumkommen, auf dem Weg zur Klimaneutralität CCS einzusetzen. Denn es werden sich nicht alle Emissionen komplett vermeiden lassen. Auch die Klimaszenarien des Öko-Instituts integrieren daher CCS“, sagt Christoph Heinemann, Senior Researcher im Bereich Energie & Klimaschutz. „Der Einsatz für bestimmte Anwendungen ist durchaus sinnvoll – so etwa für die Zement- und Kalkindustrie sowie die Abfallwirtschaft. Dies sollte aber in einem Ausmaß geschehen, bei dem die Emissionsminderung nicht gefährdet wird, und eben nicht für Anwendungen, wo sich erneuerbare Energien oder grüner Wasserstoff einsetzen lassen.“
Kapazitäten und Markthochlauf
Bevor CCS jedoch in Europa marktfähig wird, braucht es nicht nur CO2-Speicher und eine Transportinfrastruktur, sondern auch passende finanzielle und regulatorische Rahmenbedingungen. In der Analyse „Carbon Capture and Storage (CCS) in der Energiewende zur Klimaneutralität“ von Öko-Institut und Agora Industrie beleuchten die Expert*innen die Kapazitäten von bereits bestehenden und in Planung befindlichen europäischen Offshore-Projekten zur CO2-Speicherung sowie die dabei entstehenden Kosten. „Darüber hinaus haben wir die verschiedenen Transportoptionen analysiert und Empfehlungen für die Politik entwickelt, wie sie die passenden Rahmenbedingungen für einen zügigen und effizienten Markthochlauf setzen kann“, so Roman Mendelevitch, ebenfalls Senior Researcher im Bereich Energie & Klimaschutz.
CO2 in der Nordsee
Die Summe der geplanten CCS-Projekte zeigt: der Nordseeraum wird zum Zentrum der europäischen CO2-Einspeicherung werden – hier sind vor allem Dänemark, Norwegen und die Niederlande aktiv. „Die Geologie unter der Nordsee ist aufgrund der jahrzehntelangen Öl- und Gasförderung gut erkundet, gleichzeitig bietet der Mittelmeerraum schlechtere geologische Voraussetzungen und es gibt potenzielle Risiken für Verwerfungen im Untergrund", so Heinemann. Großbritannien ist ein klarer Vorreiter: 40 Prozent der bis 2030 geplanten Einspeicherleistungen in Europa gehen auf Projekte in diesem Land zurück. Insgesamt erwarten die Wissenschaftler*innen von den bestehenden CCS-Projekten in der EU und in Norwegen bislang jedoch nur eine jährliche Einspeicherleistung von zehn Millionen Tonnen CO2 bis Anfang der 2030er Jahre. „Soll der Speicherbedarf der gesamten EU bis 2050 gedeckt werden, bräuchten wir jedoch jährlich einen Zubau von zwei Großspeichern mit einer Injektionsleistung von je fünf Millionen Tonnen pro Jahr“, so Heinemann. Darüber hinaus haben die Expert*innen die notwendige Transportinfrastruktur betrachtet – das CO2 kann per Pipeline, Zug oder Schiff befördert werden. „Insbesondere für den Aufbau einer Pipeline-Infrastruktur, aber auch für die Auswahl einer geeigneten Transportoption für einen spezifischen Standort braucht es eine sehr vorausschauende Planung, denn es gibt sehr große Unterschiede bezüglich Flexibilität und Kosten. Daher sollte so früh wie möglich Klarheit über Standorte, zu transportierende Mengen und den Zeitpunkt des Anfallens herrschen.“
Ein verlässlicher Rahmen
Um den Hochlauf zu beschleunigen, müsse die Bundesregierung verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. Zwar habe sie mit dem Ende 2025 in Kraft getretenen, novellierten Kohlendioxid-Speicherungs- und Transportgesetz (KSPTG) die rechtliche Grundlage für den kommerziellen Einsatz von CCS in Deutschland geschaffen, es fehle jedoch an einer industriepolitischen Strategie für deren zielgerichteten Einsatz. „Es braucht einen integrierten Ansatz, der zum einen die rechtliche Zulässigkeit gewährleistet, aber auch Marktgrundlagen schafft und den Markthochlauf initiiert.“ Die notwendigen rechtlichen Regelungen seien vorhanden oder sehr kurzfristig realisierbar, bei Marktgrundlagen und -hochlauf gebe es noch eine Menge zu tun. „Notwendig sind ein robuster CO2-Preis sowie planerische und finanzielle Maßnahmen für den Hochlauf von Abscheidung, Transport und Speicherung. Mittelfristig reicht für emissionsintensive Unternehmen, die derzeit bereits vom europäischen Emissionshandel (EU ETS) erfasst sind und die CCS als Vermeidungstechnologie nutzen wollen, der CO2-Preis alleine nicht aus, um die Technologie attraktiv zu machen. Hier sind Förderungen sinnvoll.“ Staatliche Absicherungsgarantien könnten im Bereich der Pipeline-Infrastruktur erforderlich werden, um das Ausfallrisiko von Ankerkunden im Transportnetz abzufedern.
Teurer als gedacht
Doch wie hoch ist die Kostenlücke eigentlich? „CCS ist teurer als viele denken“, sagt der Experte aus dem Bereich Energie & Klimaschutz. „Wir erwarten pro Tonne Kosten in Höhe von 150 bis 300 Euro – der CO2-Preis liegt im Europäischen Emissionshandel hingegen derzeit bei nur rund 85 Euro. Damit der Markthochlauf gelingt, muss diese Kostenlücke geschlossen werden.“ Investitionen in CCS sind bislang also nicht wirtschaftlich. „Beim Bau von CO2-Speichern unter dem Meeresboden liegen die Projektentwicklungszeiten zudem bei sechs bis 13 Jahren – die Kapazitäten lassen sich nur langsam erhöhen.“ Erfahrungen aus dem Wasserstoffbereich zeigten außerdem die Herausforderungen völlig neuer Wertschöpfungsketten – ihre Komplexität, ihre Unsicherheiten und ihre Kosten.
Sollten wir das überhaupt? Ja, sagt der Wissenschaftler vom Öko-Institut. Und auch Europa geht weitere Schritte beim Thema CCS. Für den Herbst 2026 hat die EU-Kommission ein weitreichendes CO2-Infrastrukturpaket angekündigt. „Dieses soll den rechtlichen Rahmen unter anderem für grenzüberschreitende Netze legen“, so Heinemann. „Vor diesem Hintergrund ist es an der Zeit, dass die Bundesregierung auch hierzulande eine langfristige Strategie vorlegt und diese mit entsprechenden Instrumenten hinterlegt.“
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Christoph Heinemann hat Geographie, Wirtschaftspolitik und Betriebswirtschaftslehre studiert. Er ist seit 2011 für das Öko-Institut tätig, wo er sich im Bereich Energie & Klimaschutz unter anderem der Modellierung des zukünftigen Energiesystems, den Effekten von Speichern und Flexibilitäten im Stromsystem sowie der Nutzung von Wasserstoff und seinen Derivaten widmet.