Ausgabe: März 2023, Eine gemeinsame Aufgabe – Mitmachen bei der sozial-ökologischen Transformation


Im Fokus

Gemeinsames Problem, gemeinsame Lösung

Formate für die sozial-ökologische Transformation

Mitmachen bei der sozial-ökologischen Transformation? Das ist bei der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung, kurz TransNaF, keine Frage, sondern unabdingbarer Teil des Forschungsprozesses. Denn sie bezieht von Anfang an unterschiedliche Perspektiven ein. Die kommunale Ver­waltung ebenso wie die Wirtschaft, Ex­pert­*innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen ebenso wie Bürger*innen und Orga­nisationen der Zivilgesellschaft. Hierbei wer­den unterschiedliche Formate eingesetzt – auch am Öko-Institut.

„Transdisziplinäre Forschung eignet sich für zahlreiche Herausforderungen“, sagt Dr. Melanie Mbah, Forschungskoordinatorin für TransNaF am Öko-Institut, „es lassen sich mannigfaltige Ziele verfolgen, zahlreiche Methoden anwenden, verschiedene Wirkungen betrachten.“ Der Forschungsprozess ist im Rahmen verschiedener Schritte zwar flexibel, hat aber auch klare Ansprüche: „Die transdisziplinäre Forschung will in der Regel eine Lösung für ein gesellschaftliches Problem entwickeln. Zentral ist ein gemeinsamer Prozess der Wissensproduktion, der die Akteur*innen nicht nur punktuell, sondern über die gesamte Laufzeit einbindet. Das bricht alte Strukturen auf, bei denen sich die Wissenschaft nur auf die eigene Arbeit und die eigenen Disziplinen begrenzte.“ Dabei werden Praxiserfahrungen ebenso aufgenommen wie unterschiedliche Wissensformen, es entsteht ein wechselseitiger Lernprozess, von dem Wissenschaft und Praxis gleichermaßen profitieren.

Ein klarer Ablauf

Die transdisziplinäre Forschung ist ein recht junges Feld, etabliert hat sie sich etwa seit Beginn der 2000er Jahre. Sie folgt einem definierten, idealen Ablauf mit vielen Spielräumen. „Er beginnt mit der gemeinsamen Problemdefinition, der Festlegung von Zielen sowie der Verständigung auf eine Vorgehensweise. Man nennt das Co-Design“, sagt die Expertin. „Darauf folgt die so genannte Co-Produktion, also die kooperative Arbeit. Im Idealfall erarbeitet man gemeinsam die Maßnahmen, die erprobt werden und entwickelt in einem schrittweisen Prozess gemeinsam Wissen zur Problemlösung.“ Ein drittes wesentliches Element der transdisziplinären Arbeit ist die Co-Evaluation. „Anhand von Meilensteinen und in Reflexionsräumen wird zusammen überprüft, wo der Forschungsprozess steht, ob er gut funktioniert oder ob Anpassungen vorgenommen werden müssen – so etwa mit Blick auf die Formen der Zusammenarbeit oder die Einbeziehung weiterer Akteur*innen“, so die Wissenschaftlerin. „Wichtig ist im gesamten Forschungsprozess die Wissensintegration, damit die kollaborative Forschung mit Praxisakteur*innen Wirkungen entfalten kann.“ Es sei zudem immer das Ziel, neues Wissen und übertragbare Erkenntnisse zu gewinnen und diese zu verbreiten – die so genannte Co-Dissemination.

Die td Academy

Im Rahmen der tdAcademy befasst sich Dr. Melanie Mbah umfassend mit der transdisziplinären Forschung: Gemeinsam mit dem ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, der Leuphana Universität Lüneburg und dem Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) der TU Berlin hat das Öko-Institut diese Forschungs- und Community-Plattform gegründet. Sie wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Robert Bosch Stiftung gefördert. „Ziele sind unter anderem die Weiterentwicklung der Wissensbasis sowie der Kompetenzaufbau in diesem Feld.“ Im Rahmen der tdAcademy haben die Expert*innen zentrale Aspekte der transdisziplinären Forschung verdeutlicht. „Sie strebt sowohl gesellschaftliche als auch wissenschaftliche Effekte an“, sagt Mbah. Darüber hinaus sei es wichtig, den Kontext zu berücksichtigen, in dem ein Projekt stattfindet, sowie daran angepasste Formate einzusetzen.

Eines der bekanntesten Formate der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung sind Reallabore (siehe hierzu „Zukunft im Test“ auf Seite 10), doch bei Weitem nicht das einzige. „Im Idealfall bilden solche Formate den Rahmen über ein gesamtes Projekt hinweg“, so die Wissenschaftlerin. Auch hier spiele zudem die Offenheit des Prozesses eine wichtige Rolle: So wie die Ziele und Akteur*innen brauchen auch die Formate die Freiheit, sich zu entwickeln und zu verändern.

Im Rahmen der tdAcademy analysiert das Öko-Institut unterschiedliche Formate, ihre Ursprünge und Ziele, ihre Beteiligungskonzepte und Akteur*innen. So etwa künstlerische Ansätze (siehe hierzu die Vorstellung des Café des Visions auf Seite 2). „Diese sprechen meistens nicht nur die kognitive Ebene, sondern über Aktionen oder Installationen auch die haptische oder visuelle Ebene der Menschen an. Das kann zu neuen Perspektiven führen, Lernen anregen und zur Identitätsstiftung beitragen.“ Künstlerische Formate sind aktions- und diskursorientiert, häufig schaffen sie experimentelle Situationen, in denen Visionen etwa für die Gestaltung von öffentlichen Räumen entstehen können.

Weitere Formate der transdisziplinären Forschung sind etwa Transmente. In diesen Experimentierräumen sollen die etablierten Routinen verschiedener Akteur*innen aufgebrochen werden, um in gemeinsamen Lernprozessen nachhaltige Verhaltensänderungen in Form von Systeminnovationen zu initiieren – so etwa in der Lederproduktion die Offenlegung und Substitution von Chemikalien entlang der Lieferkette. „Die Theory of Change, ein weiteres Format, kann hingegen dazu dienen, ein Forschungsprogramm zu bewerten, oder Wirkungen im Forschungsverlauf systematisch in den Blick zu nehmen und zu initiieren.“ Das Format der Ten Steps fokussiert eher auf den Start eines transdisziplinären Prozesses und hilft diesen von Beginn an zu strukturieren. „Dabei werden mittels unterschiedlicher Methoden die verschiedenen Sichtweisen der beteiligten Akteur*innen auf ein gesellschaftliches Problem und deren Erwartungen an das Projekt offengelegt. Dies ermöglicht es, schon in einer frühen Phase Fragen der Zusammenarbeit zu reflektieren und eine gute Verknüpfung zwischen Forschung und Praxis zu gewährleisten.“

Konkrete Anwendung

Das Öko-Institut beschäftigt sich nicht nur theoretisch mit TransNaF, die Wis­sen­schaftler*innen wenden ihre Formate und Methoden kontinuierlich in Projekten an. So etwa bei „Transens – Transdisziplinäre Forschung zur Entsorgung hochradioaktiver Abfälle in Deutschland“, ein gemeinsames Projekt von Wissenschaftler*innen aus 16 Institutionen, das von der TU Clausthal koordiniert und vom Bundesumweltministerium, der Volkswagenstiftung sowie dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert wird. „Ziel des Projektes ist es unter anderem, Wissenschaft und Gesellschaft beim Thema Entsorgung besser zu verbinden und ihre Wechselwirkungen zu verstehen. Wir analysieren unterschiedliche Fragestellungen, so etwa, wie das Entsorgungssystem handlungsfähig und flexibel über die sehr langen Zeiträume ausgestaltet werden kann“, sagt die Forschungskoordinatorin. „Dabei sind viele Disziplinen und Akteur*innen beteiligt, die bisher keine oder kaum Berührungspunkte mit transdisziplinärer Forschung hatten.“ Transens nutzt unterschiedliche Formate zur Einbindung von Bürger*innen in den Forschungsprozess. „Neben zwei ständigen Begleitgruppen werden etwa Workshops mit unterschiedlichen Akteur*innen und Zielstellungen durchgeführt – so zum Beispiel mit Studierenden und Bürger*innen unterschiedlicher Regionen zur Bedeutung von Identität und der Wahrnehmung von Oberflächenanlagen eines Endlagerstandorts.“

Zukunft der Forschung

Wie kann eine sozial-ökologische Transformation gelingen? Und was kann die Wissenschaft dazu beitragen? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch die „Zukunftsstrategie Forschung und Innovation“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Aus Sicht von Dr. Melanie Mbah und der tdAcademy legt diese bislang keinen ausreichend starken Fokus auf die Einbeziehung unterschiedlicher Interessengruppen, auf verschiedene Sichtweisen und Erfahrungen. „Die Strategie des Ministeriums ist bislang sehr auf die technische und wirtschaftliche Seite der Transformation zugeschnitten. Doch ohne die sozia­le beziehungsweise die gesellschaftliche Seite geht es nicht. Nur wenn zum Beispiel auch Bürgerinitiativen oder die Verwaltung einbezogen werden, sind Lösungsoptionen wirklich umsetzungsrelevant. Gerade für zivilgesellschaftliche Akteur*innen müssen die Rahmenbedingungen optimiert werden, damit sie sich besser einbringen können.“ Auch mit Blick auf die wissenschaftliche Seite sieht die Forschungskoordinatorin Nachbesserungsbedarf. „Es ist notwendig, das transdisziplinäre wissenschaftliche Arbeiten an den Hochschulen weiter zu institutionalisieren.“

Andere Formate zur Transformation

Die transdisziplinäre Forschung ist nicht der einzige Weg, auf dem die Erfahrungen, das Wissen und die Interessen von Menschen in sozial-ökologische Transformationsprozesse eingebunden werden. Parallel dazu gibt es Ansätze aus der Partizipationsforschung sowie der formellen und informellen Öffentlichkeitsbeteiligung. So initiieren staatliche Instanzen etwa gezielte Beteiligungsverfahren zum Ausbau erneuerbarer Energien und entsprechender Stromnetze. Manche davon sind rechtlich vorgeschrieben, andere werden über die rechtlichen Verpflichtungen hinaus umfassender und auch frühzeitiger im Prozess durchgeführt. Dies geschieht auch aus der Erfahrung heraus, dass die Akzeptanz von Vorhaben steigt, wenn Menschen rechtzeitig eingebunden werden und bei den grundlegenderen Entscheidungen mitreden können.

Das Öko-Institut analysiert solche Beteiligungsformen. „Partizipative und transdisziplinäre Forschung sind eng miteinander verknüpft und sie nutzen ähnliche Methoden“, sagt Franziska Wolff, Leiterin des Bereichs Umweltrecht & Governance am Öko-Institut. So im Projekt ENGAGE: Gemeinsam mit der Universität Münster, dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und dem ISOE untersuchte das Öko-Institut, unter welchen Bedingungen zivilgesellschaftliches Engagement und Beteiligung zu Gemeinwohl und Nachhaltigkeit beitragen können. „Eine Trendanalyse im Rahmen des Projektes zeigt, dass ‚traditionelle‘ Beteiligungsformen wie Wahlen oder formelle Beteiligung zurückgehen, während dialogisch orientierte, informelle Beteiligungsverfahren an Bedeutung gewinnen“, sagt Wolff. „Gleichzeitig beteiligen sich nicht alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen. Ältere, gebildete, wohlhabende Menschen und deutsche Muttersprachler*innen sind überrepräsentiert.“ Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt beinhaltete Interviews, teilnehmende Beobachtung, Realexperimente und Workshops. „Darüber hinaus haben wir mit Stakeholder*innen Empfehlungen zur Gestaltung von Beteiligungsprozessen entwickelt, damit Beteiligung wirklich zu Nachhaltigkeit und Gemeinwohl beiträgt.“ Die Prozesse sollten inklusiv und fair sein sowie die Demokratiefähigkeit und Bürger*innenkompetenz fördern. „Wichtig ist auch, dass sie gut in politische Prozesse eingebunden, ergebnisoffen, transparent, dialog­intensiv und kooperativ sind.“ In einem weiteren Projekt hat das Öko-Institut für das Umweltbundesamt Öffentlichkeitsbeteiligung und ihren Umweltnutzen in formalen Zulassungsverfahren evaluiert (siehe hierzu Artikel „Was bringt Beteiligung?“ auf Seite 17).

Weitere Vernetzung, gesicherte Qualität

Durch Projekte wie diese entwickelt sich die Beteiligung von Menschen an der sozial-ökologischen Transformation stetig weiter – und auch die Forschung dazu. „Es gibt in der transdisziplinären und partizipativen Forschung viele unterschiedliche Verständnisse. Und leider auch Mythen“, sagt Mbah. „So müssen in einem transdisziplinären Projekt zum Beispiel nicht alle Projektpartner*innen transdisziplinär forschen. Und nicht jeder, der einen Stakeholder-Workshop durchführt, arbeitet bereits transdisziplinär.“ Die Forschungskoordinatorin engagiert sich dafür, die Qualitätsstandards transdisziplinärer Forschung zu sichern, ihre Methoden und Konzepte weiterzuentwickeln und den Austausch innerhalb des Öko-Instituts zu stärken. So auch in der tdAcademy, aus der heraus die Gründung der Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung im Mai 2023 initiiert wurde. „Dies ist ein weiterer, wichtiger Schritt zur Verstetigung dieser Arbeit“, sagt Dr. Melanie Mbah.

---

Die Geografin Dr. Melanie Mbah ist seit 2018 im Bereich Nukleartechnik & Anlagensicherheit des Öko-Instituts tätig. Hier widmet sie sich insbesondere der transdisziplinären und partizipativen Forschung in den Themenfeldern Energiewende und Entsorgung radioaktiver Abfälle. Im Frühjahr 2022 hat sie zudem die Forschungskoordination für Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung übernommen.

Weitere Artikel aus der Rubrik


Stadt neu wünschen

Das Café des Visions

Hier könnte etwas Besonderes entstehen. Ein Raum zum Sein. Und nicht nur ein riesiger Parkplatz. Als Anna Graber kurz vor…

mehr

Stadt neu wünschen

Zukunft im Test

Reallabore für eine nachhaltige Transformation

Mit den Nachbar*innen ein Auto teilen – klingt in der Theorie perfekt. Es müssen weniger Fahrzeuge angeschafft werden. Wir…

mehr

Zukunft im Test

“Wir müssen neue Wege gehen“

Interview mit Martin Hahn, Leiter des Bauamts von Wittenberge (Brandenburg)

In einer Gemeinde zwischen Hamburg und Berlin ist die Einbeziehung der Bürger*innen schon lange Teil der kommunalen Politik:…

mehr

“Wir müssen neue Wege gehen“

Porträt: Dr. Manuela Weber (Öko-Institut)

Vor gut fünf Jahren kam sie aus einer „Wissenschaftsblase“ – oder anders gesagt: ihrer Promotion an der Universität Ulm –…

mehr

Porträt: Dr. Manuela Weber (Öko-Institut)

Porträt: Prof. Dr. Christian Erik Pohl (ETH Zürich)

Eines hat ihm von Beginn an gefehlt. Trotz aller Begeisterung für die transdisziplinäre Forschung. „Als ich mit dem inter- und…

mehr

Porträt: Prof. Dr. Christian Erik Pohl (ETH Zürich)

Porträt: Prof. Dr. Flurina Schneider (ISOE)

Sie will Menschen dazu befähigen, sich für die sozial-ökologische Transformation zu engagieren. Und sie weiß: Die Forschung…

mehr

Porträt: Prof. Dr. Flurina Schneider (ISOE)

Ältere Ausgaben