Sicherheitsstatus der Kernkraftwerke Fessenheim und Beznau ungenügend

18.10.2012

Im Vergleich zum Sicherheitsstatus deutscher Kernkraftwerke (KKW) weisen die Anlagen Fessenheim in Frankreich und Beznau in der Schweiz deutliche Defizite auf. Zum diesem Ergebnis kommt eine Analyse des Öko-Instituts im Auftrag des Umweltministeriums Baden-Württemberg auf Basis der Ergebnisse der EU-Stresstests für die KKW. Dabei verglichen die Expertinnen und Experten die ausländischen mit deutschen Anlagen anhand von Kriterien, die die Reaktorsicherheitskommission im vergangenen Jahr für ihre Sicherheitsüberprüfung aufgestellt hatte. Die Experten des Öko-Instituts analysierten Erdbeben, Überflutungen, den Ausfall der Strom- oder Kühlwasserversorgung im Reaktor selbst bzw. im Brennelementlagerbecken und identifizierten Schwachstellen der ausländischen Anlagen.

Sicherheitslücken: Beispiel Redundanz

Um die Sicherheit im Kernkraftwerk zu erhöhen, sind in deutschen KKW die relevanten Sicherheitssysteme vierfach vorhanden (redundant) und voneinander unabhängig. Fällt eines aus und ist gleichzeitig eines in Reparatur sorgen die verbleibenden zwei Systeme für die sichere Beherrschung von auftretenden Ereignissen.

In Fessenheim und Beznau ist der Redundanzgrad dagegen geringer. So kann oft zwar ein Einzelfehler beherrscht werden, dabei darf jedoch die redundante technische Einrichtung gerade nicht in Reparatur sein.

Auch sind die einzelnen Redundanzen nicht vollständig unabhängig. So greifen beispielsweise alle Einspeisesysteme für Kühlmittel, das im Falle des Überhitzens des Reaktors eingebracht werden muss, auf nur einen Behälter zu. Fällt dieser beispielsweise durch Beschädigungen bei einem Erdbeben aus, müsste nach Meinung der Experten mit massiven Problemen gerechnet werden. Auch das Brennelementlagerbecken, in dem benutzte Brennelemente gelagert werden, entspricht in Fessenheim und Beznau nicht dem Standard, dem in Deutschland alle Druckwasserreaktoren unterliegen. In den Nachbarländern werden die abgebrannten Brennelemente in einem separaten Gebäude und nicht wie in Deutschland innerhalb des Containments aufbewahrt. Letzteres sorgt jedoch für mehr Sicherheit, da bei einem Unfall freiwerdende radioaktive Stoffe im Containment zurückgehalten werden können.

Nachbesserungen beheben nicht grundsätzliche Sicherheitsrisiken

Zwar gab es über die Jahre seit der Errichtung der französischen und Schweizer Anlagen Nachbesserung. Auch sind in der Folge des Ereignisses in Fukushima zusätzliche Nachrüstungen geplant. So sollen mobile Pumpen und mobile Notstromdiesel angeschafft werden, um die Robustheit der Anlagen zu erhöhen. Doch sind vergleichbare Nachrüstungen auch in den deutschen Anlagen vorgesehen. Unabhängig davon bleibt das Sicherheitsniveau der untersuchten Anlagen im Vergleich zu den deutschen KKW niedriger.

Offene Fragen nach EU-Stresstest

Die Analyse der Wissenschaftler zeigt auch, dass viele sicherheitsrelevante Punkte in den umfangreichen EU-Stresstests nicht behandelt wurden. Interne Störfälle wie Brände auf dem Gelände der Anlage oder Kühlmittelverluststörfälle aber auch Sondersituationen wie beispielsweise ein Flugzeugabsturz, wurden nicht diskutiert. Um die Sicherheit in europäischen Kernkraftwerken zu erhöhen müssten auch für solche und andere Risiken entsprechende Analysen der europäischen Kernkraftwerke durchgeführt werden.

Studie "Analyse der Ergebnisse des EU-Stresstests der Kernkraftwerke Fessenheim und Beznau. Teil 1: Fessenheim" von Öko-Institut und Physikerbüro Bremen

Studie "Analyse der Ergebnisse des EU-Stresstests der Kernkraftwerke Fessenheim und Beznau. Teil 2: Beznau"“ von Öko-Institut und Physikerbüro Bremen

Pressemitteilung "Umweltministerium legt Sicherheitsgutachten zu den Atomkraftwerken in Fessenheim (Frankreich) und Beznau (Schweiz) vor" des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg

Ansprechpartner:

Dr. Christoph Pistner
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Nukleartechnik & Anlagensicherheit Öko-Institut e.V., Büro Darmstadt
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