Spenden
Im Fokus

„Bei CCS braucht es eine gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten“

Interview mit Dr. Michael Münter (Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg)

Christiane Weihe

Alle reden über die Nordsee. Doch was ist eigentlich mit der Speicherung von CO2 auf dem Festland? Deutlich weiter im Süden wird auch hierüber ausführlich gesprochen: Die baden-württembergische Landesregierung räumt CCS bereits seit der letzten Legislaturperiode eine wichtige Rolle für den Klimaschutz ein und legt derzeit die Grundlagen für die Umsetzung auch an Land. Wo steht das Bundesland bei der Umsetzung, wo könnte CO2 eingespeichert werden und was sind die nächsten Schritte? Über diese Fragen haben wir mit dem Amtschef des baden-württembergischen Umweltministeriums Dr. Michael Münter gesprochen.

Herr Dr. Münter, warum treibt Baden-Württemberg das Thema CCS voran?

Wir wollen jenen Industrien, die nicht so leicht zu dekarbonisieren sind, eine Perspektive in unserem Land bieten. Das betrifft die sechs Zementwerke in Baden-Württemberg, aber auch die Kalkindustrie und die Abfallwirtschaft. Vor diesem Hintergrund haben wir Anfang 2024 gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium einen Arbeitsprozess begonnen, in dem wir eng mit diesen Branchen, aber auch anderen Akteuren wie Verbänden oder Leitungsbetreibern zusammenarbeiten. Nach der Verabschiedung des Gesetzes zur CO2-Speicherung durch Bundestag und Bundesrat, das den Ländern die Möglichkeit gibt, die Speicherung an Land zu prüfen und gegebenenfalls umzusetzen, haben wir beschlossen, genau das zu tun.

Schon im Oktober 2024 hat die Landesregierung ein Positionspapier zum Carbon Management verabschiedet. Was sind darin für Sie die wichtigsten Leitlinien?

Zentral ist, dass CCS nur für jene Emissionen genutzt werden soll, die nicht oder nur schwer vermeidbar sind – also eben aus der Müllverbrennung, der Kalk- und Zementindustrie und vielleicht noch aus Teilen der chemischen Industrie. Überall dort, wo die Dekarbonisierung auf anderen Wegen zu erreichen ist – etwa durch Elektrifizierung – sollte dies auch getan werden. Gleichzeitig müssen die Prozesse der Abscheidung und Speicherung sicher sein.

Wo stehen Sie bei der Umsetzung?

Einerseits setzen wir begonnene Arbeiten fort, tauschen uns zum Beispiel mit anderen Bundesländern, aber auch anderen Staaten wie etwa Dänemark, Österreich und der Schweiz, zu Ideen und Erfahrungen aus. Zweitens bereiten wir konkret das gesamte Gesetzgebungsverfahren vor. Dabei geht es etwa um Zuständigkeiten, aber auch um die Frage, ob schon hierbei mögliche Gebiete für die eventuelle spätere Speicherung festgelegt werden. Darüber hinaus legen wir die Grundlagen für eine Machbarkeitsstudie, die sich möglichen Trassenverläufen widmet.

Das heißt, es wird keinen Transport mit Schiffen oder Zügen geben?

Mittel- und langfristig sind dafür die anfallenden Mengen zu groß. In der Hochlaufphase und für einzelne Standorte kann das eine Rolle spielen, aber es sollten keine Pfadabhängigkeiten geschaffen werden, die den Pipelinehochlauf behindern. Wir werden voraussichtlich auch nicht alles in Baden-Württemberg speichern können und müssen daher ebenso über Pipelines zu Offshore-Speicherstätten beziehungsweise den Anschluss an ein europaweites CO2-Pipelinenetz reden. Und natürlich spielt CCU, also die Weiternutzung von abgeschiedenem CO2, ebenfalls eine Rolle.

Welche Gebiete eignen sich für die Speicherung an Land?

Geologisch sind dies vor allem der Oberrheingraben und das Molassebecken im Alpenvorland – das wir uns allerdings mit Bayern teilen. Bei beiden Gebieten wissen wir schon, dass es eine Deckschicht gibt, die gasförmige Stoffe gut und dicht halten könnte. Hier wird es aber noch genauere Untersuchungen brauchen.

Erwarten Sie Nutzungskonflikte – etwa mit der Geothermie im Molassebecken?

Wir erwarten nur wenige Nutzungskonflikte, sondern hoffen vielmehr auf Synergien. Der Untergrund wird an unterschiedlichen Stellen und für verschiedene Nutzungen untersucht – die Geothermie, die Lagerung hochradioaktiver Abfälle, den Abbau von Rohstoffen und eben CCS. Von einem Austausch über die Ergebnisse können alle Anwendungen profitieren und ihre Verfahren effizienter gestalten.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen in diesem Prozess?

Zum einen, die grundsätzlich geeigneten Gesteinsformationen genauer zu untersuchen – und das unter Zeitdruck, denn die Industrie hat nur noch etwas mehr als ein Jahrzehnt, um klimaneu­tral zu werden. Zum zweiten die Finanzierung. Hier können wir von Unternehmen nicht erwarten, dass sie das komplett alleine stemmen. Ein dritter Faktor ist die gesellschaftliche Akzeptanz. Hier diskutieren wir momentan unterschiedliche Formate zur Einbindung der Öffentlichkeit. Bei CCS braucht es eine gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christiane Weihe.

---

Im Interview mit eco@work: Dr. Michael Münter, Ministerialdirektor und Amtschef des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg

Weitere Informationen

Dr. Michael Münter
Ministerialdirektor und Amtschef
Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg

E-Mail: presse@um.bwl.de
Web: https://um.baden-wuerttemberg.de/de/startseite 

Zur Person

Dr. Michael Münter leitet bereits seit 2021 als Ministerialdirektor und Amtschef das baden-württembergische Umweltministerium. Der promovierte Politikwissenschaftler war zuvor unter anderem als persönlicher Referent im Deutschen Bundestag, als Leiter des Referats für Politische Planung, Grundsatzangelegenheiten, Koordination Landtag und Wissensmanagement im Staatsministerium Baden-Württemberg sowie für die Landeshauptstadt Stuttgart tätig, wo er das Referat Strategische Planung und Nachhaltige Mobilität leitete. Hier war er unter anderem für die Koordinierung und Steuerung des Aktionsprogramms Klimaschutz sowie sämtliche Mobilitätsthemen verantwortlich.