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Zirkuläre Beschaffung: Handlungsansätze mit hohem Potenzial für Resilienz und Klimaschutz

Öffentliche Beschaffung hat durch ihre hohen Summen eine große Marktmacht und ist dadurch ein wirksamer Hebel für mehr Klimaschutz. Kathrin Graulich beleuchtet im Blog die verschiedenen Handlungsansätze, um Beschaffung zirkulär auszurichten.
Kreislaufsymbol auf einem Puzzle mit Hand, die das vierte und letzte Puzzlestück einfügt

Die öffentliche Hand in Deutschland vergibt jedes Jahr Aufträge über mehrere hundert Milliarden Euro. Damit geht nicht nur eine große Marktmacht einher, sondern auch ein wirksamer Hebel, um Treibhausgasemissionen zu mindern, Umweltbelastungen zu reduzieren und nachhaltige Produktions- und Lieferketten zu stärken. Angesichts zunehmender geopolitischer und ökonomischer Risiken rückt auch die Resilienz des Wirtschaftssystems stärker in den Fokus, also die Fähigkeit, Liefer- und Preisschocks zu verkraften. Ressourceneffizienz und eine geringere Abhängigkeit von Importen kritischer Rohstoffe festigen sie. Beschaffung zirkulär auszurichten, senkt den Bedarf an Primärrohstoffen und stärkt Sekundärquellen. Als Großnachfragerin kann die öffentliche Beschaffung die Entwicklung hin zu einer Kreislaufwirtschaft daher maßgeblich beschleunigen.         

Worin unterscheidet sich zirkuläre von nachhaltiger Beschaffung?

Nachhaltige Beschaffung berücksichtigt ökologische, soziale und ökonomische Anforderungen, wenn die öffentliche Hand Produkte, Bau-, Liefer- oder Dienstleistungen beschafft. Zirkuläre Beschaffung legt den Fokus auf ökologische Anforderungen. Sie schont Ressourcen und verringert damit die Auswirkungen auf das Klima und die Umwelt. Gleichzeitig hat eine zirkuläre Beschaffung aber auch soziale und ökonomische Wirkungen, ist also ein Teil der nachhaltigen Beschaffung. 

Was sind wesentliche Stellschrauben für eine Ausrichtung auf eine zirkuläre Beschaffung?

Eine wirksame zirkuläre Beschaffung setzt bereits bei der Formulierung des Bedarfs, also vor der eigentlichen Beschaffung an. Sie hinterfragt die Neuanschaffung und den damit verbundenen Ressourcenaufwand

  • Kann der bestehende Bedarf und dessen Nutzen durch Weiterverwendung bereits vorhandener Produkte und Materialien oder durch alternative Lösungen anstelle der Neuanschaffung gedeckt werden (zum Beispiel Teilen, Auffrischen, Reparatur, Servicemodelle)? 
  • Kann der erwartete Nutzen durch instandgesetzte Gebrauchtprodukte anstelle von neu hergestellten Produkten gedeckt werden? 
  • Wie können vorhandene (oder zu beschaffende) Produkte möglichst lange in Nutzung bleiben (zum Beispiel durch Wartung, Reparaturen, Weitergabe nach Nutzungsende)? 

Damit adressiert eine zirkuläre Beschaffung die obersten Stufen der Abfallhierarchie, um Produkte, Komponenten und Materialien möglichst lange im Kreislauf zu halten. Folgende Punkte stehen im Fokus: 

  • Vermeidung
  • optimiertes Design
  • Reduzierung
  • Wiederverwendung
  • Reparatur
  • Instandsetzung 

Zirkularität zu berücksichtigen ist besonders wichtig bei materialintensiven Leistungen, deren Herstellung mit einem hohen Ressourcen- oder Energieaufwand verbunden ist: Hierzu zählen der Baubereich oder bei der Beschaffung von Produkten insbesondere Möbel, Textilien, IT und Elektronik sowie Fahrzeuge. 

In vielen Produktgruppen kann die öffentliche Hand direkt starten und vorhandene Ansatzpunkte nutzen. Umweltzeichen wie der Blaue Engel enthalten oft zirkuläre Anforderungen wie Langlebigkeit, Reparierbarkeit oder Rezyklierbarkeit, die Beschaffungsstellen in die Leistungsbeschreibung, Angebotswertung oder Auftragsausführung übernehmen können. 

Mittelfristig ist jedoch essenziell, die bislang vorrangig linear ausgerichteten Beschaffungsprozesse neu aufzusetzen. Dazu zählen unter anderem Inventarisierungen und Logistikkonzepte, Einkaufskooperationen, geteilte Nutzungsmöglichkeiten („Sharing“), Dienstleistungsverträge (Reparatur, „Product as a Service“) oder Rücknahmekonzepte. Damit verbleiben Produkte und Materialien, die von der öffentlichen Hand genutzt werden, möglichst lange im Kreislauf.     

Aufbruch: Von Pflicht und Unsicherheit zur Wirkung!

Formal ist zirkuläre Beschaffung in Deutschland längst Pflicht: Seit 2020 enthält der § 45 Kreislaufwirtschaftsgesetz eine Bevorzugungspflicht für kreislauffähige Produkte und Leistungen. In der Vergabepraxis wird dieses Potenzial aber noch zu selten genutzt. Das liegt auch daran, dass Zirkularität nicht als eigenes Leitprinzip im Beschaffungsrecht verankert ist und viele Beschaffungsstellen unsicher sind, wie sie Kreislaufanforderungen vergabefest formulieren, nachweisen und bewerten können. Informationsangebote speziell zur zirkulären Beschaffung waren hierzulande bislang rar.

Gleichzeitig gibt es immer mehr Pionier*innen, die zeigen, dass es funktioniert: Kommunen beschaffen gebrauchte Möbel oder instandgesetzte Notebooks; ein Großunternehmen hat einen Rahmenvertrag zur vorrangigen Beschaffung gebrauchter anstelle neuer Möbel eingeführt. Auch international finden sich Vorreiter, etwa in den Niederlanden, der Schweiz und in Österreich.

Der Einstieg gelingt am besten, wenn Beschaffungsstellen Markterkundungen zu zirkulären Angeboten durchführen, sich vernetzen und Erfahrungen teilen. Lieber klein als gar nicht anfangen und die Anforderungen dann Schritt für Schritt nachschärfen. Rückenwind kommt dabei nicht nur durch die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS), sondern auch aus Europa: Die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) setzt verbindliche Mindeststandards etwa zu Reparierbarkeit und Langlebigkeit und wird das Marktangebot an kreislauffähigen Produkten in den kommenden Jahren weiter stärken.

Welchen Beitrag liefert das Öko-Institut zur zirkulären Beschaffung? 

Unser Team hat im Auftrag des Umweltbundesamtes verschiedene Informationsangebote zur zirkulären Beschaffung entwickelt: 

Im Rahmen der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie leisten wir fachliche Unterstützung für das Bundesumweltministerium zur Umsetzung von Maßnahmen im Handlungsfeld öffentliche Beschaffung. In der „AG Zirkuläre Beschaffung“ entwickeln wir gemeinsam mit Praxisexpert*innen aus der öffentlichen Beschaffung sowie Marktakteuren detaillierte Unterstützungsangebote mit Fokus auf die Beschaffung von Gebrauchtprodukten: 

Zusammen mit Praxisakteuren vor Ort in Lateinamerika und Asien arbeiten wir an der Stärkung der zirkulären und nachhaltigen Beschaffung. 

Diese Themen zur zirkulären Beschaffung vertiefen meine Kolleg*innen in weiteren Blogbeiträgen. 

Kathrin Graulich ist stellvertretende Leiterin des Bereichs Produkte & Stoffströme. Sie forscht zu nachhaltigen Produkten am Standort Freiburg.

Weitere Informationen

Ein Gespräch mit Kathrin Graulich bei Circulee - Kreislaufwirtschaft zwischen Anspruch und Umsetzung

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