„Es gibt eine große Bereitschaft zur Zusammenarbeit“

Im Interview: Prof. Dr. Markus Lederer, Universität Münster

Reden wir über Green Economy, hören wir oft nichts als Vorteile: Effizienteres Wirtschaften, Schutz der Ressourcen, soziales Augenmerk. Doch gelten diese Vorteile auch für den Aufbau einer Green Economy in Schwellen- und Entwicklungsländern? Oder kann ein grünes Wirtschaften in ihnen – unter anderem mit Blick auf Ernährungs- und Energiesicherheit – nur eine nachgeordnete Rolle spielen? Welche Potenziale, aber auch Herausforderungen es für Green Economy in Entwicklungs- und Schwellenländern gibt, beantwortet der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Markus Lederer von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im Gespräch mit eco@work.

Prof. Lederer, können wir von Schwellen- und Entwicklungsländern überhaupt ein grünes Wirtschaften erwarten?
Natürlich hat die Green Economy in den meisten Entwicklungsländern keine Priorität – hier sind zunächst Probleme mit Blick auf Sicherheit, Ernährung oder auch Energieversorgung zu lösen. Das heißt aber nicht, dass Entwicklungsländer nicht aktiv sein können bzw. aktiv sind. Vor allem in den größeren Schwellenländern, insbesondere in China, aber auch in Staaten wie Mexiko oder sogar in Ländern wie Äthiopien wird die Notwendigkeit zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise durchaus gesehen. Es gibt oftmals auch eine große Bereitschaft, mit den Industriestaaten zusammenzuarbeiten.

Was können die Industriestaaten konkret tun?
Wir müssen bereit sein, sehr viel Geld in die Hand zu nehmen, um die Entwicklungs- und Schwellenländer zum Beispiel beim Aufbau nachhaltiger Energiesysteme und Infrastrukturen zu unterstützen. Viele Maßnahmen können aber nur erfolgreich sein, wenn die institutionellen Rahmenbedingungen stimmen. Hierfür kann etwa im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit konkrete Unterstützung geleistet werden. Deutschland ist meiner Ansicht nach zudem in der Pflicht, beim Thema Erneuerbare Energien global aktiv zu werden und die Energiewende stärker zu promoten, auf politischer Ebene ebenso wie mit Blick auf die Zivilgesellschaft.

Wo sehen Sie ermutigende Entwicklungen beim grünen Wirtschaften in Entwicklungs- und Schwellenländern?
China hat für einen extremen Aufschwung beim Thema Solarpanels gesorgt – die Kritik an diesbezüglichen Exporten nach Europa halte ich daher für kontraproduktiv. Darüber hinaus gibt es dort eine große Bereitschaft, auf erneuerbare Energien zu setzen: Im vergangenen Jahr wurden in China erstmals mehr Kapazitäten in diesem Bereich geschaffen als bei der Stromerzeugung aus Kohle. In vielen Ländern gibt es zudem ein großes Potenzial für regenerative Quellen, zum Beispiel mit Blick auf die Wasserkraft, die etwa in Costa Rica schon vorbildlich eingesetzt wird.

Die Entwicklungsländer sehen die Green Economy aber nicht durchweg positiv.
Das stimmt. Es gibt zwei zentrale Kritikpunkte. Zum einen hat der globale Süden Sorge, dass dadurch neokoloniale Strukturen etabliert werden, in denen die Industriestaaten vorgeben, was gut und richtig ist. Darüber hinaus wird vermutet, dass die Industriestaaten sich mit den Maßnahmen für ein grünes Wirtschaften nur mehr Zeit erkaufen wollen, das eigene „schmutzige“ Wirtschaften weiter fortzusetzen.

Ist diese Kritik berechtigt?
Zum Teil: Ich sehe sehr viel weniger die Gefahr eines Neokolonialismus, da insbesondere die Schwellenlänger heute über genügend Machtressourcen verfügen, um sich vom globalen Norden nichts mehr vorschreiben zu lassen. Das Problem ist komplexer, denn ich unterstelle uns allen, dass wir unseren Lebensstil gerne so weiterführen möchten wie bisher, mehr Wachstum und Wohlstand erreichen möchten und dabei aber auch wollen, dass alles ökologisch perfekt funktioniert. Aber beides zusammen wird sehr schwierig und nur mit weitgehenden politischen Reformen umsetzbar. Für manche – und diese Kritik zu widerlegen wird eine Riesenherausforderung – ist ein grünes Wachstum nicht möglich. So hat zum Beispiel der Papst vor nicht allzu langer Zeit dazu geraten, auf ökonomisches Wachstum in Industrieländern zumindest temporär zu verzichten. Ich teile diese Auffassung nicht, aber wir werden nicht darum herum kommen, auf Dinge zu verzichten – etwa mit Blick auf Inlandsflüge oder den Fleischkonsum.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christiane Weihe

Im Interview mit eco@work: Prof. Dr. Markus Lederer, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Münster

markus.lederer--at--uni-muenster.de