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Editorial

Die Affen brüllen wieder

Das Vorwort von Anke Herold, Sprecherin der Geschäftsführung des Öko-Institut e.V.

Als ich 1994 für meine Diplomarbeit sieben Monate in Costa Rica war, sah ich das dortige Entwaldungsproblem überdeutlich. In vielen Regionen waren so große Flächen gerodet, dass man keine Bäume, sondern nur noch rote Erde sah. Von den berühmten Brüllaffen, die vorher in den Wäldern lebten, war nichts zu hören. Nur in den Nationalparks konnte man noch sehen, wie das wertvolle Ökosystem des Regenwalds vorher ausgesehen hatte. Klingt nicht nach einer Geschichte, aus der man etwas lernen kann? Im Gegenteil! Doch dazu später mehr.

Wir haben hier in Deutschland keinen Regenwald. Und natürlich unterscheiden wir uns meteo­rologisch, geologisch, gesellschaftlich und in vielem mehr von anderen Ländern. Trotzdem können wir in Sachen Klimaschutz viel von ihnen lernen. Zum Beispiel, wenn wir unseren Blick gen Norden richten: Norwegen hat ein Verbrenner-Aus ab 2025 beschlossen und im vergangenen Jahr wurden tatsächlich fast nur noch Elektrofahrzeuge neu zugelassen. Erreicht wurde das über eine Befreiung der E-Fahrzeuge von der Mehrwertsteuer – die für Verbrenner sehr hoch ist – sowie durch eine Befreiung beziehungsweise Reduktion von sonstigen Straßen­benutzungsgebühren, durch kostenlose Parkplätze in den Städten, reduzierte Steuern für elektrische Dienstwagen, eine Pflicht zu Elektrofahrzeugen bei öffentlichen Ausschreibungen und den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Auch China hat eine Maßnahme installiert, die Elektroautos auf die Überholspur setzt – über die Fahrzeugregistrierung. Bei Verbrennern ist das ein hoher Aufwand, bei einem Elektroauto kann man das schnell online erledigen. Könnte man auch hierzulande einsetzen, oder? Egal, wohin man blickt auf der Welt, es gibt zahllose inspirierende Beispiele für wirkungsvollen Klimaschutz – sei es das Plastiktütenverbot in Marokko, das gemeinnützige und kommunale Wohnen in Wien oder die Luxussteuer auf große Autos in Thailand.

Reisen wir noch mal kurz zurück nach Costa Rica. Gut zwanzig Jahre nach meinem ersten Aufenthalt bin ich mit meiner Familie noch einmal dorthin gefahren und war sprachlos: von den Spuren der Abholzung war nichts mehr zu sehen, die Waldgebiete hatten stark zugenommen und waren miteinander vernetzt. Die Brüllaffen waren kein besonderer Anblick mehr, man konnte sie nun häufig von der Terrasse der Unterkünfte beobachten und hören. Was wir davon lernen können? Dass man mit einer konsequenten Wald- und Naturschutzpolitik auch in relativ kurzer Zeit viel erreichen kann, wenn man am Ball bleibt. Diese Konsequenz brauchen wir auch hierzulande – ebenso wie innovative Ideen und den Mut, sie auszuprobieren.

Ihre

Anke Herold
a.herold@oeko.de