Ausgabe: Februar 2017, Lärm – Auswirkungen und Schutz


Im Fokus

„Die langfristigen Wirkungen von Lärm müssen erforscht werden“

Im Interview: Dr. Irene van Kamp (RIVM)

Eine Studie, über ein ganzes Leben hinweg? Die Psychologin Dr. Irene van Kamp strebt langfristige Analysen an. Sie forscht bereits seit vielen Jahren zur Lärmwirkung, derzeit am RIVM, dem Nationalen Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt der Niederlande in Bilthoven. Neben der konkreten Forschungsarbeit ist die Lärmexpertin für unterschiedliche nationale, europäische und internationale Organisationen und Projekte tätig. So war sie Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Qualitätssicherung (WBQS) der NORAH-Studie und unterstützt die Weltgesundheitsorganisationen WHO bei der Entwicklung aktualisierter Guidelines für Umgebungslärm.

Dr. van Kamp, was muss im Bereich der Lärmwirkung dringend noch erforscht werden?

Die langfristige Auswirkung von Lärm, über ein ganzes Leben hinweg, beginnend im pränatalen Stadium. Wir wissen, dass Kinder, die in der Nähe eines Flughafens wohnen, ein höheres Risiko kognitiver Auswirkungen oder von Schlafstörungen haben. Wie wird sich ihre Gesundheit weiterentwickeln – etwa mit Blick auf Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder chronische Schlafstörungen? Oder Menschen mit einer Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Lärm hat einen Einfluss auf sie, so viel ist klar, aber um genau herauszufinden, welchen, müssten wir sie länger beobachten. Die technischen Möglichkeiten, die es inzwischen gibt, könnten solche Studien sehr vereinfachen. Leider ist es sehr schwer, dafür Fördergelder zu erhalten.

Worauf führen Sie das zurück?

Ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass Lärm nicht immer als Gesundheitsthema anerkannt wird. Und trotz der bestehenden EU-Richtlinien unterscheidet sich die Politik in Bezug auf Verkehrslärm oder zum Beispiel den Lärm von Windturbinen stark zwischen Ländern und auch Regionen.

Warum ist das Thema Lärm für die Forschung so herausfordernd?

Anders als etwa bei konkreter Umweltverschmutzung gibt es hier keinen direkten Effekt, ausgenommen Hörschäden bei wirklich massivem Lärm. Es ist ein etwas schwammiges Thema, das auch viel mit persönlicher Wahrnehmung zu tun hat. Und die lässt sich leider leicht abwerten.

Für die WHO haben Sie viele Studien anderer Experten zum Thema Lärm analysiert.

Das stimmt. Die WHO arbeitet noch bis 2017 an der Überarbeitung ihrer Leitlinien zum Thema Lärm, genauer gesagt an Umgebungslärm-Guidelines für Europa. Dabei wird ein Dokument von 1999 mit neuen Erkenntnissen der Lärmforschung aktualisiert. Zwei Gruppen sind involviert: Die erste, zu der ich gehöre, hat Studien zu den unterschiedlichen Facetten von Lärm analysiert, von ihren Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten und das gesundheitliche Wohlbefinden bis hin zum Lärmschutz. Die zweite Gruppe prüft unsere Erkenntnisse und erstellt daraus die aktualisierten Guidelines.

Welches Thema haben Sie bearbeitet?

Gemeinsam mit Professor Lex Brown aus Australien habe ich mich der Frage gewidmet, wie wirksam Maßnahmen zum Lärmschutz sind. Wir haben etwa 40 Studien dazu analysiert, die nach sehr klaren Qualitätskriterien ausgewählt wurden. Im Vergleich war das recht wenig: Die Kollegen, die sich mit den Effekten auf das Herz-Kreislauf-System befasst haben, hatten mit hunderten Studien zu tun.

Können Sie erste Erkenntnisse mit uns teilen?

Die Studien untersuchen unterschiedliche Maßnahmenarten: Lärmschutz kann zum Beispiel direkt an der Quelle ansetzen – etwa durch den Austausch von veralteten Bahngleisen – oder auch an den Häusern, in denen die Menschen wohnen, siehe eine bessere Dämmung. Beim Lärmschutz ist eine Kombination von Maßnahmen der interessanteste und wahrscheinlich effektivste Ansatz.

Auch bei der NORAH-Studie waren sie beratend tätig.

Ja, hier kam meine Expertise mit Blick auf die Lärmwirkung auf Kinder zum Tragen. Der Wissenschaftliche Beirat Qualitätssicherung, kurz WBQS, zu dem ich gehörte, hat das Projektteam fachlich beraten und die unterschiedlichen Berichte vor Veröffentlichung geprüft. Besonders in einer Sache hat mich das Projekt übrigens sehr beeindruckt: Ich habe vorher noch nie so intensive und gute Diskussionen zum Thema Lärm mit so vielfältigen Experten erlebt wie hier.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christiane Weihe.

Weitere Informationen zum Artikel
Ansprechpartnerin

Dr. Irene van Kamp
Senior Researcher

Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu (RIVM, National Institute for Public Health and the Environment)
Antonie van Leeuwenhoeklaan 9
3721 MA Bilthoven
Niederlande

Tel.: +31 30 274 3222

irene.van.kamp--at--rivm.nl

Zur Person

Die Psychologin Dr. Irene van Kamp hat nach ihrer Dissertation zunächst als Wissenschaftlerin an der Universität Groningen sowie bei einem kommunalen niederländischen Gesundheitsdienst gearbeitet. Seit 2000 ist sie als Senior Researcher und Projektmanagerin am Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu (RIVM, National Institute for Public Health and the Environment bzw. Nationales Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt) in den Niederlanden tätig. Hier forscht sie zu Umweltqualität und Gesundheit, ihren Fokus legt sie dabei insbesondere auf das Thema Lärm. Dr. van Kamp war bereits für unterschiedliche niederländische, europäische und internationale Projekte tätig, so etwa die NORAH-Studie (Noise-Related Annoyance, Cognition and Health). Als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Qualitätssicherung (WBQS) begleitete sie die Studie inhaltlich und fachlich. Die Lärmexpertin hat zudem für die Weltgesundheitsorganisation WHO zahlreiche Studien zum Thema Lärmschutz analysiert. Die Ergebnisse dieser Arbeit fließen aktualisierte Guidelines der WHO für Europa zum Thema Umgebungslärm ein.

 

Weitere Artikel aus der Rubrik


Leises Laub

Lärmreduzierte Straßenreinigung in Wiesbaden

Wenn Regen fällt und das Laub schwer wird, knattern in Wiesbaden ausnahmsweise doch die Benzinmotoren. „Wir setzen seit drei… mehr

Leises Laub

Das Dröhnen der Turbinen

Maßnahmen gegen Fluglärm

Kaum etwas ist so laut wie ein Düsenflugzeug. Etwa 140 Dezibel (dB) erreicht es beim Start. Zum Vergleich: Ein Vogel… mehr

Das Dröhnen der Turbinen

Achtung, laut!

Die Wirkung von Verkehrslärm

Auf der Rennstrecke in Abu Dhabi dreht Nico Rosberg seine Runden auf dem Weg zum Weltmeistertitel. Der Krach, den er dabei… mehr

Achtung, laut!

Porträt

Percy Appel (Umweltbundesamt)

Am lautesten geht es im Mittelrheintal zu. Dort, wo der Güterverkehr auf seiner Hauptachse zwischen Genua und Rotterdam… mehr

Porträt

Porträt

Silvia Schütte (Öko-Institut)

Bei einem Abendessen mit Freunden kann es durchaus passieren, dass jemand sie fragt, wohin er umziehen soll. Zwar ist sie keine… mehr

Porträt

Porträt

Dr. Susanne Bartels (DLR)

Eins der Kinder wollte die Verkabelung am liebsten mit in die Schule nehmen. Dieses futuristisch anmutende Kostüm sollten die… mehr

Porträt

Ältere Ausgaben