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Was ist ein nukleares kulturelles Erbe?

Wie wir uns mit dem radioaktiven Abfall auseinandersetzen beziehungsweise uns an dessen Gefahren erinnern, kann sich in einem nuklearen kulturellen Erbe widerspiegeln. Bereits heute gibt es nukleares kulturelles Erbe in Deutschland, aus dem für die Endlagersuche gelernt werden kann. In dieser Blogserie beschreibt Dr. Melanie Mbah, was dieses Erbe ausmacht, welche Fallbeispiele es in Deutschland gibt und welche Lehren sich daraus für die Endlagersuche ableiten lassen.
  • Dr. Melanie Mbah
    Forschungskoordinatorin für Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung / Senior Researcher Nukleartechnik & Anlagensicherheit
Illustration mit zwei Menschen, die Fässer mit radiaktivem Abfall halten und über die Erdkugel laufen

Kulturelles Erbe ist mehr als alte Steine und Gebäude

Unser kulturelles Erbe bezieht sich auf Orte, Objekte und Wissen aus der Vergangenheit, die die Identität und Geschichte von Gemeinschaften sowie der gesamten Menschheit prägen. Es ist eine breite Sammlung und reicht von historischen Städten über Denkmäler und Landschaften bis zu Traditionen wie etwa regionalen Tänzen oder Handwerk. Dabei gewinnen materielle Objekte ihre Bedeutung erst, indem sie Gegenstand einer Auseinandersetzung werden, das heißt von Menschen genutzt und gedeutet werden; umgekehrt werden immaterielle Praktiken wie beispielsweise herausragende Handwerkskunst in Gegenständen, Symbolen oder Dokumenten materialisiert. 

Kulturelles Erbe besteht aus materiellen und immateriellen Komponenten, ist von unterschiedlichen Wahrnehmungen geprägt und wird beständig reproduziert und weiterentwickelt. Ein soziales Geflecht aus Dingen, Handlungen und Bedeutungen beeinflusst also das, was eine Gesellschaft für bewahrenswert hält und wodurch sie ihr kulturelles Erbe bestimmt.

Nukleare Vergangenheit als besonderes kulturelles Erbe

Auf diesem Verständnis baut das nukleare kulturelle Erbe auf. Es bezieht sich in Deutschland auf die zivilgesellschaftliche Nutzung der Kernenergie. Darunter versteht man Praktiken und Artefakte der nuklearen Vergangenheit und Gegenwart, die als relevant und wichtig für die Zukunft angesehen werden. Die Praktiken beinhalten das Identifizieren, Sammeln, Aufbewahren und das Kommunizieren über nukleartechnologische Artefakte und damit einhergehende gesellschaftliche Auseinandersetzungen.

Zum nuklearen kulturellen Erbe gehören einerseits technische Objekte wie stillgelegte Reaktoren, Kontrollräume oder ein Endlager und andererseits Praktiken und Diskurse, die sich mit dem Thema Kernenergie oder konkreten kerntechnischen Objekten auseinandersetzen. Das können beispielsweise Forschungsarbeiten sein, kulturelle oder künstlerische Praktiken wie Ausstellungen in Museen oder Protestbewegungen und deren Aktivitäten, die teilweise auch Artefakte generieren (z.B. Mahnmale). 

Im Gegensatz zum kulturellen Erbe hat das nukleare Kulturerbe eine besondere zeitliche Dimension. Es beinhaltet Risiken, die teilweise weit in die Zukunft reichen wie die radioaktiven Abfälle. Radioaktivität ist unsichtbar und dennoch gehen von dieser über lange Zeiträume hinweg Risiken für Mensch und Umwelt aus. Dadurch haben sich gesellschaftliche Diskurse und Kontroversen entwickelt, die auf bestimmte Standorte, Architekturen und Naturlandschaften bezogen werden. Sie haben Einfluss auf Praktiken von (ehemaligen) Beschäftigten in kerntechnischen Anlagen, Umwelt-Aktivist*innen, Politiker*innen und andere Akteure, die das nukleare kulturelle Erbe gestalten. Sie bestimmen, welche Objekte identifiziert, gesammelt und bewahrt werden. Museen, Forschungseinrichtungen, Archive und zivilgesellschaftliche Gruppen entscheiden, was erhalten bleibt und wie darüber gesprochen wird. Dadurch wird das Erbe institutionalisiert.

Auch Emotionen spielen für das nukleare kulturelle Erbe eine Rolle: Die Verbundenheit mit bestimmten Orten – etwa ehemaligen Kernkraftwerksstandorten oder Orten des Protests – ist geprägt durch persönliche Erinnerungen, aber auch durch mediale Diskurse. Dabei wird deutlich, dass Geschichten und Emotionen in Bezug auf bestimmte Orte ebenfalls durch Ereignisse und Diskurse an anderen Orten geprägt werden wie beispielsweise die Unfälle in Kernkraftwerken in Tschernobyl (Ukraine) und Fukushima (Japan) auch prägend für die Wahrnehmung von Kernenergie und den Umgang damit in Deutschland waren. Sie haben das kollektive Gedächtnis vieler Menschen weltweit geprägt und beeinflussen wie über Kernenergie gesprochen wird, aber auch wie sie genutzt und politisch reguliert wird.

Das nukleare kulturelle Erbe verbindet somit Vergangenheitsbewältigung mit Zukunftsverantwortung – und stellt die Frage, wie Wissen, Warnungen und Erfahrungen über Jahrtausende hinweg vermittelt werden können.

Vier Kernkomponenten nuklearen kulturellen Erbes

  • Zeitliche Dimension: In der Gegenwart setzen wir uns mit Wissen, Praktiken und Artefakten der Vergangenheit auseinander, die relevant für die Zukunft sind. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind daher eng miteinander verknüpft. 
  • Materielle Objekte und immaterielle Praktiken: Physische Objekte wie technische Anlagen und immaterielle Praktiken wie Protestaktionen sind untrennbar verbunden. Aus immateriellen Praktiken können materielle Artefakte wie z.B. Ausstellungen entstehen, während materielle Objekte wiederum neue Diskurse hervorbringen. 
  • Räumliche Verortung: Nukleares kulturelles Erbe braucht für seine Entwicklung räumliche Bezüge – alle materiellen Objekte und immateriellen Praktiken sind örtlich verankert (bspw. durch Infrastrukturen der Nuklearindustrie) oder entstehen aus ortsgebundenem Wissen (bspw. durch Protestaktionen). Gleichzeitig können sich diese jedoch über einen konkreten Ort hinausentwickeln und lokale, nationale oder internationale Grenzen überwinden. 
  • Institutionalisierung: Um über die Zeit hinweg erhalten zu bleiben, muss das nukleare kulturelle Erbe institutionalisiert werden. Eine Institutionalisierung kann sowohl durch top-down-Aktivitäten und -Mechanismen wie etwa Museen und Archive erfolgen als auch über bottom-up-Initiativen aus der Zivilgesellschaft. Diese Strukturen, Regeln und Routinen müssen sich über längere Zeiträume etablieren und bringen so unterschiedliche Grade von Institutionalisierung hervor.

Die Bestimmung von nuklearem kulturellem Erbe

Nukleares kulturelles Erbe ist vielschichtig und interagiert mit mehreren Objekten und Praktiken. Das ist zentral für seine Entwicklung, Ausgestaltung und sein Fortbestehen. Je mehr Verflechtungen bestehen beziehungsweise je deutlicher diese ausgeprägt sind, desto eher folgen Institutionalisierungsprozesse und desto höher ist der Grad an Institutionalisierung.

Um zu bestimmen, was Teil des deutschen nuklearen, kulturellen Erbes ist, wurde eine umfangreiche Literaturrecherche durchgeführt und eine annotierte Bibliografie veröffentlicht. Die identifizierte Literatur besteht überwiegend aus wissenschaftlicher Literatur aber auch Informationsmaterialien. 

Nach der Literaturrecherche wurden Orte in Deutschland kartiert. Dazu wurden räumliche Bezugspunkte identifiziert, an denen ein solches Erbe bereits im Entstehen oder in der Umsetzung ist. Die Kartierung bietet somit eine räumliche Übersicht unterschiedlicher Arten von Objekten und Artefakten und zeigt auch Bündelungen derer auf. Anhand der Definition von nuklearem kulturellem Erbe wird davon ausgegangen, dass Bündelungen mehrerer Orte auf eine Institutionalisierung von Prozessen und Praktiken hinweisen. 

Insgesamt wurden 77 Orte identifiziert, an denen ein nukleares kulturelles Erbe in Deutschland entweder bereits vorhanden ist oder gerade entsteht. Viele der Orte sind Besucherzentren und Museen. Darüber hinaus gibt es Ausstellungsorte, Gedenkstätten, Forschungsstätten und Archive. Die Orte des nuklearen kulturellen Erbes sind über ganz Deutschland verteilt. Mit Ausnahme der Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen sowie des Saarlandes gibt es in jedem Bundesland mindestens einen Ort, der als Teil von nuklearem kulturellem Erbe gesehen werden kann. Die meisten identifizierten Orte gibt es in Baden-Württemberg und Sachsen.

Orte eines potenziellen nuklearen kulturellen Erbes in Deutschland

In weiteren Blogbeiträgen gehe ich auf die deutschen Fallbeispiele ein, die wir näher untersucht haben: das Atomei München/Garching, die Regionen Wismut und Gorleben. Anschließend folgt ein Beitrag zur Bedeutung des nuklearen kulturellen Erbes für die Endlagerstandortsuche und die Sicherheit der Endlagerung generell.

Dr. Melanie Mbah ist Forschungskoordinatorin für transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung beim Öko-Institut und in der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Endlagerforschung (DAEF) sowie in der Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung engagiert.

Weitere Informationen

Journal-Artikel Mbah, M.; Noka, V.; Lampke, A.; Kelly, R.; Kuppler, S. (2025): "What is Nuclear Cultural Heritage? Developing an analytical framework. Energy Research & Social Science 124.

Studie „Status Quo des nuklearen kulturellen Erbes in Deutschland und dessen Bedeutung für die nukleare Entsorgung“

Studie „Relationale Analyse von materiellem und immateriellem nuklearem kulturellem Erbe in Deutschland“

Studie „Kartierung von Orten eines potenziellen nuklearen Erbes in Deutschland”

Annotierte Bibliographie von Literatur zu nuklearem kulturellem Erbe in Deutschland

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