Ausgabe: November 2019, Klimaschutzlücke 2020 – Was sind die nächsten Ziele?


Im Fokus

Klimaziele 2030

Kraftwerke – die High Potentials

Auf dem Weg zur Klimaneutralität hat sich Deutschland klare Klimaziele gesetzt. Nach dem sich abzeichnenden Verfehlen des Etappenziels für 2020 liegt der Fokus nun vor allem auf dem Jahr 2030 – das zeigen auch und vor allem das im Oktober 2019 beschlossene Klimaschutzgesetz und das Klimaschutzprogramm 2030. Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um mindestens 55 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Insgesamt sollen dann nur noch maximal 562 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente (Mio. t CO2e) ausgestoßen werden, 1990 waren es noch 1.248 Mio. t CO2e.

Um dies zu erreichen, müssen die Energiewirtschaft, die Industrie, der Verkehr, der Gebäudesektor und die Landwirtschaft einen substanziellen Beitrag leisten. Wo sie derzeit beim Klimaschutz stehen und was notwendig ist, damit sie bis 2030 ihre Sektorziele erreichen, mit diesen Fragen beschäftigt sich das Öko-Institut in vielen unterschiedlichen Projekten.

Was sind die Klimaziele für 2030?

Die Emissionen der Energiewirtschaft sollen bis 2030 auf bis zu 175 Mio. t CO2e reduziert werden, jene der Industrie auf bis zu 140 Mio. t CO2e. Das ist eine Emissionsminderung für die Energiewirtschaft um bis zu 62 Prozent sowie für die Industrie von bis zu 51 Prozent. Der größte Teil der Emissionen der Energiewirtschaft geht auf Kraftwerke zurück, im Industriesektor werden zusätzlich die Emissionen von Industriekraftwerken erfasst.

Wie soll das erreicht werden?

Kohle und erneuerbare Energien sind die beiden wesentlichen Ansatzpunkte. So empfiehlt die Kohlekommission, bis 2030 die installierte Leistung der Kohlekraftwerke auf neun Gigawatt (GW) Braunkohle und 8 GW Steinkohle zu reduzieren. Darüber hinaus sollen regenerative Energien bis 2030 insgesamt 65 Prozent des Strombedarfs in Deutschland decken. Auch der CO2-Preis, der sich aus dem Europäischen Emissionshandelssystem ergibt, wirkt sich auf die Stromerzeugung aus. Er verteuert emissionsintensive Kraftwerke, also vor allem Kohlekraftwerke.

Wo steht der Kraftwerkssektor aktuell?

Kraftwerke verursachen die meisten Treibhausgasemissionen in Deutschland, insgesamt 36 Prozent dieser Emissionen gehen auf sie zurück. Hier wiederum haben Braun- und Steinkohlekraftwerke mit 70 Prozent den größten Anteil. Erneuerbare Energien hatten 2018 einen Anteil von 38 Prozent am Stromverbrauch. Doch ihr Ausbau stockt – Ursachen hierfür liegen in Akzeptanzproblemen in Teilen der Bevölkerung, unzureichender Ausweisung von Flächen für Windkraft und bürokratischen Hürden. Eine 1000 Meter-Abstandsregel für Windkraftanlagen, wie sie das Bundeswirtschaftsministerium vorgeschlagen hat, würde dies verschärfen.

Welche konkreten Maßnahmen sind nun notwendig?

Wie die Klimaschutzziele der Energiewirtschaft bis 2030 erreicht werden können, damit beschäftigt sich auch die Analyse „Folgenabschätzung zu den ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgewirkungen der Sektorziele für 2030 des Klimaschutzplans 2050 der Bundesregierung“. Gemeinsam mit fünf Projektpartnern zeigt das Öko-Institut darin im Auftrag des Bundesumweltministeriums Pfade zur Zielerreichung für die relevanten Handlungsfelder.

Für die Energiewirtschaft betont die Analyse die Notwendigkeit, die Kohleverstromung deutlich zu reduzieren und die erneuerbaren Energien, insbesondere Windenergie und Photovoltaik, beschleunigt auszubauen. Wichtig sind darüber hinaus die Erweiterung der Infrastrukturen – so von Stromnetzen und Speichern – und ein flexiblerer Betrieb von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen.

In der Analyse „Ein Emissionshandelssystem für die nicht vom EU ETS erfassten Bereiche“ für Agora Energiewende betont das Öko-Institut mit Blick auf einen CO2-Preis dass es sehr langwierig und komplex wäre, weitere Sektoren wie Verkehr oder Gebäude in den Emissionshandel einzubeziehen. Das Projektteam plädiert daher für einen CO2-Zuschlag auf die Energiesteuer, der schneller realisiert werden und sich damit auch eher auf den Klimaschutz auswirken könnte.

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Dr. Ralph O. Harthan hat ein Diplom in Technischem Umweltschutz sowie in Energie- und Verfahrenstechnik. Darüber hinaus hat er 2015 an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig promoviert. Am Öko-Institut befasst sich Harthan unter anderem mit nationaler und internationaler Klimapolitik sowie Treibhausgas-Projektionen und -Inventaren.

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