„Vom Atommülllager Asse lernen wir, wie man es nicht machen sollte“

Das Bild zeigt Beate Kallenbach-Herbert

Das marode Atommülllager Asse soll dicht gemacht werden. Doch was passiert mit dem strahlenden Müll: Herausholen, Umlagern in neue Bergwerkschächte oder Verfüllen der Lager mit Spezialbeton? Das Öko-Institut begleitet fachlich und organisatorisch das Wettrennen um die Zeit. Dazu im Interview: Beate Kallenbach-Herbert, Bereichsleiterin Nukleartechnik und Anlagensicherheit.

Frau Kallenbach-Herbert, gelangt zur Zeit Radioaktivität ins Grundwasser?
Nein, zur Zeit kommt keine radioaktive Salzlösung ins Grundwasser. Die ins Bergwerk eintretenden Lösungen werden abgepumpt und sind nur weit unter den Grenzwerten kontaminiert.

Was waren Ihre ersten Schritte?
Der Landkreis Wolfenbüttel war 2007 mit den Plänen des damaligen Betreibers zur Schließung der Asse nicht einverstanden. Wir haben dann ein Vorgehen entwickelt, um alle Interessensgruppen konstruktiv an einen Tisch zu bringen. Seit Januar 2008 gibt es die Begleitgruppe Asse II, in der zum Beispiel Vertreter der regionalen Bürgerinitiativen sitzen. Wir sind als Beobachter dabei. Das Bundesumweltministerium (BMU) und der jetzige Betreiber, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), diskutieren mit der Begleitgruppe fachliche und organisatorische Fragen zur Schließung.

Ist es realistisch, die 126.000 Fässer bis 2020 heraus zu holen, so wie es das BfS plant?
Selbst unter sehr günstigen Bedingungen – alle Fässer sind unversehrt und mit Maschinen leicht abzutransportieren – halte ich diesen Zeitplan für zu optimistisch. Wir wissen derzeit noch zu wenig über den Zustand der Fässer, die Höhe der Kontaminationen etc. Darum ist eine Zeitprognose heute praktisch unmöglich. Allein die derzeitigen Planungen zu Voruntersuchungen einer einzelnen Kammer werden fast ein Jahr dauern.

Was ist das beste Vorgehen?
Prinzipiell wissen alle Beteiligten über alle drei Optionen zu wenig. Parallel zur Rückholungs-Untersuchung müssen die Pläne zur Schließung der Asse ohne die Abfälle zuvor herauszuholen, optimiert werden, damit das BfS bei Einsturzgefahr schnell reagieren kann. Dafür bewerten wir für das BMU zum Beispiel Gutachten über die Schließungsoptionen.

Nachher ist man immer schlauer: Was haben Sie von Asse gelernt, was für zukünftigen Atommüll-Umgang wichtig ist?
Es zeigt sich, wie wichtig eine vernünftige Regelung der Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten der Beteiligten ist. Unabhängige Behörden müssen auf Augenhöhe mit dem Betreiber alle Schritte begleiten und kontrollieren. Sie brauchen dazu  entsprechende Zuständigkeiten, Kenntnisse und Ressourcen. Das war bei Asse nicht der Fall, zunächst ist es nach Bergrecht und erst ab 2008 nach Atomrecht abgewickelt worden. Zudem ist eine breite Fachszene wichtig, die unterschiedliche Meinungen diskutiert. Im Fall Asse gab es ja ein Gutachten, das auf die heutige Situation hinwies – doch die damalig Involvierten sind dem nicht adäquat nachgegangen. Das hätte ein breit angelegter Prozess wahrscheinlich verhindern können. Wir entwickeln jetzt aufgrund unserer Erkenntnisse auch Empfehlungen für mögliche zukünftige Verfahren in anderen Regionen.

Vielen Dank für das Gespräch.