Abfall hat einen Wert

Auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft

Recycling und Wiederverwertung haben hierzulande eine lange Geschichte. Bereits seit 1974 gibt es ein flächendeckendes Sammelsystem für Behälterglas. Der Grüne Punkt und das Duale System feierten 2015 ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum. Die Verwertungsquote von Altpapier hat sich zwischen 1990 und 2014 verdoppelt: Von 40,2 auf 81,6 Prozent. Dass dies noch lange nicht alles war und es in der Abfallwirtschaft weiterhin viele Aufgaben zu lösen gibt, wissen auch die Wissenschaftler des Öko-Instituts. Sie befassen sich in zahlreichen Projekten mit Entsorgung, Recycling und Wiederverwertung von Abfall. Einen Fokus legen sie dabei auf die bessere Nutzung von Wertstoffen und derzeit auf das neue Wertstoffgesetz, dessen Arbeitsentwurf das Bundesumweltministerium (BMU) im Oktober 2015 vorgelegt hat.

Pro Kopf wurden in Deutschland allein 2013 über 600 Kilogramm so genannte Siedlungsabfälle verursacht. Sie setzen sich aus unterschiedlichen Abfallarten zusammen: Haus- und Sperrmüll, Bio- und Gartenabfällen, elektronischen Geräten, Verpackungen und vielem mehr. Die Recyclingquote bei Siedlungsabfällen lag 2013 (inklusive Kompostierung) bei 63,8 Prozent – insgesamt. Denn mit Blick auf die einzelnen Abfallarten unterschied sich der Anteil, der sachgemäß verwertet wurde: Bioabfälle wurden zu über 50 Prozent recycelt, Glas und Eisenmetalle zu etwa 90 Prozent. Erwartungsgemäß niedriger lagen die Quoten beispielsweise bei Sperrmüll (53 Prozent) und Kunststoffen (ca. 30 Prozent). „Eine wichtige Voraussetzung für ein hochwertiges Recycling ist die getrennte Erfassung der wertstoffhaltigen Abfallfraktionen“, erklärt Günter Dehoust, Wissenschaftler am Öko-Institut, „landen diese, wie zum Beispiel nach wie vor viele Kunststoffabfälle, in der Hausmülltonne, sind sie für den Ressourcenschutz weitestgehend verloren. Insbesondere bei den Kunststoffen können und müssen die Verwertungsquoten und vor allem die Sammelmengen im Dualen System deutlich steigen.“

Welchen Einfluss eine bessere Abfallsortierung und -verwertung auf das Klima haben kann, hat das Öko-Institut für den BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft untersucht. Die Studie „Beitrag der Kreislaufwirtschaft zur Energiewende“ zeigt: Es müssen mehr Abfälle recycelt und weniger verbrannt werden. „Gerade Kunststoffe, die aus Erdöl hergestellt werden, verursachen bei der Verbrennung in ineffizienten Grundlastanlagen hohe CO2-Emissionen, denen zukünftig kein relevanter Nutzen mehr gegenüberstehen wird“, sagt Dehoust, „wir müssen durch Sammlung, Sortierung und Aufbereitung mehr Kunststoffe zurückgewinnen – dadurch können laut unserer Szenarien mehr als eine Million Tonnen CO2 eingespart werden.“ In die Müllverbrennung sollten in Zukunft nur noch jene schadstoffhaltigen Abfälle gehen, die nicht auf einem höherwertigeren Weg verwertet werden können, so der stellvertretende Leiter des Institutsbereichs Infrastruktur & Unternehmen.

EIN NEUES GESETZ

In der im Januar 2014 veröffentlichten Analyse fordern die Wissenschaftler des Öko-Instituts die schnelle Einführung einer einheitlichen Wertstofftonne mit ambitionierten Quoten. Eine solche sieht nun auch der Entwurf für ein neues Wertstoffgesetz vor. Bereits im Vorfeld des Gesetzesentwurfs waren die Experten des Öko-Instituts beim Thema Wertstoffe aktiv – unter anderem gemeinsam mit team ewen bei einem Planspiel zur Fortentwicklung der Verpackungsverordnung im Jahr 2011. Im Auftrag des Umweltbundesamtes wurden dabei Akteure aus Ländern und Kommunen sowie der Entsorgungswirtschaft, von Handel, Herstellern sowie Umwelt- und Verbraucherverbänden zusammengebracht, um zwei Modelle der einheitlichen Wertstofferfassung in punkto Umsetzbarkeit, Praktikabilität sowie Konsequenzen zu bewerten. „Ein Modell sah die Gesamtverantwortung in privater Hand,“ erklärt Dehoust, „während das andere eine geteilte Verantwortung zwischen öffentlich-rechtlichen Entsorgern sowie den Herstellern und Vertreibern vorsah.“ Nach den Erkenntnissen des Planspiels sind – trotz Vorbehalten auf beiden Seiten – beide Modelle geeignet. „Einig waren sich alle Teilnehmer, dass wir ein ambitioniertes System der Wertstofferfassung brauchen, die Materialien hochwertig verwertet werden müssen, dass dazu die „Löcher“ der Verpackungsverordnung „gestopft“ und alle Verpackungen in das System einbezogen werden müssen“, so der Wissenschaftler vom Öko-Institut.

Der Arbeitsentwurf aus dem BMU für ein neues Wertstoffgesetz ist ein wesentlicher Schritt auf diesem Weg: Die gelbe Tonne soll zur Wertstofftonne und hierin sollen auch so genannte stoffgleiche Nichtverpackungen – also zum Beispiel der Kochlöffel aus Plastik oder die Pfanne aus Metall – erfasst werden. „Schon heute nutzen viele Bürger die gelbe Tonne auf diese Art“, sagt Dehoust, „mit dem neuen Gesetz kann aus diesen so genannten intelligenten Fehlwürfen eine festgeschriebene Vorgehensweise werden.“ Die vorgesehene deutliche Anhebung der vorgeschriebenen Recyclingquoten bei Kunststoffen von derzeit 36 auf 72 Prozent bezeichnet er als „ambitioniert“ und „begrüßenswert“. „Diese Quote bezieht sich auf die im zukünftigen System lizenzierte Menge Kunststoffe“, so der Wissenschaftler, „hierzu soll die Produktverantwortung, die heute schon für Verpackungen besteht, auch auf viele Produkte aus Metall und Kunststoff ausgeweitet werden. Zudem wird durch den Arbeitsentwurf des Wertstoffgesetzes auch die Lizenzierungslücke erfolgversprechend angegangen.“ Um die ambitionierte Quote zu erfüllen, müssen nach Ansicht von Günter Dehoust alle Akteure der Abfallwirtschaft das System „an allen Ecken und Enden optimieren“. Der Experte meint damit etwa die Einrichtung moderner Sortier- und Aufbereitungsanlagen sowie neue Lösungen für Materialien, für die bisher kein Recycling etabliert ist, wie beispielsweise für Schalen aus PET, die zunehmend zum Beispiel für Wurst und Käse genutzt werden. Zur Unterstützung sollten laut Dehoust die Lizenzgebühren für Verpackungen, die bislang nicht recycelt werden können, deutlich verteuert werden. „Nicht zuletzt muss eine verständliche Information der Bürger in Verbindung mit einem verursachergerechten Gebührensystem flächendeckend installiert werden, um die Bürger zu belohnen, die ihre Abfälle getrennt sammeln und damit eine wichtige Voraussetzung für das Recycling schaffen“ sagt er, „nur so kann die Sammelmenge der Wertstoffe im notwendigen Umfang gesteigert werden.“

MEHR BIO

Verbesserungen am Entsorgungssystem sind aber nicht nur bei Verpackungen notwendig. Auch bei den Bioabfällen muss sich etwas tun. „Die Potenziale sind noch lange nicht ausgeschöpft“, sagt Dehoust, „eigentlich muss laut Kreislaufwirtschaftsgesetz seit Januar 2015 der Biomüll überall getrennt gesammelt werden. Doch das Verwertungspotenzial von zehn Millionen Tonnen jährlich wird bei weitem nicht ausgeschöpft – derzeit werden nur etwa fünf Millionen Tonnen Bioabfälle verwertet.“ Ein Problem seien unter anderem zahlreiche Ausnahmemöglichkeiten. „Der eigene Kompost im Garten ist zum Beispiel nur bedingt ein Ersatz für die Biotonne“, so Dehoust, „häufig werden die Nährstoffe nicht adäquat genutzt.“ Wie sich die Verwertung von Bio- und Grüngutabfällen verbessern lässt, haben die Experten des Öko-Instituts gemeinsam mit dem Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU), der IGLux GmbH sowie der Ressource Abfall GmbH in einem Leitfaden für das Umweltministerium Baden-Württemberg zusammengefasst. „Zentrale Schritte sind unter anderem die flächendeckende Sammlung über eine Biotonne, ein attraktives System, das die Nutzerbedürfnissen berücksichtigt, sowie ein flächendeckendes Angebot an Stellen, wo holzige Gartenabfälle abgegeben werden können“, so Dehoust. Zudem sollten alle Bioabfälle sowie krautige Grünabfälle wie Laub oder Rasenschnitt im ersten Schritt der Biogaserzeugung zugeführt werden.

GEWERBEABFALL MIT POTENZIAL

Neben den privaten Haushalten sind auch Unternehmen und Produzenten gefragt. „Die Menge des Gewerbeabfalls betrug in Deutschland 2013 etwa 57,1 Millionen Tonnen, das sind gut zehn Millionen Tonnen mehr als noch 2003“, sagt der Wissenschaftler. Gemeinsam mit der Oetjen-Dehne & Partner Umwelt- und Energie-Consult GmbH hat das Öko-Institut für das Umweltbundesamt untersucht, welche Auswirkungen ein intensiviertes Recycling von jenen Gewerbeabfällen hat, die heute als gemischte Abfälle entsorgt werden, und wie die Umwelt entlastet werden kann. „Die gemischten gewerblichen Siedlungsabfälle enthalten viele Wertstoffe, die derzeit kaum recycelt werden“, sagt Günter Dehoust. Gesteigert werden könne die Menge der erfassten Wertstoffe durch eine Vorbehandlungspflicht. Die direkte Verbrennung solle verboten, eine Sortierung vorgeschrieben werden – „so ließe sich die Ausbeute bei Metallen, Kunststoffen sowie Pappe, Papier und Karton steigern.“ Steigern lässt sich dieser Effekt noch durch optimierte Recyclingverfahren. Die im Rahmen der Studie erstellte Ökobilanz zeigt, dass sie in Kombination mit der Vorbehandlungspflicht einen deutlichen Einfluss insbesondere auf den Treibhauseffekt hätten. „Der Beitrag zum Klimaschutz könnte mehr als fünf Mal so hoch sein“, so Dehoust. Wirksame Instrumente sind für die Wissenschaftler etwa eine bessere innerbetriebliche Wertstoffsammlung sowie eine hochwertige energetische Verwertung nicht recycelbarer Abfälle. Wichtig sei es außerdem, verlässliche Investitionsbedingungen zu schaffen. „Wenn wir wollen, dass Abfallentsorger moderne Sortieranlagen errichten, müssen wir gewährleisten, dass die Wertstoffe nicht an diesen vorbei in „billige“ Beseitigungsanlagen gelenkt werden“, so der Experte vom Öko-Institut.

NOCH NICHT ABGESCHLOSSEN

Der Blick auf Verpackungen, Biomüll und Gewerbeabfälle zeigt: Die Geschichte des Recyclings ist für Deutschland noch lange nicht abgeschlossen. Weiterhin sind viele Anstrengungen notwendig – der Politik und der Bürger, aber auch der Industrie sowie nicht zuletzt der Entsorgungswirtschaft. „In unseren Projekten zeigt sich immer wieder, dass der Streit zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Entsorgern dringend überwunden werden muss“, sagt der Wissenschaftler, „soll unser Abfallsystem zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft werden, muss jeder Akteur etwas zur Optimierung beitragen.“ Dehoust betont damit auch: Zu einem guten Ende bringen diese Geschichte nur alle gemeinsam. Christiane Weihe

g.dehoust--at--oeko.de