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Interview mit Dr. Hannah Förster

"Klimaschutz ist langfristig immer günstiger als kein Klimaschutz"

Deutschland verfehlt seine Klimaziele – und das kann Milliarden kosten. Dr. Hannah Förster erklärt, welche Szenarien das Land bedrohen, wie EU-Strafzahlungen drohen und warum Klimaschutz nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich und sozial sinnvoll ist.
Person die durch Fernrohr schaut

Das Interview führte Jacqueline Arend und es wurde zuerst bei Focus online Earth veröffentlicht.

Frau Förster, Ihr Job ist es auszurechnen, wie sich Deutschlands Emissionen entwickeln könnten. Wie genau kann man sich Ihren Job vorstellen?

Dr. Hannah Förster: Ich arbeite seit über 20 Jahren an der Schnittstelle von Klima-, Energie- und Wirtschaftspolitik. Mein zentraler Forschungsfokus beim Öko-Institut ist die Frage, wie sich die deutschen Treibhausgasemissionen in Zukunft entwickeln – abhängig davon, welche politischen Entscheidungen getroffen werden und welche Klimaschutzmaßnahmen tatsächlich umgesetzt werden. Das ist allerdings eine komplexe Aufgabe und das mache ich natürlich nie alleine: alle unsere Analysen sind Gemeinschaftswerke von vielen Wissenschaftler*innen.

Das klingt abstrakt. Was bedeutet das praktisch?

Förster: Sehr vereinfacht gesagt versuchen wir, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Wir berechnen jedes Jahr, wo Deutschland mit seinen Emissionen in 20 bis 25 Jahren landen könnte, wenn die Politik so weitermacht wie bisher – oder wenn zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen hinzukommen. Der Blick in die Zukunft auf Basis von  Treibhausgas-Projektionen ist extrem wichtig, weil diese Projektionen darauf hinweisen können, ob wir auf Kurs sind, unsere Klimaziele zu erreichen, oder ob wir an entscheidenden Stellen nachsteuern müssen.

Also beobachten Sie sehr genau, was die Politik tut? 

Förster: Ja, sehr genau. Wir schauen uns an, welche klimapolitischen, energiepolitischen und weiteren Entscheidungen getroffen werden und berücksichtigen die daraus resultierenden Klimaschutzmaßnahmen in den Projektionen.

Und wenn die Politik zurückrudert oder Ziele verzögert erreicht werden?

Förster: Dafür gibt es einen Mechanismus im Klimaschutzgesetz. Jedes Jahr werden im März die neuesten Projektionen vorgelegt. Der Expertenrat für Klimafragen prüft auf Basis dieser, ob die Klimaziele voraussichtlich eingehalten werden, und schreibt dazu ein Gutachten.

Was passiert, wenn die Ziele verfehlt werden?

Förster: Wenn der Expertenrat zwei Jahre in Folge feststellt, dass die Ziele voraussichtlich nicht erreicht werden, muss die Bundesregierung ein neues Klimaschutzsofortprogramm mit neuen Maßnahmen auflegen. So soll sichergestellt werden, dass die Klimaziele nicht einfach verfehlt werden.

Und funktioniert das wirklich?

Förster: Früher war das so organisiert, dass für jeden Sektor aus dem Bundesklimaschutzgesetz – Gebäude, Industrie, Energiewirtschaft, Verkehr, Abfallwirtschaft, Landwirtschaft und Landnutzung – geschaut wurde, ob dieser Bereich seine Emissionslimits einhält. Wenn dies nicht der Fall war, musste der jeweilige Sektor individuell nachsteuern. Heute ist es so, dass die Sektoren zusammen betrachtet werden, und gemeinsam nachsteuern müssen, obwohl je Sektor weiterhin prinzipiell eigene Emissionslimits existieren. 

Sie kennen die Zahlen und Projektionen. Welche Szenarien gibt es?

Förster: Wir unterscheiden zwei zentrale Szenarien. Das „Mit-Maßnahmen-Szenario“ bildet die Basis für die Gutachten des Expertenrats – das sind die offiziellen Projektionen nach dem Klimaschutzgesetz, also alles, was politisch bereits implementiert ist.

Und das zweite?

Förster: Das „Mit-weiteren-Maßnahmen-Szenario“ enthält zusätzlich geplante Maßnahmen, die noch nicht umgesetzt sind. Dieses Szenario kann darüber informieren, wieviel mehr Emissionsreduktion die zusätzlich geplanten Maßnahmen bringen würden. 

Wie steht Deutschland aktuell auf dem Pfad zur Klimaneutralität?

Förster: Ich kann mich nur auf die aktuelle Projektion von 2025 beziehen. Die sagt: Wir müssen nachschärfen. Die neuen Daten sind noch in Arbeit, aber klar ist, es reicht noch nicht. Es gibt Baustellen, die die Regierung dringend angehen müsste.

Wie unsicher sind diese Projektionen?

Förster: Jede Projektion hat Unsicherheiten. Krisen, globale Entwicklungen, wirtschaftliche oder politische Veränderungen – all das kann die Ergebnisse beeinflussen.

Wenn Deutschland seine Ziele reißt, greifen dann Korrekturen oder Maßnahmen aus Brüssel ein? 

Förster: Auf EU-Ebene gibt es Mechanismen wie das Effort-Sharing-Regelwerk. Dabei werden die Klimaziele in bestimmten Sektoren auf die Mitgliedstaaten verteilt. Die Idee ist: Länder, die mehr leisten können, übernehmen mehr Reduktionsverpflichtungen, andere weniger. Überschreitungen oder Defizite werden innerhalb der EU ausgeglichen – über handelbare Emissionszuweisungen.

In diesen sogenannten Effort-Sharing-Sektoren – darunter fallen beispielsweise Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft – müssen alle EU-Mitgliedstaaten ein individuell festgelegtes Emissionsbudget von 2021 bis 2030 einhalten. Dieses dürfen sie nicht überschreiten. Dazu bekam jeder Mitgliedstaat für jedes dieser Jahre sogenannte Emissionszuweisungen, also eine Art Limit in Tonnen CO2.  

Wenn das Einhalten nicht klappt, dann können die fehlenden Emissionszuweisungen von anderen Mitgliedstaaten gekauft werden, die unter ihrem Emissionsbudget bleiben und bereit sind, ihre überschüssigen Emissionszuweisungen zu verkaufen.

Und wenn Deutschland seine Emissionslimits im Effort Sharing nicht einhält?

Förster: Dann muss Deutschland für die Mehremissionen bezahlen. Im besten Fall gelingt dies durch Zukauf von Emissionszuweisungen anderer Mitgliedsstaaten. Wie hoch der Preis dann für diese Emissionszuweisungen ist, kann nicht vorausgesagt werden. Prinzipiell gilt: Gibt es viele überschüssige Emissionszuweisungen, ist der Preis geringer, als wenn es wenig überschüssige Emissionszuweisungen gibt.  Aktuell zeigen die Projektionen für Deutschland ein Defizit von etwa 225 Millionen Emissionszuweisungen für den Zeitraum 2021 bis 2030. Je nachdem wie hoch der Preis für diese dann ausfällt, können sich die Kosten für Deutschland im Bereich von 15 bis 35 Milliarden Euro bewegen. Und das ist doch eine beträchtliche Summe, die aus unserer Sicht lieber für effektive Klimaschutzmaßnahmen ausgegeben werden sollte!

Blicken Sie da optimistisch in die Zukunft?

Förster: Man sollte die Hoffnung nicht aufgeben. Es gilt der Grundsatz: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Auch wenn Konflikte und Krisen den Kontext verändern, muss man kontinuierlich dranbleiben, informieren und Maßnahmen umsetzen.

Wie wirken sich die Klimaschutzmaßnahmen auf Wirtschaft und Gesellschaft aus?

Förster: Die Investitionen in Klimaschutz schaffen schon heute neue Jobs – zum Beispiel in Elektromobilität, Gebäudesanierung oder bei erneuerbaren Energien. Gleichzeitig verschärft sich dadurch der Fachkräftemangel, weil überall qualifizierte Menschen gebraucht werden.

Bedeutet das, dass Deutschland nicht genug Fachkräfte hat, um die Klimaziele zu erreichen?

Förster: Genügend Fachkräfte für die notwendigen Veränderungen zu haben, ist eine Herausforderung. Aber gleichzeitig entstehen viele neue Chancen für Arbeitsplätze – die müssen wir nutzen.

Wie wirkt sich das auf die Wirtschaft insgesamt aus?

Förster: Positiv. Klimaschutzinvestitionen senken die Abhängigkeit von Energieimporten und stärken die Gesamtwirtschaft. Einige Branchen profitieren stärker, andere weniger, aber insgesamt steigt die Bruttowertschöpfung – und damit auch das Bruttoinlandsprodukt.

Rechnet sich Klimaschutz überhaupt?

Förster: Klimaschutz ist langfristig immer günstiger als kein Klimaschutz, denn Klimaschutz vermeidet Klimaschäden, die erhebliche Kosten verursachen: Das Umweltbundesamt beziffert die Klimaschadenkosten 2024 auf 300 Euro pro Tonne. Allein die Kosten für die Behebung der Schäden der Flutkatastrophe im Ahrtal beliefen sich laut einer Studie auf rund 40 Milliarden Euro. Würden wir die Schäden durch den Klimawandel in der Bewertung von Klimaschutz also konsistent berücksichtigen, rechneten sich Klimaschutzmaßnahmen immer.

Auch ohne die Klimaschäden?

Förster: Auch dann lohnt sich Klimaschutz. Fossile Energie wird teurer. Und je höher die fossilen Energiepreise im Vergleich zum Strompreis sind, desto höher sind die potenziellen Einsparungen. Wer früh investiert, spart später. Gezielte Förderungen sind hier wichtig, weil Anfangsinvestitionen entstehen und die Einsparungen erst über die Zeit realisiert werden.

Wie sieht es für Haushalte mit geringem Einkommen aus?

Förster: Es ist sehr wichtig, dass auch Haushalte mit geringem Einkommen die Möglichkeit haben, auf klimafreundliche Alternativen im Bereich Gebäude und Mobilität umzustellen, damit sie nicht durch hohe CO2-Kosten belastet werden. 

Für viele Haushalte sind die Anfangsinvestitionen wie gesagt eine Hürde. Sozial gestaffelte Förderungen können da helfen, zum Beispiel der 30-Prozent-Bonus beim Heizungstausch oder Unterstützung bei Fenstertausch, Dachdämmung oder Gesamtsanierungen. So können auch Haushalte mit geringem Einkommen klimafreundlich umbauen, ohne überfordert zu werden.

Also ist Klimaschutz nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für die Menschen?

Förster: Genau. Klimaschutz schafft Jobs, stärkt Haushalte und die Wirtschaft – und ist langfristig immer günstiger als die Schäden, die der Klimawandel sonst verursachen würde.

Liebe Frau Förster, vielen Dank für das Gespräch.

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