Ausgabe: November 2019, Klimaschutzlücke 2020 – Was sind die nächsten Ziele?


Perspektive

Zwischen Green Growth und Degrowth

Die absolute Reduktion des Umweltverbrauchs als gemeinsamer Fokus

Inwieweit sind Wirtschaftswachstum und ernsthafter Umweltschutz vereinbar? Zu dieser Frage gibt es auch in der Umweltszene eine starke Polarisierung. Green-Economy-Konzepte setzen auf Effizienzgewinne und neue Technologien. Sie basieren auf der Annahme, Umweltverbrauch und Bruttoinlandsprodukt (BIP) ließen sich entkoppeln. Ressourcenschonende Technologien und Dienstleistungen könnten für „grünes Wachstum“ sorgen. Die Gegenseite entgegnet, dass zwar eine relative Entkopplung möglich sei, also der Umweltverbrauch langsamer wächst als das BIP, aber keine absolute Entkopplung. Das heißt, es sei nicht möglich, bei wachsender Wirtschaft den Umweltverbrauch global zu reduzieren – wie es eigentlich von beiden Seiten angestrebt wird, um die ökologischen Belastungsgrenzen unseres Planten einzuhalten. Denn Effizienzgewinne würden durch Rebound- und Wachstumseffekte gemindert und auch „grüne Technologien“ hätten ihren Ressourcenbedarf.

Global gesehen findet seit einigen Jahren eine relative Entkopplung statt: Ressourcenverbräuche und Emissionen steigen weniger stark als das Sozialprodukt. In einzelnen Ländern gibt es sogar Anzeichen absoluter Entkopplung, etwa bei Luftschadstoffen und Treibhausgasemissionen. Laut einer Untersuchung von Carbon Brief haben 35 Länder zwischen 2000 und 2014 ihre nationalen CO2-Emissionen gesenkt, bei steigendem BIP. Eine OECD-Studie zeigt, dass in mehreren OECD-Ländern zwischen 1980 und 2008 auch der Materialverbrauch absolut reduziert wurde.

Die wachstumskritische Seite argumentiert, diese Zahlen kämen nur aufgrund der Verlagerung emissions- und ressourcenintensiver Produktionsprozesse ins Ausland zustande. Doch auch hier gibt es gegenteilige Befunde. Laut der Untersuchung von Carbon Brief sanken in zwei Dritteln der 35 Länder auch die konsumseitigen Emissionen, wenngleich in der Regel weniger stark. Und in Deutschland reduzierte sich der summierte Verbrauch aller abiotischen Rohstoffe in den vergangenen Jahren auch dann noch leicht, wenn man die Einfuhr von Rohstoffen sowie Halb- und Fertigwaren berücksichtigt.

Es gibt also Tendenzen absoluter Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch. Diese Trends reichen jedoch bei weitem nicht aus, um die Klima- und andere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Ist eine in Ausmaß und Geschwindigkeit ausreichende absolute Entkopplung in der Zukunft möglich? Ich bin da skeptisch, es lässt sich jedoch nicht ausschließen. Und angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen, die volkswirtschaftliche Schrumpfungsprozesse mit sich bringen – so etwa im Hinblick auf Sozialversicherungssysteme – sollte man mit vorschnellen Forderungen nach Wachstumsrücknahme vorsichtig sein.

Stattdessen sollten beide Seiten stärker ihre Gemeinsamkeiten herausarbeiten und diese gegenüber denjenigen vertreten, die in einem ökologisch unsensiblen Wachstumsglauben verharren. Dazu gehört, dass das BIP ein unzulänglicher Indikator für gesellschaftliches Wohlergehen ist. Zudem ist es aus ökologischen wie auch ökonomischen Gründen sinnvoll, sich damit zu beschäftigen, wie unsere Gesellschaft unabhängiger von Wirtschaftswachstum werden kann, ohne das gesellschaftliche Wohlergehen wesentlich zu beeinträchtigen. Die dies beinhaltende „vorsorgeorientierte Postwachstumsposition“ findet daher meine Unterstützung.

Darüber hinaus sollten beide Seiten umweltpolitische Maßnahmen einfordern, die dazu beitragen, den Umweltverbrauch absolut auf ein global nachhaltiges Niveau zu senken. Das beginnt mit absoluten Reduktionszielen statt (nur) Effizienz- und Produktivitätszielen und der „Exnovation“ – also dem vollständigen Ausstieg aus besonders schädlichen Technologien und Produkten. Zur absoluten Reduktion des Umweltverbrauchs eignen sich Zertifikate-Instrumente wie der EU-Emissionshandel mit „Deckeln“ an zu verteilenden Emissions- oder Ressourcennutzungs-Rechten, aber auch regelmäßig steigende Umweltsteuern oder Produktstandards mit absoluten Verbrauchsobergrenzen. Zudem gilt es, Initiativen zu unterstützen, die alternative und ressourcenschonende Wirtschafts- und Lebensformen entwickeln und ausprobieren.

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Dirk Arne Heyen ist Diplom-Politikwissenschaftler und hat zudem einen Master in Environmental Regulation an der London School of Economics and Political Science erworben. Seit 2011 ist er für das Öko-Institut tätig. Als Senior Researcher widmet er sich hier politischen Gestaltungsmöglichkeiten für sozialökologischen Wandel, unter anderem für nachhaltigen Konsum und für Exnovation, also dem Ausstieg aus nicht-nachhaltigen Strukturen.

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