Kernfrage Endlagerung

Hochradioaktive Abfälle sind über Zeiträume gefährlich, die sich menschlicher Vorstellungskraft entziehen. Je nach Halbwertszeit und Menge kann es Jahrhundertausende oder Jahrmillionen dauern, bis ein radioaktives Element soweit zerfallen ist, dass von ihm keine inakzeptable Strahlenbelastung für Mensch und Umwelt mehr ausgeht. Kein von Menschenhand errichtetes Gebäude, keine Anlage, keine Technik und auch keine gesellschaftliche Institution kann eine sichere Verwahrung derartiger Abfälle über solch lange Zeiträume gewährleisten. Einige Hundert Jahre wäre hier schon ein großer Erfolg.

Deshalb gibt es zu einer Endlagerung in tiefen geologischen Formationen aus Sicht des Öko-Instituts keine langfristig wirksame Alternative. Radioaktive Abfälle sollen dem tiefen Untergrund anvertraut werden – in dichten und langzeitstabilen geologischen Verhältnissen. Solche Formationen sind in Deutschland vorhanden. Ihre geologische Geschichte zeigt über sehr lange Zeit keine großen Veränderungen und auch gegenüber absehbaren zukünftigen Entwicklungen sind sie unempfindlich, unter anderem weil sie mächtig genug sind und tief genug liegen. Es ist denkbar, dass radioaktive Abfälle dort über sehr lange Zeiträume gegenüber der Biosphäre isoliert werden können. Mit den Methoden der Geowissenschaften ist für einen gut geeigneten Standort eine Prognose über einen Zeitraum von einer Million Jahre grundsätzlich möglich. Die Wissenschaft traut sich zu, an einem gut geeigneten Standort nach umfangreichen Untersuchungen eine Prognose abzugeben, dass die Abfälle dort mindestens eine Million Jahre lang sicher untergebracht werden können.

Für die hochradioaktiven Abfälle aus den Kernkraftwerken in Deutschland ist noch kein Standort festgelegt, an dem ein Endlager eingerichtet werden soll. Mit dem im Juli 2013 in Kraft getretenen Standortauswahlgesetz hat die deutsche Politik jetzt die Herausforderung angenommen: In einem vergleichenden wissenschaftlichen Verfahren soll ein Standort ausgewählt werden, der geeignete Bedingungen für ein Endlager bietet und Mensch und Umwelt vor der gefährlichen Wirkung hochradioaktiver Stoffe schützt.

Das Öko-Institut arbeitet seit vielen Jahren zu den verschiedensten Aspekten der Endlagerung und hat umfassende Kompetenzen in diesem Themengebiet aufgebaut. Der nachfolgende Text gibt einen Einstieg ins Thema Endlagerung: die technischen Anforderungen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Hinweise auf ausgewählte Forschungsvorhaben und weiterführende Informationen finden Sie am Ende des Textes.

Schwach-, mittel- und hochradioaktiv: Welche Abfälle müssen wie gelagert werden?

Radioaktive Abfälle unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung, Halbwertszeit und Aktivität: Sie sind immer eine Mischung verschiedener radioaktiver Stoffe (Radionuklide). Die Halbwertszeit, also die Zeit, in der die Hälfte der Menge eines radioaktiven Stoffes in andere, teils ebenfalls radioaktive, Stoffe zerfällt, bestimmt die Langlebigkeit des radioaktiven Stoffes. Die Aktivität beschreibt die Anzahl der Kernzerfälle pro Zeiteinheit und die dabei freigesetzte thermische Energie die Wärmeentwicklung. Anhand dieser Eigenschaften werden radioaktive Abfälle klassifiziert und müssen unterschiedlich behandelt werden.

Dabei ist in Deutschland die Wärmeentwicklung der Abfälle entscheidend für die Art der Endlagerung. Radioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung entstehen in Kernkraftwerken und anderen kerntechnischen Anlagen im Betrieb sowie bei Wartungs- und Reparaturarbeiten sowie bei ihrem Rückbau. Sie entstehen außerdem durch die Anwendung von Radionukliden in der Forschung, der Medizin und der Industrie.

Für radioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung ist derzeit das Endlager Schacht Konrad in der Nähe von Salzgitter im Bau. Das ehemalige Eisenerzbergwerk Schacht Konrad soll nach 2019 in Betrieb genommen werden. Außerdem gibt es in Deutschland das aus DDR-Zeiten stammende, bis 1998 noch genutzte, ehemalige Salzbergwerk Endlager Morsleben, für das die Stilllegung beantragt ist, sowie das gescheiterte Endlager Asse II. Dieses wurde ebenfalls in einem ehemaligen Salzbergwerk errichtet, aus dem im Zuge der Stilllegung die in den 1960er und 70er Jahren „endgelagerten“ radioaktiven Abfälle geborgen werden sollen.

Einige langlebige, schwach radioaktive Abfälle wie sogenannte Urantails (abgereichertes Uran aus der Urananreicherung) oder graphithaltige Abfälle eignen sich nicht zur Endlagerung im Schacht Konrad, deshalb ist nach derzeitiger Sachlage die Art ihrer Endlagerung ungeklärt.

Wärmeentwickelnde radioaktive Abfälle, wie abgebrannte Brennelemente aus den Kernkraftwerken und verglaste Spaltproduktlösung aus der Wiederaufarbeitung von Brennelementen sind hochradioaktiv und überwiegend sehr langlebig. Ihre Endlagerung stellt besonders hohe Ansprüche an die Langzeitsicherheit. Ein Endlager für diese Abfälle existiert in Deutschland bisher nicht. Die Suche nach einem geeigneten Standort hat in Deutschland mit der Verabschiedung des Standortauswahlgesetztes neu begonnen.

Einschluss „für immer“ – Herausforderung Endlagerung

Zur Endlagerung hochradioaktiver Abfälle in tiefen geologischen Formationen gibt es keine langfristig sichere und ethisch vertretbare Alternative. Die extrem langen Zeiträume, über die die radioaktiven Stoffe gelagert werden müssen, werfen eine Reihe schwieriger Fragen auf: Ist es sicherheitstechnisch überhaupt möglich für einen solchen Zeitraum verlässliche Aussagen zu treffen? Werden künftige Generationen mit dem Stand der heutigen Technik ausreichend geschützt? Welchen Handlungsspielraum sollen spätere Generationen im Umgang mit den Abfällen haben ohne sie zu belasten?

Wie das Beispiel Asse zeigt, können auf dem Weg zu einem Endlager viele Fehler gemacht werden. Trotzdem ist sich die Fachwelt einig: Nur die unterirdische Lagerung der hochradioaktiven Abfälle bringt den nötigen Schutz über lange Zeiträume. Geologische Barrieren sollen dabei verhindern, dass gefährliche Strahlung an die Erdoberfläche dringt. Zusätzliche technische Barrieren sollen dort helfen, wo die geologische Barriere durch das Endlager selbst unterbrochen wurde – je nach Konzept nur so lange, bis das Gestein diesen Weg in die Biosphäre selbst „verheilt“ hat.

Die Wahl des Standortes für ein tiefes geologisches Endlager muss sorgfältig zu definierenden Kriterien genügen. So muss das Endlager in einem stabilen geologischen Umfeld liegen, klimatische Veränderungen wie etwa mögliche Eis- oder Warmzeiten überstehen, aber auch vor Angriffen oder Missbrauch geschützt sein. Der Endlagerstandort muss größtmögliche passive Sicherheit bieten. Das heißt, der Erhalt des sicheren Einschlusses der Abfälle darf nicht von aktiven Schutzmaßnahmen durch Generationen von Menschen abhängig sein.

Wir können als Menschen und als Gesellschaft nicht gewährleisten, dass die Abfälle über eine Million Jahre sicher verwahrt und überwacht werden. Ein tiefes unterirdisches Endlager berücksichtigt dies: Die Entscheidung zum endgültigen Verschluss des Endlagers verzichtet bewusst auf langfristige Kontrolle. Wichtigste Voraussetzung hierfür: Das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Endlagers muss gegeben sein. Eine Phase der Überwachung, in der die Abfälle noch aus dem Endlager zurückgeholt werden können, kann dazu beitragen, die Entscheidung zum endgültigen Verschluss auf Basis ergänzender Informationen zu treffen. Selbstzweck oder ein Ersatz für die Endlagerung kann sie nicht sein.

Anforderungen an die Standortsuche – Standortauswahlgesetz

Verhandlungen zwischen Bund, Ländern und den politischen Parteien zur Realisierung eines Endlagers für wärmeentwickelnde Abfälle haben nach zahlreichen Anläufen seit den 1970er Jahren im Juli 2013 zu der Verabschiedung eines Standortauswahlgesetzes durch den Deutschen Bundestag und den Bundesrat geführt. Es orientiert sich an den in der Vergangenheit gewonnen Erkenntnissen, einem parteiübergreifenden politischen Konsens sowie an internationalen Erfahrungen aus Finnland, Schweden, Frankreich oder der Schweiz.

Das Standortauswahlgesetz sieht einen auf wissenschaftlichen Kriterien basierenden schrittweisen Prozess vor, der in jeder Stufe weiter auf den bestmöglichen Standort einengt. Jede Entscheidung wird durch Bundesgesetz abgeschlossen und entfaltet so eine hohe Bindungswirkung.

Aus wissenschaftlicher Sicht müssen verschiedene geowissenschaftliche und raumplanerische Mindestanforderungen und Kriterien aufgestellt werden, die von potenziellen Endlagerstandorten erfüllt werden müssen, um die Voraussetzungen für ein sicheres Endlager zu schaffen. Der Gebirgsbereich, der die Abfälle künftig einschließen soll, muss sehr sorgfältig ausgewählt und geprüft werden. Dafür müssen alle in Deutschland möglichen Standortoptionen mit den unterschiedlichen Wirtsgesteinen (Steinsalz, Tonstein, ggf. Granit) berücksichtigt werden. Jedes Wirtsgestein hat seine spezifischen Vor- und Nachteile und bedarf eines angepassten Endlagerkonzepts. Aber auch jeder potentielle Endlagerstandort hat seine spezifischen Bedingungen, die schließlich nach definierten Kriterien miteinander verglichen werden müssen. So wird schrittweise die bestmögliche Option ermittelt.

Unumgänglich: Transparenz und die Beteiligung der Öffentlichkeit

Auch das Verfahren, nach dem der Vergleich und die Auswahl potenzieller Standorte erfolgen, braucht klare Kriterien und Regeln. Die umfassende Information und Beteiligung der Öffentlichkeit sind wesentliche Bestandteile dieses Prozesses. Klare Strukturen, definierte Auswahlkriterien und Haltepunkte sind unerlässlich, um den Ablauf für die Öffentlichkeit nachvollziehbar zu gestalten und Beteiligung zu ermöglichen.

Essentiell ist außerdem der Dialog „auf Augenhöhe“. Nur wer die Möglichkeit erhält, sich umfassend und offen über die Entwicklungen und das Verfahren zur Endlagersuche zu informieren, hat eine faire Chance seine Meinung einzubringen und gehört zu werden. Hierzu gehört auch die Möglichkeit, die im Verfahren getroffenen Entscheidungen zu kontrollieren und nachzuvollziehen, oder auf Fehlentwicklungen hinzuweisen und die Einhaltung von Kriterien einzufordern. Dies ist Voraussetzung, damit die getroffenen Entscheidungen von den Bürgerinnen und Bürgern als demokratisch legitimiert empfunden und anerkannt werden.

Das Standortauswahlgesetz sieht Maßnahmen zur Öffentlichkeitsbeteiligung vor. Diese soll als lernendes System angelegt werden, das nicht starr nach „Schema F“ abläuft sondern neue Wege und Entwicklungen zulässt. Auf jeden Fall soll der Öffentlichkeit von Beginn an Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben werden. Die Stellungnahmen sind auszuwerten und im weiteren Verfahren zu berücksichtigen.
Im nächsten Schritt müssen diese Grundsätze mit Leben gefüllt werden!

Weitere Informationen

Wie geht es weiter mit der Asse II? Informationspaket des Öko-Instituts
Website „Streitpunkt Kernenergie“ mit ausführliche Informationen zu den Themen Sicherheit, Kosten, Klimaschutz und vieles mehr mit Bezug auf die Kerntechnik.
Atommüll Nein Danke! - Die ewige Suche nach einem Endlager
Stefan Alt als Studiogast bei ‚Dossier Politik‘, Bayern 2, Juni 2013
"Das Endlager muss für Millionen Jahre sicher sein!"
Interview mit Michael Sailer, Deutsche Welle, April 2013
Monitoring als Baustein für die Entscheidungsfindung in Endlagerprojekten
Beate Kallenbach-Herbert und Stefan Alt zur Überwachung von Endlagern, in Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis, Dezember 2012
Einbetonieren oder Ausräumen?
Michael Sailer zur Asse im Technology Review, Mai 2012
Internationale Standards einer Öffentlichkeitsbeteiligung
Tagungsbeitrag von Beate Kallenbach-Herbert in der Evangelischen Akademie Loccum, Juni 2012
Kein Fass ohne Boden
Essay von Michael Sailer in der Financial Times Deutschland, Februar 2012 (kostenpflichtiger Inhalt der FTD)