Ausgabe: März 2015, Biomasse – Nachhaltige Produktion und Nutzung


Im Fokus

Eine Frage der Moral

Die Nutzung von Biomasse

Eine Bildersuche bei Google: Biomasse. Zu sehen sind Rapsfelder, Holzpellets, Schaubilder der energetischen Nutzung. Ein umfassender Blick auf Bioenergie. Bilder, die im Zusammenhang mit Nahrungsmitteln stehen, finden sich kaum. Im Internet scheint Biomasse vor allem mit Bioenergie identifiziert zu werden – das Thema Ernährung ist bei diesem Begriff weit unterlegen. Dabei gehört insbesondere die hier bestehende Nutzungskonkurrenz ins Zentrum der Diskussion über nachhaltige Biomassenutzung. Es sollte selbstverständlich sein, dass die Ernährungssicherung den Vorrang vor der Energieversorgung bekommt. Doch die Konkurrenz verschärft sich.

Weltweit hungern nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (Food and Agriculture Organization, FAO) gut 800 Millionen Menschen. Angesichts der prognostizierten Entwicklung auf den Nahrungsmittelmärkten wird sich daran so schnell nichts ändern. Denn laut FAO müsste die globale landwirtschaftliche Produktion bis 2050 um 60 Prozent im Vergleich zu 2005 bis 2007 gesteigert werden, um dem Anwachsen der Weltbevölkerung gerecht zu werden. Der Bedarf an nachwachsenden Rohstoffen erhöht sich ebenso durch die Veränderung von Ernährungsgewohnheiten. „Der weltweite Fleischverbrauch wächst, das wirkt sich unmittelbar auf die Nahrungs- und Futtermittelproduktion aus“, erklärt Katja Hünecke vom Öko-Institut, „denn für die Produktion von einem Kilo Fleisch braucht es deutlich mehr Ressourcen als für die von einem Kilo Getreide.“ 37 Prozent der globalen Flächen werden für landwirtschaftliche Zwecke genutzt, vor allem für die Nahrungs- und Futtermittelproduktion. Durch die Folgen nicht nachhaltiger Nutzung gehen jedoch fruchtbare Böden verloren (siehe hierzu „Die endliche Vielfalt. Nachhaltige Produktion von Biomasse“ auf Seite 8). Weltweit passiert dies mit etwa 24 Milliarden Tonnen jährlich, eine deutliche Verschlechterung der Qualität bis hin zu ihrer Zerstörung sieht der Bodenatlas 2015 bei 17 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Europa.

Zu diesen Herausforderungen gesellt sich die steigende Bioenergieproduktion, die in Konkurrenz zu unterschiedlichen Biomassenutzungen steht, vor allem aber zur Nahrungsmittelproduktion. 2011 prognostizierten FAO und OECD, dass rund 15 Prozent der internationalen Produktion von Grobgetreide und Pflanzenöl sowie 30 Prozent der Produktion von Zuckerrohr bis 2020 zu Biokraftstoffen werden. „In den vergangenen Jahren hat sich die Bedeutung von Bioenergie kontinuierlich gesteigert – so hat sich zum Beispiel die Menge an Biokraftstoffen, die auf Basis landwirtschaftlicher Produkte produziert werden, weltweit zwischen 2000 und 2012 mehr als verdreifacht“, sagt Hünecke, „und wir gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzt.“ Die steigende Bedeutung von Biokraftstoffen beeinflusst auch die Preise auf den Nahrungsmittelmärkten. „Natürlich ist die Biospritproduktion nur ein Faktor, aber sie hat Einfluss“, stellt die stellvertretende Leiterin des Institutsbereichs Energie & Klimaschutz in Darmstadt fest, „selbst wenn wir nur einen kleinen Zusammenhang von einem Prozent zwischen Bioenergienutzung und Hunger annehmen, sind davon etwa acht Millionen Menschen betroffen.“

Auf welche Menge an Bioenergie reiche Länder verzichten müssten, um die Menge an Biomasse auszugleichen, die zur ausreichenden Ernährung fehlt, haben die Experten des Öko-Instituts in einer aktuellen Analyse für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie untersucht. „Hierfür haben wir einen Indikator entwickelt, der das Verhältnis von potenziell fehlender Nahrung in Hungerländern und der Bioenergienachfrage in reichen Ländern ermittelt“, erklärt Hünecke. Errechnet wurde dies auf Grundlage der Bevölkerungszahl, des Anteils hungernder Menschen abgeleitet aus dem Globalen Hunger Index (GHI) des International Food Policy Research Institute (IFPRI 2013) sowie der Annahme, dass in Hungerländern jeder hungernden Person 500 Kalorien täglich für eine gesunde Ernährung fehlen. Im nächsten Schritt stellten die Experten fest, wie weit die verfügbare Bioenergie in reichen Ländern reduziert werden müsste, um die fehlende Nahrung zur Verfügung zu stellen. Hierfür wurde angenommen, dass diese zu 10 Prozent aus tierischen und zu 90 Prozent aus pflanzlichen Produkten besteht. „Den ermittelten Wert in Kalorien haben wir in Petajoule umgerechnet und von der in reichen Ländern verfügbaren Bioenergie abgezogen“, sagt die Wissenschaftlerin. Diese Berechnungen wurden in unterschiedlichen Szenarien betrachtet und mit Sensitivitätsanalysen untermauert. „Dabei konnte festgestellt werden, dass die Menge an fehlender Nahrung sehr sensibel auf den angenommenen GHI-Grenzwert reagiert“, so Hünecke, „die Ursache liegt darin, dass bei einem niedrigen GHI entsprechend mehr hungernde Menschen in die Berechnung einbezogen werden als bei einem hohen GHI. Dadurch fehlen deutlich höhere Mengen an Nahrung.“

Das Ergebnis dieser Analyse zeigt: Die fehlende Kalorienmenge zur Gewährleistung von minimalen Anforderungen in Hungerländern liegt bei einem Bruchteil der heutigen Bioenergienachfrage in Ländern mit einem hohem Bruttoinlandsprodukt. „Rein rechnerisch und ohne Berücksichtigung der Themen Nahrungszugang und -verteilung könnten reiche Länder diese Kalorienmenge ausgleichen, wenn sie ihre Bioenergienachfrage um etwa sieben Prozent reduzieren würden“, sagt Hünecke. Statt einer Ausweitung der Bioenergieflächen sollten nach Ansicht der Wissenschaftler in diesen Ländern die Flächen reduziert werden. Die Expertin zeigt aber auch einen anderen Weg hin zu mehr freien Flächen: Weniger Fleisch und weitere tierische Produkte. „Fünf Prozent der Ackerfläche würden nach Berechnungen der Zukunftsstiftung Landwirtschaft hierzulande frei, wenn alle Deutschen einmal wöchentlich auf Fleisch und Milchprodukte verzichten, 15 Prozent könnten erreicht werden, wenn wir uns an die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung halten“.

Nutzung in Kaskade

Ein weiterer wichtiger Schritt für nachhaltige Biomassenutzung ist die deutliche Erhöhung der Effizienz. Ansätze hierfür gibt es viele. Sie beginnen bei der Erschließung zusätzlicher Erntepotenziale und einer Erhöhung der Erträge in vielen Regionen der Welt, beispielsweise durch eine verbessere Fruchtfolge sowie ein optimiertes Management. Sie führen über die Vermeidung von Nachernteverlusten etwa aufgrund von schlechten Lager- und Transportbedingungen – „nur ungefähr 50 Prozent der Lebensmittel schaffen es weltweit tatsächlich bis zum Verbraucher“.

Sie enden noch nicht bei integrierten politischen Strategien, die sich Bioenergie und Nahrungsmitteln gleichzeitig widmen statt die beiden Sektoren getrennt zu betrachten. „Es braucht zudem deutlich mehr Ansätze für die Kopplung unterschiedlicher Biomassenutzungen, damit zum Beispiel auch Nebenprodukte effektiv eingesetzt werden“, so Katja Hünecke, „das ist eng verbunden mit dem Prinzip der Kaskadennutzung, bei dem die stoffliche vor der energetischen Verwertung steht.“ Es gibt viele Definitionen für die genaue Ausgestaltung von Kaskadennutzung. „Vereinfacht gesagt bedeutet sie: Nutze ich zum Beispiel Holz, sollte ich es zunächst als Baustoff, für Möbel und erst am Schluss für die Energiegewinnung einsetzen.“

Mehr Effizienz ist ein wichtiger Ansatzpunkt für die zukünftige Biomassenutzung. Katja Hünecke fordert aber auch: mehr Moral. Denn wie Industrieländer mit ihren Nutzflächen umgehen, ist für sie letztlich eine ethische Frage. „Der Wohlstand muss besser verteilt werden“, sagt die Wissenschaftlerin. Dafür gehört für sie auch, unter Umständen auf finanzielle Vorteile aus der Bioenergiegewinnung zu verzichten. „Die Frage ist doch, wie ich mit meinen Mitmenschen umgehe – auch, wenn ich dabei bei eigenen Zielen vielleicht Abstriche machen muss. Und das dürfte mit Blick auf den Hunger in der Welt für die Industrieländer doch keine Frage sein.“ Christiane Weihe

Weitere Informationen zum Artikel
Ansprechpartnerin am Öko-Institut

Katja Hünecke
Stellvertretende Leiterin des Institutsbereichs Energie & Klimaschutz (Darmstadt)
Öko-Institut e.V., Büro Darmstadt

Tel.: +49 6151 8191-132
k.huenecke--at--oeko.de 

Weitere Informationen des Öko-Instituts

 

Themenseite „Teller oder Tank? Bei nachhaltiger Biomasse geht es um mehr!“

Website „Nachhaltige Biomasse“

Weitere Informationen des Öko-Instituts werden in Kürze hier veröffentlicht.

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