Atomkraftwerk Beznau 1 ist „sicherheitstechnisch bedenklich“

07.11.2019
AKW Beznau: acht Kilometer vor der deutschen Grenze

Der Betreiber des schweizerischen Atomkraftwerks Beznau 1, die Axpo Power AG, hat neuartige und damit unzureichend geprüfte Verfahren eingesetzt, um einen fehlenden Sicherheitsnachweis für den Reaktordruckbehälter nachzuliefern. Das hat eine Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace und der Schweizerischen Energie-Stiftung ergeben. Die Axpo Power AG betreibt in Beznau unmittelbar an der deutschen Grenze ein Kernkraftwerk mit zwei Reaktoren, Beznau 1 und Beznau 2.

Der Nachweis der Axpo, dass die im Jahr 2015 entdeckten mehr als 3.000 Materialfehler im Reaktordruckbehälter keine Auswirkungen auf die Versprödung haben, sei nach Aussage des Öko-Instituts nicht ausreichend sicher. „Die in den Berichten dargelegten Sachverhalte zum Reaktordruckbehälter von Beznau 1 weisen auf sicherheitstechnische Mängel hin. Sie sind deshalb als bedenklich anzusehen“, schreibt Simone Mohr, Senior Researcher im Institutsbereich Nukleartechnik & Anlagensicherheit im Öko-Institut, in ihrer Stellungnahme. Simone Mohr, hat im Auftrag von Greenpeace Schweiz und der Schweizerischen Energie-Stiftung die von Axpo und dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI zum Wiederanfahren des Reaktors veröffentlichten Berichte untersucht.

Der Reaktordruckbehälter ist der nukleare Mittelpunkt eines Kernkraftwerks mit dem wärmeerzeugenden Reaktorkern und den Brennelementen. Er muss allerhöchsten Qualitätsanforderungen genügen. Der Sicherheitsnachweis, dass er Störfällen standhalten kann, darf praktisch keine Unsicherheiten aufweisen.

Zweifel am Sicherheitsnachweis

Bereits in den Jahren 2010 und 2011 gab es aufgrund unerwartet hoher Versprödung Probleme mit dem Sicherheitsnachweis des Reaktordruckbehälters von Beznau 1. Dann wurden im Jahr 2015 zusätzliche Materialfehler im Reaktordruckbehälter entdeckt. Der Betreiber Axpo musste erneut nachweisen, dass der Reaktordruckbehälter auch bei Eintritt eines Thermoschockstörfalls intakt bleibt, das heißt, wenn Notkühlwasser einströmt und sich die Temperatur schnell und schockartig verändert. Axpo benötigte drei Jahre, um diesen Nachweis zu bringen. Der Betreiber verwendete hierbei Verfahren, die neu und nicht ausreichend erprobt sind und daher in der angewendeten Art und Weise hohe Unsicherheiten aufweisen:

  • Das Ultraschallverfahren wurde nicht nur zur Entdeckung der Materialfehler verwendet, sondern auch zu ihrer Identifizierung als Aluminiumoxideinschlüsse. Das Ultraschallverfahren ist aber nicht geeignet, die Materialfehler hinsichtlich ihrer genauen Art zu bestimmen. Dies ist nur mit zerstörender Werkstoffprüfung möglich, die beim Reaktordruckbehälter nicht anwendbar ist.
  • Zur Absicherung der Ultraschallergebnisse wurde das als unsicher zu bezeichnende Verfahren der Root Cause Analyse (RCA) hinzugezogen. Die RCA sollte jedoch nur zur Schadensermittlung verwendet werden, aber nicht als Bestandteil eines Sicherheitsnachweises.
  • Die wesentlichste Problematik beim Sicherheitsnachweis des Reaktordruckbehälters besteht jedoch darin, dass repräsentative Materialproben fehlen. Der Betreiber hat versucht, ein Segment des Reaktordruckbehälters mit gleichartigen Materialfehlern neu herzustellen. Dieses Replikaverfahren, also der Versuch, mit einem Replikat die Materialeigenschaften eines 50 Jahre alten Reaktordruckbehälters nachbilden zu wollen, ist in dieser Form auch nach Aussage der Axpo ein völlig neuartiges – weltweit einmalig angewendetes – Verfahren. Beim Sicherheitsnachweis des Reaktordruckbehälters sind höchste Qualitätsanforderungen anzusetzen. Ein weltweit erstmalig eingesetztes Verfahren ist nicht ausreichend erprobt und kann diese Qualitätsstandards nicht erfüllen.
  • Die Materialtests an der Replika waren darüber hinaus nicht geeignet, da der Reaktordruckbehälter von Beznau 1 – im Gegensatz zu dem Nachbau – 50 Jahre durch die Bestrahlung versprödet wurde und hohen materialermüdenden thermischen und mechanischen Belastungen ausgesetzt war. Die Materialeigenschaften der Replika sind nicht eindeutig mit denen des Reaktordruckbehälters zu vergleichen.

Studie „Materialfehler im hochversprödeten Reaktordruckbehälter des Kernkraftwerks Beznau Block 1“ des Öko-Instituts