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Bürgerenergiegenossenschaften: Schlüsselakteure für eine sozial gerechte Energie- und Wärmewende

Die Energiewende ist mehr als eine technische Aufgabe – sie ist eine soziale Herausforderung. Eine neue Studie des Öko-Instituts für die Elektrizitätswerke Schönau eG zeigt, welche Möglichkeiten Bürgerenergiegenossenschaften haben und wie sie diese bisher nutzen, um Teilhabe zu ermöglichen, Energiearmut zu mindern und die Energie- und Wärmewende gerechter zu gestalten.
Illustration: Person, die den Planet Erde hochhält

Die Energiewende in Deutschland schreitet voran: Erneuerbare Energien werden ausgebaut, fossile Energieträger schrittweise ersetzt, neue Technologien etabliert. Doch während die technischen und ökonomischen Fortschritte sichtbar sind, bleibt die soziale Seite häufig unterbelichtet. Steigende Energiepreise und hohe Investitionskosten treffen einkommensschwache und vulnerable Haushalte besonders stark. Oft haben diese begrenzte Handlungsspielräume, da sie nicht selbst in erneuerbare Energien oder Energieeffizienz investieren können etwa aus finanziellen Gründen oder weil ihnen das Gebäude, in dem sie leben, nicht gehört. Die Frage, wie Klimaschutz sozial gerecht gestaltet werden kann, gewinnt daher zunehmend an Bedeutung.

Eine aktuelle Studie des Öko-Instituts für die Elektrizitätswerke Schönau eG untersucht, welche Rolle Bürgerenergiegenossenschaften (BEGen) für eine sozial ausgewogene Strom- und Wärmewende spielen können. Sie sind Akteure in der Energiewirtschaft, die als Genossenschaft zumeist das Ziel verfolgen, dezentral, unabhängig und klimafreundlich Strom oder Wärme zu erzeugen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass gerade jene Haushalte, die am stärksten unter hohen Energiepreisen leiden, bislang nur selten aktiv an der Energiewende teilhaben.

Erhebliches Potenzial – begrenzte Reichweite

Bürgerenergiegenossenschaften verfügen grundsätzlich über Eigenschaften, die sie zu wichtigen Akteuren einer sozialen Energiewende machen: demokratische Entscheidungsstrukturen nach dem Prinzip „ein Mitglied – eine Stimme“, eine starke lokale Verankerung, hohe Glaubwürdigkeit sowie eine Ausrichtung am Gemeinwohl statt an Gewinnmaximierung. Sie fördern regionale Wertschöpfung, ermöglichen Mitbestimmung und stärken damit die Akzeptanz für die Energiewende.

Gleichzeitig ist die Mitgliederstruktur in Energiegenossenschaften bislang sehr homogen. Mitglieder sind überwiegend einkommensstark, gut ausgebildet, männlich und mittleren oder höheren Alters. Einkommensschwache Haushalte, Mieter*innen, Menschen mit Migrationsgeschichte, jüngere Personen oder auch Frauen sind deutlich unterrepräsentiert. Das bedeutet: Das soziale Potenzial der Bürgerenergie wird bislang nur in Ansätzen genutzt.

Fünf soziale Wirkkategorien

Die Studie identifiziert fünf zentrale Wirkkategorien, in denen Bürgerenergiegenossenschaften zu einer sozial gerechten Energiewende beitragen können: 

  1. gesellschaftliche Teilhabe, 
  2. Vertrauen und Akzeptanz, 
  3. soziale Resilienz und Zusammenhalt, 
  4. wirtschaftliche Teilhabe sowie 
  5. nicht-monetäre Wirkungen wie die Verbesserung lokaler Infrastrukturen. 

In allen Bereichen bestehen erhebliche Teilhabe-Potenziale auch für einkommensschwache Haushalte, doch sie werden bislang selten systematisch ausgeschöpft.

Besonders relevant ist die wirtschaftliche Teilhabe. Hier zeigen sich die größten unmittelbaren Effekte, etwa durch Mieterstrommodelle oder perspektivisch durch Energy Sharing. Solche Ansätze können Mieter*innen Zugang zu günstigem erneuerbarem Strom ermöglichen und Haushalte direkt finanziell entlasten. Klassische Sozialtarife hingegen spielen in der Praxis kaum eine Rolle, unter anderem wegen organisatorischer Hürden.

Mehr als Stromerzeuger: Die Rollen von Energiegenossenschaften

Energiegenossenschaften übernehmen außerdem in der Strom- und Wärmewende mehrere, sich ergänzende Rollen. 

  • Erstens wirken sie als lokale Projektentwickler und Betreiber erneuerbarer Energieanlagen – etwa von Photovoltaik-, Wind- oder zunehmend auch Wärmelösungen – und tragen damit unmittelbar zur Dekarbonisierung der Energieversorgung bei. 
  • Zweitens fungieren sie als Partizipationsplattformen, über die Bürger*innen finanziell, organisatorisch und demokratisch an der Energiewende beteiligt werden können. 
  • Drittens nehmen Energiegenossenschaften eine vermittelnde Rolle als Multiplikator gegenüber ihren Mitgliedern ein. 
  • Viertens können sie auch eine politische und gesellschaftliche Rolle übernehmen, etwa indem sie sich über Stellungnahmen und Forderungspapiere in die gesellschaftliche Diskussion einbringen. Damit sind Energiegenossenschaften nicht nur technische Umsetzer, sondern auch Treiber der Energiewende.
Grafik zur Rolle der Energiegenossenschaften

Vier Rollen der Energiegenossenschaften für eine sozial gerechte Energiewende.

Hemmnisse auf beiden Seiten

Warum bleiben soziale Ansätze bislang die Ausnahme? Die Studie macht deutlich, dass die Gründe hauptsächlich in den strukturellen Rahmenbedingungen liegen. Viele Energiegenossenschaften arbeiten überwiegend ehrenamtlich und verfügen nur über begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen. Hinzu kommen fehlendes Wissen über Vulnerabilität und Energiearmut, Unsicherheiten im Umgang mit dem genossenschaftsrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatz sowie Schwierigkeiten bei der Ansprache neuer Zielgruppen.

Aber auch auf Seiten der einkommensschwachen und vulnerablen Haushalte sind die Hürden für den Einstieg hoch: neben finanziellen Hemmnissen gibt es Informationsdefizite, mangelndes Vertrauen sowie sprachliche und digitale Barrieren. Für viele Betroffene haben Energiethemen zudem eine geringere Priorität als akute soziale Probleme.

Handlungsoptionen und politische Unterstützung

Die Studie zeigt jedoch auch: Es gibt konkrete Ansatzpunkte für Bürgerenergiegenossenschaften, um auch vulnerable Haushalte zu erreichen. Niedrige Mindestanteile, Patenschaftsmodelle (Dritte finanzieren Geschäftsanteile für andere) oder Solidaritätsfonds können finanzielle Barrieren senken. Kooperationen mit Kommunen, Sozialdiensten oder Energieagenturen können helfen, vulnerable Haushalte gezielt zu erreichen. Gleichzeitig braucht es politische Unterstützung – etwa durch verbesserte Rahmenbedingungen für Energy Sharing, verlässliche Förderprogramme und den gezielten Einsatz von Mitteln aus dem Klima-Sozialfonds.

Bürgerenergiegenossenschaften als Brücken zwischen Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit

Bürgerenergiegenossenschaften können mehr sein als Treiber des Ausbaus erneuerbarer Energien. Sie haben das Potenzial, Brücken zwischen Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit zu schlagen. Damit dieses Potenzial wirksam wird, braucht es jedoch eine doppelte Befähigung: Genossenschaften benötigen Ressourcen, Werkzeuge und politische Unterstützung, während Haushalte durch gezielte Ansprache, niedrigschwellige Angebote, Vertrauen und finanzielle Entlastung zur Teilhabe befähigt werden müssen. So kann die Energiewende zu einem Projekt werden, das alle mitnimmt.

Tanja Kenkmann ist Senior Researcher und Projektleiterin im Bereich Energie & Klimaschutz am Standort Freiburg. Sie forscht zu kommunalem Klimaschutz und zu der Frage, mit welchen Instrumenten soziale Aspekte des Klimaschutzes besser adressiert werden können. 

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