Bioökonomiekonzepte in Deutschland: eine Diskursanalyse

15.10.2019
Klimaschutz und Nachhaltigkeit: Wer sagt was und warum?

Das Konzept der Bioökonomie gilt in Politik und Wirtschaft seit einigen Jahren als wichtiger Beitrag zum Klimaschutz und zur Bewältigung weiterer Nachhaltigkeitsherausforderungen. Es beschreibt den Übergang von einer Wirtschaft, die auf fossilen Energieträgern beruht, zu einer Ökonomie, die an natürlichen Stoffkreisläufen orientiert ist und auf nachwachsende Rohstoffe setzt. Allerdings ist das Konzept nicht unumstritten.

Um die Transformation kritisch begleiten und gestalten zu können, bedarf es zunächst Antworten auf grundlegende Fragen: Welche Ziele werden mit Bioökonomiepolitiken verfolgt? Welche Akteure verfolgen welche Interessen? Welche Argumente werden genutzt? Lässt sich die Polarisierung der Debatte überwinden? Welche ethischen Implikationen hat eine Förderung der Bioökonomie?

Diesen und anderen Fragen widmet sich der Bericht „Bioökonomiekonzepte und Diskursanalyse“. Aufbauend auf diesem Bericht werden in einem Umweltbundesamt-Projekt die Chancen, Risiken und Anforderungen diskutiert, die sich aus einer Förderung der Bioökonomie für die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele ergeben.

Globales Nachhaltigkeitsprojekt oder Marketingkonzept?

Drei Teildiskurse können in Deutschland voneinander abgegrenzt werden: ein dominanter, „affirmativer“ Bioökonomiediskurs, der die Chancen der Bioökonomie betont; ein „pragmatischer“ Bioökonomiediskurs, der Chancen und Risiken von Bioökonomie gegeneinander abwägt und nach stringenten Nachhaltigkeitsstandards ruft; und ein „kritischer“ Bioökonomiediskurs, der mit dem Konzept der Bioökonomie mehr ökologische und soziale Risiken als Chancen verbindet und einen grundsätzlicheren Wandel fordert.

Jeder dieser Teildiskurse wird von unterschiedlichen Akteuren unterstützt: Im affirmativen Diskurs beschreibt eine Reihe staatlicher, politikberatender und wirtschaftlicher Akteure die Bioökonomie als globales Nachhaltigkeitsprojekt, das insbesondere mithilfe der Biotechnologie Innovation, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland und der EU anregen kann. Im pragmatischen Diskurs – getragen v.a. von Umweltbehörden und Umweltberatungsgremien der Regierung – wird die Flächenkonkurrenz stärker problematisiert. Die Erwartungen an Wachstums- und Beschäftigungseffekte sind eher gedämpft und es werden starke ökologische Leitplanken für die Bioökonomie eingefordert, z.B. in Agrarpolitik und Gentechnikrecht.

Der kritische Teildiskurs wirft die Frage auf, inwieweit es sich beim Begriff der Bioökonomie um ein Marketingkonzept handelt. Es reiche nicht aus, fossile Energien und Rohstoffe zu substituieren und Natur immer „effizienter“ auszubeuten; vielmehr müsse auch über Grenzen des Wachstums und Suffizienz nachgedacht werden. Seine Protagonisten sind vor allem zivilgesellschaftliche Verbände aus Umwelt- und Entwicklungspolitik.

Zivilgesellschaftliche Akteure besser einbeziehen

Der Bericht arbeitet auch das Mensch-Natur-Verhältnis und Gerechtigkeitsfragen in den Bioökonomiediskursen heraus. „Es ist das Verdienst des kritischen Bioökonomiediskurses, auch grundlegendere Fragen zur Bioökonomie und Gerechtigkeitsaspekte anzusprechen“, erläutert Franziska Wolff, Leiterin des Institutsbereich Umweltrecht & Governance am Öko-Institut. „Angesichts der enormen Fördervolumina für Bioökonomieforschung ist es zentral, zivilgesellschaftliche Akteure stärker als bisher in die Weiterentwicklung und Umsetzung der Bioökonomiestrategie einzubinden.“

Studie „Bioökonomiekonzepte und Diskursanalyse“ des Öko-Instituts – Teilbericht (AP1) des Projekts „Nachhaltige Ressourcennutzung – Anforderungen an eine nachhaltige Bioökonomie aus der Agenda 2030/SDG-Umsetzung“