Ausgabe: Juni 2016, Obsoleszenz – Ursachen, Auswirkungen, Strategien


Editorial

Von Legenden und ihrer wissenschaftlichen Überprüfung

Das Vorwort von Prof. Dr. Rainer Grießhammer, Mitglied der Geschäftsführung des Öko-Instituts

Meinen ersten Fernseher hatte ich in den 1970er Jahren als Student geerbt. Er war 25 Jahre alt, sendete in Schwarz-Weiß und ursprünglich nur ein einziges Programm: „Das Erste“. Zur Programmerweiterung auf das erstmals 1961 ausgestrahlte ZDF musste man einen UHF-Konverter dazu kaufen. Elektrogeräte wurden lange genutzt, neue Technologien und Funktionen nur langsam eingeführt und die Reparaturkosten waren im Vergleich zu einem Neukauf meist gering. Heute stehen TV-Geräte im Schnitt gerade mal fünf bis sechs Jahre in den Haushalten („Erst-Nutzungsdauer“). Dann werden sie als Drittfernseher genutzt, verschenkt oder gleich als Elektroschrott entsorgt. Mit dem selbstentlastenden Gefühl, dass die Geräte ja sowieso bald kaputt gehen. Hat man doch gerade unter dem Stichwort „Obsoleszenz“ gelesen, dass die Hersteller gezielte Sollbruchstellen einbauen.

Legenden wie die der geplanten Obsoleszenz enthalten meist einen winzigen Schuss Wahrheit. Haben vielleicht für wenige Bereiche oder Zeiten gestimmt, werden gerne geglaubt und kolportiert. Das wäre nicht weiter tragisch, man liest ja auch gerne Märchen, würden sie nicht in die Irre führen und von den eigentlichen Problemen ablenken. Und das ist nicht die geplante Obsoleszenz, sondern die überbordende Konsumgesellschaft. Mit aggressiver Werbung, permanent neuen Funktionen, Rabattaktionen, schrägen Verträgen und Softwaretricks werden die Verbraucher zu allem möglichen Unsinn verführt: überdimensionierte und übermotorisierte Autos, wohnzimmersprengende Großbildschirme, halbjährlich neue Textilmoden, Tarifverträge mit „Jedes Jahr ein neues Smartphone“. Offensichtlich haben viele Verbraucher Sollbruchstellen eingebaut, die das Denken abstellen, wenn das neue Produkt nur genug blinkt, billig ist und der Nachbar es noch nicht hat.

Das Öko-Institut wird weiterhin die Ursachen von Umweltproblemen und zielführende Lösungen kritisch und unabhängig untersuchen und dabei auch unangenehme Wahrheiten aussprechen. Ich wünsche Ihnen heute eine anregende Lektüre unserer eco@work und einen erholsamen Sommer,

Ihr

Prof. Dr. Rainer Grießhammer
Mitglied der Geschäftsführung des Öko-Instituts
r.griesshammer--at--oeko.de

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