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Im Fokus

„Detailwissen über Erfolgsfaktoren ist besonders wertvoll“

Interview mit Dr. Kristina Eisfeld (Klima-Bündnis )

Christiane Weihe

Voneinander lernen – das ist Teil der DNA des Klima-Bündnisses. Denn in diesem größten europäischen Städte­netzwerk sind mehr als 2.000 Mitglieder vertreten. Sie tauschen sich bei der Jahreskonferenz CAIC aus, bei Arbeitsgruppen etwa zu Klimaanpassung und CO2-Monitoring oder über das Energy Poverty Advisory Hub (EPAH), eine Beratungsstelle für Energiearmut. Wir haben mit Dr. Kristina Eisfeld, Projektmanagerin beim Klima- Bündnis darüber gesprochen, warum der Austausch so wichtig ist, was wir von anderen Ländern lernen können und wo auch Deutschland als Vorbild dienen kann.

Frau Dr. Eisfeld, warum ist eine Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg beim Klimaschutz so wertvoll?

Jede Region hat ihre eigenen Herausforderungen und Lösungsansätze, die durch den Austausch auf europäischer und internationaler Ebene erheblich bereichert werden. Dies bringt nicht nur eine Arbeitserleichterung, sondern spart auch Ressourcen, da Akteur*innen, die Klimaschutz umsetzen wollen, von den Erfahrungen anderer lernen können – sowohl von Erfolgen als auch Misserfolgen. Detailwissen über Erfolgsfaktoren ist besonders wertvoll, wenn es darum geht, bewährte Maßnahmen in anderen Kontexten replizierbar und skalierbar zu machen. Nehmen wir zum Beispiel die so genannten One-Stop-Shops, die Bürger*innen in Europa bei der energetischen Sanierung unterstützen sollen. Wir wissen inzwischen, dass es wichtig ist, dass sie möglichst in der Nähe der Bürger*innen sind – also etwa auf Marktplätzen – und dass sie an Samstagen geöffnet haben, weil viele Menschen nur dann Zeit haben, sich damit zu beschäftigen.

Wo kann Deutschland viel von anderen Ländern lernen?

Auf jeden Fall beim Thema Energiearmut, das wurde bislang eher stiefmütterlich behandelt und wir haben hier einiges nachzuholen. Bei vielen ist das Problem der Energiearmut erst im Zuge des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine und steigender Energierechnungen ins Bewusstsein getreten. Da sind uns andere Länder weit voraus.

Was sind Maßnahmen, die wir uns hier von anderen Ländern abschauen können?

Zunächst einmal: Das Problem überhaupt anzuerkennen. Im Gegensatz zu vielen europäischen Staaten gibt es in Deutschland noch keine zentrale Koordinierungstelle zur Bekämpfung von Energiearmut. Im nächsten Schritt geht es dann darum, klare Ziele zu setzen, um Energiearmut zu reduzieren, und deren Erreichung regelmäßig zu überprüfen. Generell fehlen eine kohärente Strategie, klare Zuständigkeiten und eine strategische Gesamtperspektive. 

Warum ist das Thema hierzulande bislang so vernachlässigt?

Weil es häufig als Randproblem betrachtet und nicht ausreichend auf die politische Agenda gerückt wurde. Ein Grund dafür ist die Annahme, dass viele Menschen in Deutschland durch das Sozialsystem ausreichend abgesichert seien. Dabei wird jedoch übersehen, dass es auch die sogenannten hidden energy poor gibt – Haushalte, die knapp oberhalb der Anspruchsgrenzen für soziale Leistungen liegen. Dazu zählen beispielsweise alleinerziehende, berufstätige Mütter, Studierende oder Witwen, deren Renten nicht ausreichen, um die Wohnung warm genug zu bekommen. Diese Gruppe fällt häufig durch bestehende Förder- und Unterstützungsinstrumente, weil sie statistisch nicht auffallen.

Welche Fragen rund um den Klimaschutz begegnen Ihnen häufig in den Austauschformaten des Klima-Bündnisses?

Zum Beispiel die Frage, wie man das Thema überhaupt auf die Agenda hebt. Wie Finanzierungsmodelle ausgestaltet sein können, um Maßnahmen umzusetzen. Aber auch: Wie halten wir das Thema am Leben, wenn die Aufmerksamkeit sinkt oder was tun bei knappen kommunalen Kassen? Oder: Wie können wir Erneuerbare-Energien-Gemeinschaften etablieren und dabei auch vulnerable Haushalte einbeziehen?

Gibt es auch Dinge, bei denen Sie sagen würden: Hier können wir unser Wissen an andere Länder weitergeben?

Natürlich. Ich denke da zum Beispiel an die hierzulande etablierten professionellen Hausverwaltungen, die Wohnungseigentümergemeinschaften durch ihre Expertise bei der Koordination von Projekten, der finanziellen Planung und der Umsetzung von klimaschutzrelevanten Maßnahmen unterstützen – so etwa bei Sanierungen oder beim Heizungstausch. Dies ist in vielen Ländern noch nicht etabliert. Davon könnten zum Beispiele viele Ostblockstaaten lernen, in denen die Privatisierung zu einer sehr großen Zahl von einzelnen Eigentümer*innen geführt hat.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christiane Weihe.

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Im Interview mit eco@work: Dr. Kristina Eisfeld, Projektkoordinatorin beim Klima-Bündnis

Weitere Informationen

Dr. Kristina Eisfeld
Klima-Bündnis Europa

E-Mail: k.eisfeld@climatealliance.org
Web:   www.klimabuendnis.org 

Zur Person

Dr. Kristina Eisfeld hat einen Master in Politischer Soziologie, sie promovierte zudem zum Thema Multi-level Governance in Europa und Energiearmut in Österreich. Sie war unter anderem als Dozentin für die Universität Wien und Universität Innsbruck sowie im Rahmen des Programms GREEN Home für den Verband der Immobilienverwalter Deutschland tätig. Seit 2023 ist sie als Projektkoordinatorin beim Klima-Bündnis beschäftigt, wo sie sich vor allem den Themen Energiearmut und Klimagerechtigkeit widmet.

Das Klima-Bündnis ist ein Städtenetzwerk, das sich einem gerechten und umfassenden Klimaschutz verpflichtet hat. Es ist in mehr als 25 Ländern vertreten, hat über 2.000 Mitglieder und verbindet zahlreiche europäischen Regionen, Städten und Gemeinden. Im Fokus steht zudem, die indigenen Völker Amazoniens zu unterstützen.