Ausgabe: September 2019, Digitalisierung – Konzepte für mehr Nachhaltigkeit


Zum Abschied

„Wir haben beim Klimaschutz einfach keine Zeit mehr“

Michael Sailer im Gespräch mit Hannah Blitz und Famke Hembus (Fridays for Future)

Auf den ersten Blick haben sie nicht allzu viel gemeinsam. Auf der einen Seite ein renommierter 65-jähriger Wissenschaftler kurz vor dem Ausscheiden aus einem Institut, für das er fast vierzig Jahre gearbeitet hat und dessen Geschäftsführer er zwanzig Jahre lang war. Auf der anderen Seite zwei 16-jährige Schülerinnen, die 2021 in Berlin-Schöneberg ihr Abitur ablegen werden und ihr Berufsleben noch vor sich haben.

Auf den zweiten Blick aber merkt man, dass Michael Sailer sowie Hannah Blitz und Famke Hembus durchaus sehr viel gemeinsam haben. Alle drei sind hoch engagiert in der Umwelt- und Klimabewegung. Teilen Erfahrungen, kennen die Herausforderungen und Chancen der Arbeit für eine umwelt- und klimagerechte Zukunft. Michael Sailer als engagierter Gegner der Atomkraft und natürlich als Experte für das Öko-Institut, dessen Geschäftsführung er im Sommer 2019 niedergelegt hat. Famke Hembus und Hannah Blitz als Aktivistinnen für die Bewegung Fridays for Future, in deren Berliner Ortsgruppe sie als Organisatorinnen und Pressesprecherinnen tätig sind.

Im Gespräch für eco@work, das wir anlässlich des Ausscheidens von Michael Sailer aus dem Öko-Institut geführt haben, tauschen sie sich über Gemeinsamkeiten ihres Engagements, Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung, aber auch Unterschiede der Arbeit für Umwelt- und Klimaschutz gestern und heute aus.

Michael, als du das erste Mal etwas über Fridays for Future gelesen hast – was hast du gedacht?

Michael Sailer: Es hat mich sehr gefreut, dass da jetzt wieder so eine breite Bewegung da ist. Wir arbeiten ja am Öko-Institut schon sehr lange zum Thema Klimaschutz und beobachten natürlich, ob es Bewegung zu diesem Thema gibt, ob die Menschen für diese Themen auf die Straße gehen. Ich war selbst mit 16 oder 17 zum ersten Mal auf einer Demo, also in einem sehr ähnlichen Alter wie viele der Fridays for Future-Aktivistinnen und -Aktivisten. Spannend finde ich jetzt zu beobachten, wie es euch gelingen kann, den Druck auch langfristig aufrecht zu erhalten.

Was braucht es dazu aus deiner Sicht?

Michael Sailer: Zum einen Menschen, die es interessiert. Das hat die Fridays for Future-Bewegung ja auf jeden Fall. Und dann brauchst du dringend Argumente, die ausreichend lange wirken. Bei der Gründung des Öko-Instituts wurde sich ja sehr bewusst für ein wissenschaftliches Institut und nicht für eine NGO entschieden, um eben Daten und Fakten zusammenzutragen, zentrale Argumente für unser Engagement gegen Umweltzerstörung, gegen die Atomkraft sowie die Energieversorgung aus fossilen Energien und für die Energiewende. Natürlich liegen die Argumente zum Teil auf der Hand, aber Diskussionen über Umwelt- und Klimawandel sind sehr langwierig und differenziert, so dass man Antworten auf viele Fragen und auf Gegenargumente braucht.

Hannah, Famke – wie wichtig sind für eure Bewegung solche Daten und Fakten, also Studien wie die des Öko-Instituts?

Famke Hembus: Sie sind eine sehr wichtige Grundlage für unsere Arbeit. Auch, weil uns ja immer wieder vorgeworfen wird, dass wir als junge Menschen überhaupt keine Ahnung haben und dass wir Quatsch erzählen. Wenn wir uns auf Studien wie die des Öko-Instituts berufen können und unsere Aussagen mit wissenschaftlichen Fakten hinterlegen, merken die Menschen, dass es eben kein Quatsch ist, was wir machen und erzählen.

Diese Aussage, dass ihr keine Ahnung habt von dem, was ihr erzählt, hat sich aber inzwischen auch ziemlich relativiert, oder?

Famke Hembus: Das stimmt. Ich denke, das wurde weniger, nachdem wir unsere Forderungen veröffentlicht haben. Da haben viele gemerkt, dass wir vielleicht doch etwas davon verstehen. Und auch durch Interviews machen wir natürlich bemerkbar, dass wir wissen, wovon wir reden.

Hannah Blitz: Das wurde auch dadurch deutlich, dass wir jetzt die Scientists for Future an unserer Seite haben. Dadurch kann auch ein Christian Lindner nicht mehr sagen, dass wir es doch den Profis überlassen sollen. Und wir können vielleicht endlich den Fokus auf das eigentliche Problem legen.

Michael, auch das Öko-Institut wurde zu Beginn ja nicht wirklich ernst genommen, galt als Wissenschaftsrebell. Wie war das für euch?

Michael Sailer: Schärfer als heute, würde ich sagen. Die Zeiten waren aber auch völlig anders. Unsere Eltern fanden es grundsätzlich falsch, was wir getan haben, mein Vater hat sogar gesagt: Jetzt hast du dein Leben zerstört. Damals waren Umweltschutz und Nachhaltigkeit einfach noch kein Thema in der Gesellschaft, man musste erst mal vermitteln, dass es vernünftige Argumente für den Umweltschutz gibt. Kein traditioneller Wissenschaftler hätte außerdem damals freiwillig seine Erkenntnisse öffentlich zur Verfügung gestellt. Und auch die Politik fing nur langsam an, sich für diese Themen zu interessieren.

Heute ist der Umwelt- und Klimaschutz in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Famke, Hannah, was ist aus eurer Sicht heute anders als in den 1970er Jahren, in denen das Öko-Institut gegründet wurde?

Hannah Blitz: Dass man den Klimawandel inzwischen wirklich hautnah erlebt. Dass es diese Hitzewellen im Sommer gibt und Ernteausfälle aufgrund der langen Dürre im vergangenen Jahr. Das macht den Klimawandel auf einmal sehr real, wenn man selbst merkt, dass sich etwas verändert.

Was sind eure zentralen Forderungen?

Hannah Blitz: Wir erwarten, dass die Ziele des Pariser Abkommens und das 1,5°C-Ziel eingehalten werden. Wir fordern, dass Deutschland bis 2035 die Nettonull erreicht, also nicht mehr Treibhausgase produziert als kompensiert werden können, und dass der Kohleausstieg bis 2030 umgesetzt wird. Bis 2035 soll die Energieversorgung zudem zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energien basieren. Bis Ende 2019 fordern wir zudem das Abschalten von einem Viertel der Kohlekraft sowie einen Preis für den Ausstoß von Treibhausgasen von 180 Euro je Tonne CO2.

Wie sind diese Forderungen entstanden?

Famke Hembus: Es gab eine bundesweite Gruppe von Fridays for Future, die über mehrere Monate sehr intensiv daran gearbeitet hat. Dabei haben uns auch die Scientists for Future unterstützt. Denn es war uns wichtig, ambitionierte und gleichzeitig realistische beziehungsweise machbare Forderungen aufzustellen. Deswegen würden wir nie sagen: Bis zum Ende des Monats müssen alle Kohlekraftwerke stillgelegt werden. Gleichzeitig brauchen wir natürlich Forderungen, hinter denen die gesamte Bewegung stehen kann.

Michael Sailer: Solche Forderungen sind immer eine ziemliche Gratwanderung. Auf der einen Seite müssen sie ein bisschen radikaler sein als das, was man umgesetzt sehen will. Dann kann man die Entscheiderinnen und Entscheider besser in die richtige Richtung ziehen. Und natürlich braucht man Forderungen, bei denen die Menschen mitgehen, die einen unterstützen. Da darf man auch nicht zu radikal sein, weil man sonst wieder Unterstützerinnen und Unterstützer verliert.

Ist Fridays for Future aus deiner Sicht radikal genug?

Michael Sailer: Sie haben ja schon sehr viel bewegt. In der Politik haben sie inzwischen das Gefühl: Um Fridays for Future kommen wir nicht mehr drum herum. Sie müssen reagieren. Das ist ein Erfolg. Aber nach solchen Erfolgen darf man natürlich nicht aufhören.

Famke, Hannah – gibt es einen Punkt, an dem ihr sagen würdet: Jetzt haben wir genug erreicht, jetzt hören wir auf zu streiken?

Hannah Blitz: Ich höre dann auf, wenn ich das Gefühl bekomme, dass die Politikerinnen und Politiker jetzt ernsthaft und ambitioniert Klimaschutz betreiben wollen. Nicht diese Art von Klimaschutz, bei der man darüber redet, bis 2050 etwas zu erreichen. Sondern Klimaschutz, der jetzt beginnt und jetzt anfängt zu wirken und so wirkt, dass man in den nächsten fünf Jahren auch merkt, dass sich wirklich etwas verändert hat. Aber dieses Gefühl habe ich leider nicht.

Michael Sailer: Es kann natürlich auch passieren, dass die Verantwortlichen sich dann zwei Jahre vernünftig verhalten, aber danach wieder zu alten Mustern zurückkehren. Deswegen ist es wichtig, den Druck aufrecht zu erhalten.

Famke Hembus: Es wird oft gefragt, wann wir wieder aufhören. Unsere Antwort darauf ist eigentlich immer: Wenn endlich etwas passiert ist. Und wenn genug passiert ist. Wir haben beim Klimaschutz einfach keine Zeit mehr.

Wie wichtig ist es für euch, dass sich Institutionen wie das Öko-Institut oder andere Organisationen mit euch solidarisieren?

Famke Hembus: Es ist gut und wichtig, dass das passiert. Denn je mehr Menschen und Organisationen uns unterstützen, desto größer werden wir, desto mehr Aufmerksamkeit und Zielgruppen erreichen wir und desto mehr Menschen kommen zu unseren Demonstrationen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Mandy Schoßig und Christiane Weihe.

Noch nicht genug? Das Gespräch ist noch nicht zu Ende. Den zweiten Teil finden Sie hier auf dem Blog des Öko-Instituts.

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