Ausgabe: Juni 2021, Noch rund 30 Jahre – Die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle


Editorial

Eine neue, alte Rolle

Das Vorwort von Jan Peter Schemmel, Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts

In Sachen Atomkraft sind wir seit der Gründung des Öko-Instituts vor über 40 Jahren weit gekommen. Der Ausstieg aus der Kernenergie wurde endgültig beschlossen, nächstes Jahr werden die letzten Reaktoren abgeschaltet. Für die Suche nach einem Endlagerstandort gibt es nun ein wissenschaftsbasiertes, transparentes, partizipatives und mehrstufiges Verfahren. Dabei ist die Expertise unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach wie vor gefragt. Vor über vier Jahrzehnten stellten sie als Erste unabhängige wissenschaftliche Analysen zur Verfügung, auf welche sich die Anti-AKW-Bewegung stützen konnte. Heute bringen sie ihre unabhängige Expertise in die Formate der Öffentlichkeitsbeteiligung beim Endlagerprozess ein, begleiten das Verfahren durch eigene Analysen und helfen, die Aussagen technischer Berichte zu verstehen. Denn die Fragestellungen, die in diesem Verfahren bearbeitet werden, sind oft sehr weit weg von unserem Alltagswissen. Wer sich angemessen beteiligen will, braucht daher wissenschaftliche Unterstützung und Übersetzung.

Wir stehen vor einer gewaltigen Aufgabe: Ein Endlager einzurichten, in dem hochradioaktive Abfälle für mindestens eine Million Jahre sicher untergebracht sind. Und damit auch vor einer Aufgabe mit hohem gesellschaftlichen Konfliktpotenzial. Schon heute regt sich Widerstand, der sicher deutlich zunehmen wird, sobald sich die Zahl potenzieller Standorte verkleinert. Deshalb führt an diesem groß angelegten Partizipationsprozess kein Weg vorbei. Ein Prozess, der sich weiter mit jedem Schritt bewähren muss, auch deshalb ist die Entscheidung für ein selbsthinterfragendes und lernendes Verfahren so wichtig. Dabei gilt es zudem, den stattfindenden Generationswechsel im Thema zu meistern und sicherzustellen, dass wertvolles Wissen und Expertise nicht verloren gehen. Wir freuen uns, dass wir als Öko-Institut mit unseren erfahrenen wie mit unseren neueren und jüngeren Mitarbeitenden hierzu einen wichtigen Beitrag leisten können.

Julia Neles, die im März 2021 die stellvertretende Leitung des Bereichs Nukleartechnik & Anlagensicherheit übernommen hat, spricht in ihrem Beitrag einen Punkt an, der angesichts der geologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Endlagerung schon frühzeitig stark kritisiert wurde: Dass die Kernenergie in Betrieb genommen wurde, ohne dass die Frage ihrer Hinterlassenschaften geklärt war. Ein Fehler, den wir nicht wiederholen dürfen, und ein mahnendes Beispiel, bei neuen Technologien stets ihre Folgewirkungen im Auge zu behalten, so zukunftsweisend und sauber diese auf den ersten Blick auch zu sein scheinen. Etwas, das das Öko-Institut seit über 40 Jahren tut – und weiter tun wird. Ich freue mich, wenn Sie uns dabei unterstützen!

Ihr

Jan Peter Schemmel

j.schemmel--at--oeko.de

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