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Im Fokus

Von Pankow bis Massachusetts

Beim Klimaschutz vom Ausland lernen

Christiane Weihe

Egal, ob es um Energiearmut oder Energieeffizienz, um Elektroautos oder erneuerbare Energien geht. Bei zahllosen Themen rund um den Klimaschutz können wir von den Erfahrungen, dem Wissen und den Initiativen anderer Länder lernen. Deshalb begeben wir uns auf eine Reise um die Welt. Blicken auf Projekte, die hierzulande den Klimaschutz inspirieren könnten. Aber auch auf Analysen des Öko-Instituts, die auf Erkenntnisse jenseits von Ländergrenzen setzen.

Berlin, Pankow. Die Wissenschaftlerin Dr. Johanna Cludius will ins Ausland reisen, zumindest in Gedanken. Denn dort, sagt sie, gibt es viele Dinge, die wir lernen können für den Klimaschutz im eigenen Land. „Deutschland sieht sich immer noch eher als ein Land, von dem andere lernen können. Dabei gibt es zahllose Projekte oder Initiativen, von denen wir etwas lernen können. Und nicht zuletzt kann man auch aus Fehlern beziehungsweise aus Dingen lernen, die nicht funktioniert haben.“

Ein wichtiges Thema, bei dem sich Deutschland aus ihrer Sicht etwas von anderen Ländern abschauen kann: Energiearmut. „In vielen Ländern sind deren Messung und Monitoring in einem so genannten Energy Poverty Observatory schon längst Standard.“ In Deutschland wisse man kaum etwas über den Status quo, es sei auch aufgrund des starken sozialen Sicherungssystems in dieser Hinsicht lange nichts passiert. „Darauf können wir uns aber nicht ausruhen, dafür sind Klimapolitik sowie soziale Fragen viel zu eng miteinander verknüpft und müssen gemeinsam gedacht werden.“ 

Nicht allein in Großbritannien

Wir reisen mit Johanna Cludius zunächst nach Irland – Vorreiter bei der Bekämpfung von Energiearmut, wie die Wissenschaftlerin sagt. Im Projekt „Vulnerability in the context of the ETS 2: Existing data and instruments in the housing sector“ hat das Öko-Institut für das Joint Research Center der Europäischen Kommission Länderberichte für Deutschland, Griechenland, Frankreich, Polen und Irland mit Blick auf Energiearmut erstellt. „Aus meiner Sicht ist das ebenso ganz normale wissenschaftliche Praxis: Schauen, was es gibt, welche Lösungen andere für bestimmte Probleme gefunden haben, und darauf aufsetzen.“ In Irland könnte dies etwa das Programm „Warmer Homes“ sein – ein Projekt, das vulnerable Haushalte finanziell bei der Umsetzung von energetischen Sanierungen unterstützt – oder die Initiative „Stay Well & Warm“, die dabei hilft, diesen Haushalten wichtige Informationen zu möglichen Unterstützungsleistungen zur Verfügung zu stellen.

Besser wohnen in Griechenland

Reisen wir weiter nach Griechenland, wo Energiearmut ebenfalls deutlich stärker im Fokus steht als hierzulande. Hier wurde ein Aktionsplan gegen Energiearmut ins Leben gerufen. Griechenland will laut dem Nationalen Energie- und Klimaplan die Energiearmut bis 2025 um 50 Prozent und bis 2030 um 75 Prozent im Vergleich zu 2016 senken. „Hierfür wurden zahlreiche Maßnahmen entwickelt – dazu gehört die finanzielle Unterstützung für Renovierungsarbeiten oder den Heizungstausch ebenso wie ein Gesetz zu Energiegemeinschaften, die gemeinsam Erneuerbare-Energien-Anlagen betreiben“, so Cludius.

Egal, wohin man blickt

Freiburg, Vauban. Wir sind noch mal kurz zurück in Deutschland. Auch Malte Bei der Wieden ist davon überzeugt: Beim Klimaschutz ins Ausland zu schauen, kann die eigenen Bemühungen nur voranbringen. „Es erweitert den eigenen Vorstellungsraum, wenn man sieht, was in anderen Ländern funktioniert. Und es erleichtert die Diskussion über die Umsetzung von Maßnahmen daheim, wenn man auf etwas verweisen kann, das es anderswo schon gibt“, nennt er zwei Vorteile. „Je nachdem, auf welchen Kontinent man schaut, können die Bedingungen und Herausforderungen sehr unterschiedlich sein. In einem Land mit sehr abweichenden klimatischen Bedingungen kann man aber zum Beispiel trotzdem etwas über die Einbeziehung von Bürger*innen lernen.“ 

Weg vom Erdgas in den Niederlanden

Mit Malte Bei der Wieden reisen wir zunächst in die Niederlande. Im Projekt „Planning and regulating Europe’s gas networks: breaking up with fossil gas“ haben sich die Wissenschaftler*innen aus dem Bereich Energie & Klimaschutz gemeinsam mit dem Regulatory Assistance Project und im Auftrag der European Climate Foundation (ECF) mit der Frage beschäftigt, wie ein Ausstieg aus der Versorgung mit Erdgas gelingen kann. Sie haben dafür den Status quo und die Regulierung in sieben europäischen Ländern betrachtet. „Bislang fehlt hierzulande ein Plan, wie das Gasnetz planvoll stillgelegt werden kann. Es gibt aber erste Städte wie Zürich und Länder wie die Niederlande, die vorangehen. Auch Deutschland wird sich diesem Thema früher oder später stellen müssen: Wenn immer mehr Menschen erneuerbar heizen und sich vom Gasnetz abkoppeln, steigen die Gasnetzentgelte für die übrig gebliebenen Kund*innen. Das werden einkommensschwache Haushalte mit Mietenden sein.“ Ein In­strument aus den Niederlanden, das ihm gefällt: „Schon seit 2018 dürfen neue Gebäude nicht mehr an das Gasnetz angeschlossen werden. Außerdem haben Kommunen das Recht, ebenfalls neue Gasanschlüsse zu verbieten.“

Mehr Effizienz in den USA

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks – genauer gesagt in den USA – gibt es Initiativen, die Malte Bei der Wieden überzeugen. Sie stellte das Öko-Institut im Rahmen des Projektes „Minimum Energy Performance Standards for Non-Residential Buildings“ im Auftrag der European Climate Foundation (ECF) gemeinsam mit dem Institut Wohnen und Umwelt vor. Darin haben sich die Wissenschaftler*innen mit zahlreichen Strategien zur Umsetzung von Mindesteffizienzstandards für Gewerbeimmobilien in unterschiedlichen Ländern befasst. „Die EU-Gebäuderichtlinie soll die Energieeffizienz von Gebäuden erhöhen – und muss bis Mai 2026 auch in deutsches Recht umgesetzt werden“, erklärt Malte Bei der Wieden, „hierfür können wir viel von anderen Ländern lernen.“ Mindesteffizienzstandards seien zudem ein sehr wirkungsvolles In­strument für mehr Klimaschutz. „Damit adressiert man jene Gebäude, die das höchste Einsparpotenzial haben.“ Positive Beispiele sieht er unter anderem in Kalifornien, Colorado, Maryland sowie in Massachusetts. „In Boston gibt es zum Beispiel seit 2021 eine entsprechende Richtlinie für kommunale und gewerbliche Gebäude sowie für Mehrfamilienhäuser. Sie sieht Klimaneutralität der Gebäude bis 2050 und hierfür den Einsatz von erneuerbaren Energien vor.“

Über die Grenzen gehen

Wieder zurück in Deutschland betonen die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler des Öko-Instituts: Beim Blick ins Ausland geht es nicht darum, Ideen und Projekte eins zu eins zu übertragen. Sondern sie als Inspiration zu verstehen. Als Vorarbeit für den eigenen Klimaschutz. Und nicht zuletzt als Hinweis, wo sich Forschungsanstrengungen bündeln müssen. „Wenn wir Klimaschutz-Fragen sehen, zu denen es noch gar keine Ansätze gibt, können wir ziemlich sicher sein: Ihre Beantwortung ist schwierig“, sagt Johanna Cludius. „Und wir sollten sie gemeinsam angehen, über alle Grenzen hinweg.“

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Dr. Johanna Cludius und Malte Bei der Wieden befassen sich im Bereich Energie & Klimaschutz aus vielen unterschiedlichen Perspektiven mit dem Klimaschutz. Die Ökonomin Cludius betrachtet etwa Verteilungseffekte von Energie- und Klimapolitik sowie marktbasierte Instrumente der Klimapolitik. Der Umweltingenieur Bei der Wieden widmet sich unter anderem der Energieeffizienz sowie dem Anteil erneuerbarer Energien im Gebäudesektor.

 

Ansprechpartnerin und Ansprechpartner am Öko-Institut