Ausgabe: Juni 2018, Wissen und Wissenschaft – Fakten zu Alternativen statt alternative Fakten


Im Fokus

Wissen und Wissenschaft

Erkenntnisse für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Wissen ist das Fundament der Arbeit des Öko-Instituts: Hier bringen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Expertise ein, sie arbeiten inter- und transdisziplinär und gewinnen Wissen so auch jenseits klassischer Disziplingrenzen. Zentral ist dabei ebenso die alltagspraktische Anwendbarkeit der gewonnenen Erkenntnisse. Die methodischen Grundlagen dafür und die damit verbundenen Herausforderungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten durchaus gewandelt und weiterentwickelt. Eines aber bleibt seit der Gründung des Instituts unverändert: Ziel ist es, transparentes Wissen für eine nachhaltige und zukunftsfähige Entwicklung zusammenzutragen und für die Gesellschaft bereitzustellen.

„Transformationen in Richtung Nachhaltigkeit finden auf vielen gesellschaftlichen Ebenen statt“, sagt Dr. Bettina Brohmann vom Öko-Institut, „wir brauchen zum Beispiel politische Weichenstellungen für die Einhaltung der Klimaziele ebenso wie technische Innovationen etwa bei der Stromnetzinfrastruktur oder auch gesellschaftliche Ziele und Werteänderungen in Hinsicht auf einen überbordenden und oftmals nicht nachhaltigen Konsum.“ Auch bei Verhaltensänderungen können wissenschaftliche Erkenntnisse ganz praktisch unterstützen und dabei helfen, eine nachhaltigere Wahl zu treffen. So hat sich das Öko-Institut gemeinsam mit dem ISOE sowie den Energieversorgern ENTEGA und Badenova um das Thema Motivation zum Stromsparen gekümmert und gemeinsam mit interessierten Energienutzerinnen und -nutzern im vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt „Stromeffizienzklassen für Haushalte“ wesentliche Einsparoptionen in deren Haushalten praktisch erprobt. Aber auch weitere vom Öko-Institut entwickelte Tools, mit denen beispielsweise private und gewerbliche Nutzer selbst berechnen können, wie sich die Anschaffung eines Elektroautos auf die Umwelt und das eigene Bankkonto auswirkt, oder wann es sich lohnt, neben einer Photovoltaik-Anlage noch einen Batteriespeicher zu installieren, tragen dazu bei, die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit zu unterstützen.

GEMEINSAME FRAGEN – HANDLUNGSORIENTIERTE LÖSUNGEN

„Die Rolle der „klassischen“ Wissenschaft hat sich nach unserem Verständnis in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt“, sagt Bettina Brohmann, Forschungskoordinatorin Transdisziplinäre Nachhaltigkeitswissenschaft am Öko-Institut, „natürlich braucht man auch weiterhin theoretische Grundlagen und methodische Erkenntnisse. Aber es geht nicht mehr allein darum, wissenschaftliche Fragen zu klären, sondern eben auch darum, relevante Impulse aus der Gesellschaft aufzunehmen.“ Diese finde man im Dialog mit Akteuren, mit Interessengruppen oder Entscheiderinnen und Entscheidern auf unterschiedlichen Ebenen der Praxis. Gleichzeitig fungieren wissenschaftliche Einrichtungen wie das Öko-Institut in ihrer Rolle oft selbst als Anstifter und Ideengeber. „Wir wollen mit den Betroffenen gemeinsam Lösungen erarbeiten“, so die Expertin, „um ihr Wissen zu integrieren, aber auch, um Ergebnisse dann relevanter und gesellschaftlich akzeptabler zu gestalten.“ Wenn es zum Beispiel um die nachhaltige Entwicklung eines Unternehmens oder einer Region geht, nutzt das Öko-Institut die vorhandene Kompetenz und macht die Lösungen gemeinsam mit den Betroffenen relevanter für eine nachhaltige Problemlösung.

Auch die Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung ist ein wichtiger Bestandteil der transdisziplinären Arbeit zur Initiierung und Gestaltung des Wandels. Hierfür stellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Institutsbereichen beispielsweise im Working Paper „Nachhaltiger Konsum – Strategien für eine gesellschaftliche Transformation“ sechs strategische Säulen vor. „Dazu gehört etwa, klare Prioritäten zu setzen und das Thema Suffizienz zu stärken, also Konsummuster zu verändern, einen systemischen Ansatz einer nachhaltigen Konsumpolitik zu entwickeln und dabei soziale Gerechtigkeit zu berücksichtigen beziehungsweise zu integrieren“, sagt die Forschungskoordinatorin, „aber auch die Förderung von sozialen und institutionellen Innovationen und die Einbeziehung aller relevanten Akteure sind wesentlich für einen erfolgreichen Wandel.“ Das Working Paper bietet damit eine Grundlage für die Umsetzung auf verschiedenen Ebenen, wie der kommunalen Planung oder der Entwicklung einer Förderkulisse für Nachhaltigkeitsbildung auf Landesebene.

Wie die Energiewende als gesamtgesellschaftlicher Transformationsprozess gestaltet werden kann, der Akteure aus Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft einbindet, analysiert darüber hinaus das vom Bundesforschungsministerium geförderte Kopernikus-Projekt „Systemintegration: Energiewende-Navigationssystem (ENavi)“. In diesem arbeitet ein Forschungskonsortium mit mehr als 80 Kooperationspartnern – darunter auch das Öko-Institut – unter Federführung des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) daran, die Energiewende nachhaltig und mit gesellschaftlicher Einbindung voranzutreiben. „Hierfür betrachten wir technische Lösungen ebenso wie neue Geschäftsmodelle, aber auch die Wechselwirkungen unterschiedlicher Maßnahmen“, erklärt die Wissenschaftlerin, „so soll ein Navigationsinstrument entwickelt werden, das die Wirkungen und Nebenwirkungen von politischen und wirtschaftlichen, rechtlichen und technischen sowie sozialen Maßnahmen abschätzt.“

ALLE RELEVANTEN AKTEURE

Wissen für eine nachhaltige Gesellschaft zu entwickeln, ist für das Öko-Institut stets mit Vernetzung und Zusammenarbeit verbunden – sei es innerhalb eines Teams, über Bereichsgrenzen hinweg, unter Einbeziehung von Partnerinnen und Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Ein Beispiel hierfür ist das Projekt „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung. Transfer als Lernprozess in der Region“, das sich einer zukunftsorientierten Stadt- und Regionalentwicklung widmet. „In diesem Projekt arbeiten sehr unterschiedliche Akteure zusammen – regionale und städtische Institutionen sind hier ebenso beteiligt wie politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Akteure“, erklärt Brohmann. Das Vorhaben unter Trägerschaft der Hochschule Darmstadt, das im Rahmen der Initiative „Innovative Hochschule“ gefördert wird, will die kreativen, gestalterischen und innovativen Potenziale im Darmstädter Raum für eine nachhaltige Entwicklung verknüpfen und lernende Systeme etablieren. „Das Öko-Institut begleitet das Projekt bei der Prozessgestaltung, aber auch thematisch. So unterstützen wir einen Automobil-Zulieferer dabei, sein Chemikalienmanagement bei der Lederbezug-Produktion nachhaltig zu verbessern“, sagt die Wissenschaftlerin.

Auch im Projekt „Transformative Strategien einer integrierten Quartiersentwicklung – TRASIQ“, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird, arbeitet das Öko-Institut über Grenzen hinweg und berücksichtigt die Erfahrungen aus der Praxis. Gemeinsam mit dem Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS, Dortmund), dem Deutschen Institut für Urbanistik (difu) und der Wissenschaftsstadt Darmstadt sowie unterstützt von team ewen und der Schader-Stiftung entwickeln die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Strategien und Konzepte für ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltige Quartiere in Darmstadt und Griesheim. „Dabei stehen wir nicht nur im Austausch mit den Planerinnen und Planern, sondern ebenso mit den zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern“, so Brohmann, „im Projekt werden zudem praktische Ansätze zur Umsetzung in zwei Entwicklungsgebieten definiert und begleitet sowie Handlungsempfehlungen für verschiedene politische Akteure entwickelt.“

Die Zusammenarbeit in Projekten wie diesen sieht die Forschungskoordinatorin als fließenden Prozess, in dem sie einen kontinuierlichen Austausch für unverzichtbar hält. „Wir arbeiten schon lange mit unterschiedlichen Partnern zusammen. Doch auch diese Kooperationen verändern sich“, sagt sie, „heute ist es wichtig, stärker von der Prozessgestaltung her zu denken.“ Diese verstärkte Prozessorientierung führt Brohmann auf die umfangreichen Herausforderungen zurück, die mit einem Wandel zur Nachhaltigkeit verbunden sind: „Hier sollen ja Lebensstile und ganze Systeme verändert werden. Alle müssen sich umstellen, die Verbraucherinnen und Verbraucher ebenso wie die Wirtschaft und die Politik. Das gelingt nur über einen kontinuierlichen Austausch und permanentes Prüfen und Nachjustieren.“

WISSEN FÜR DIE ZUKUNFT

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Öko-Instituts blicken bei ihrer Arbeit aber nicht nur in die Gegenwart, sondern oft auch viele Dekaden nach vorne. „Wir arbeiten an der Frage: Was müssen wir für die Zukunft wissen? Wie können wir eine nachhaltige Zukunft besser gestalten?“, erklärt die Forschungskoordinatorin, „eine Methode zur Beantwortung dieser Fragen ist die Entwicklung von Szenarien, bei denen man verschiedene Pfade zur Erreichung eines Ziels abprüft. Die Vorbereitung für die Entwicklung gemeinsamer Ziele kann über so genannte Reallabore erfolgen, in denen zum Beispiel verschiedene Ideen und Maßnahmen entwickelt und auf die künftigen Anforderungen der Praxis abgestimmt werden können.“ An solche Reallabore hat Dr. Bettina Brohmann klare Anforderungen. „Es ist gerade ein wenig in Mode gekommen, Reallabore zu initiieren – doch viele nutzen das Label auch dann, wenn sie nur einmal Akteursgruppen befragt haben“, sagt sie, „hier muss es eine Qualitätssicherung geben und die Berücksichtigung von definierten Standards. Und das heißt zum Beispiel: Gemeinsam mit den Menschen Probleme beschreiben, Ziele priorisieren, Lösungen in der Umsetzung begleiten und dabei immer wieder überprüfen, ob man auf dem richtigen Weg ist.“ Denn nur so gewinnen alle die Erkenntnisse, die sie wirklich brauchen: ein fundiertes Wissen für eine nachhaltige Zukunft.

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Die Sozial- und Regionalwissenschaftlerin Dr. Bettina Brohmann ist seit 1984 für das Öko-Institut tätig. 2012 übernahm sie die Aufgabe als Forschungskoordinatorin für Transdisziplinäre Nachhaltigkeitswissenschaften und arbeitet hier bereichsübergreifend. Dabei befasst sie sich unter anderem mit sozialen Aspekten der Energie- und Klimapolitik, Konsumenten- und Motivationsforschung sowie der Beteiligung an Entscheidungsprozessen.

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