Nachhaltige Produktentwicklung mit Ökobilanzen und Product Carbon Footprints

Jedes einzelne Produkt – sei es als Ware oder Dienstleistung – verursacht in allen Phasen der Produktion, im Gebrauch bzw. der Verbrauchs- und Nutzungsphase sowie zuletzt bei seiner Entsorgung jeweils spezifische Umweltwirkungen. 

Unternehmen tragen die Verantwortung für die Herstellung umweltfreundlicher Produkte. Damit Hersteller und Unternehmen die für Umwelt und Klima kritischsten Stellen im Lebensweg eines Produktes verorten können, bedarf es zunächst einer objektiven Bestandsaufnahme: Wo und wann entstehen welche Umweltauswirkungen und wie können diese beispielsweise durch eine geeignete Produktentwicklung oder eines angepassten Produktportfolios reduziert werden? 

Ökobilanz und Product Carbon Footprints: von der Wiege bis zur Bahre

Hinweise hierfür liefert eine Ökobilanz. Sie gliedert ein Produkt in einzelne Lebensabschnitte – von der Produktion über die Nutzung bis hin zur Entsorgung - und quantifiziert die jeweiligen Umweltaspekte und produktspezifischen potentiellen Umweltwirkungen  bestmöglich. Während eine Ökobilanz eine breite Palette an möglichen Auswirkungen auf Umwelt und Klima offen legt – wie das Treibhaus-, das Eutrophierungs- und Versauerungspotential oder Feinstaub-Risiken – beschränkt sich eine Berechnung des CO2 -Fußabdrucks (Product Carbon Footprint, PCF) auf die Treibhausgasemissionen.

Der zentrale Gedanke von Ökobilanzen und Berechnungen von CO2-Fußabdrücken liegt darin, die Hot Spots auf dem Lebensweg von Produkten zu identifizieren um auf Basis der Erkenntnisse an den größten Schwachpunkten zu optimieren. Bildet bei dem einen Produkt die Versauerung des Bodens in einem seiner Produktionsschritte die Spitze in der Rangordnung seiner negativen Umweltwirkungen, liegen bei anderen Produkten die Treibhaus- und Feinstaubemissionen oder der Verlust der Biodiversität vorn.

Bei einer Ökobilanz werden Produkte als komplexe Systeme oder „Produktbäume“ betrachtet und all ihre relevanten Energie- und Materialströme berücksichtigt.

International genormte Methode zur Analyse der Umweltaspekte

Ein Kernelement einer jeden Ökobilanz sind die so genannten „Systemgrenzen“. Da sich die „Produktbäume“ verästeln können, ist es bei jeder Studie unabdingbar, sogenannte Abschneidekriterien anzuwenden, also transparent und begründet zu entscheiden, welche Enden der Produktbäume aus den Berechnungen ausgeschlossen werden. Mit welchen Methoden und Voraussetzungen solche Grenzen sinnvoll gezogen werden, ohne wichtige Erkenntnisse zu vernachlässigen, sowie andere methodische Grundlagen sind Inhalt der Norm DIN EN 14040 der International Standard Organisation (ISO).

Sie regelt Grundsätze und Rahmenbedingungen zur Erstellung von produktbezogenen Ökobilanzen und legt unter anderem die vier Schritte fest, die bei einer Ökobilanz gegangen werden müssen: Nach der Phase der Festlegung von Ziel und Untersuchungsrahmen wird eine Sachbilanz gezogen, Wirkungen abgeschätzt und diese schließlich insgesamt ausgewertet. Die DIN EN ISO-Norm 14044 regelt darüber hinaus die Anforderungen und Anleitungen im Detail.

Einen wesentlichen Beitrag für die heutige Standardisierung von Ökobilanzen lieferte das Öko-Institut bereits vor rund 25 Jahren mit der Produktlinienanalyse.

Nachhaltige Fischzucht mit alternativen Aquakulturanlagen

Auf Basis von Ökobilanzen untersucht das Öko-Institut derzeit, wie groß der Gewinn für die Umwelt bei nachhaltigen Aquakultursystemen gegenüber herkömmlichen Anlagen tatsächlich ist. So sollen potentielle ökologische Probleme der Wachstumsbranche frühzeitig erkannt und vermieden werden: In Zuchtanlangen in Südostasien werden beispielsweise großflächig Mangrovenwälder gerodet, Gewässer durch Fischkot und Futterreste belastet und Frischwasser in Mengen verbraucht.

Das Öko-Institut begleitet zehn von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützte Forschungsvorhaben wissenschaftlich und bewertet diese unter Nachhaltigkeitskriterien. Ein Schwerpunkt hierbei liegt darin, die Fischzucht in geschlossenen Kreislaufanlagen an Land zu verbessern. Aber auch die Einführung neuer Arten als Speisefische oder Möglichkeiten einer umweltfreundlicheren Futtermittelproduktion sind Ansatzpunkte des zweijährigen Forschungsprojektes.

Product Carbon Footprint: CO2 - Spurensuche in Alltagswaren

Um Treibhausgasemissionen ging es im Pilotprojekt Product Carbon Footprint, in dem das Öko-Institut, der WWF Deutschland, das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung sowie THEMA1 mit zehn großen Unternehmen zusammen gearbeitet haben. Dabei wurden die CO2-Fußabdrücke von zehn Produkten des alltäglichen Konsums berechnet.

Die Erfassung und Analyse von spezifischen Treibhausgasemissionen konkreter Produkte sollte zum einen den Unternehmen helfen, ihre Emissionen im Wertschöpfungsprozess zu optimieren. Ziel des Projektes war es zum anderen, Möglichkeiten auszuloten, wie Verbraucherinnen und Verbraucher möglichst einfach und glaubwürdig Information hinsichtlich der Klimaverträglichkeit einzelner Produkte erhalten.

Das Öko-Institut gewährleistete bei diesem Pilotprojekt, dass produktspezifische Treibhausgasemissionen wissenschaftlich fundiert und nach international anerkannten methodischen Grundlagen ermittelt und Anforderungen an eine produktspezifische Kommunikation erarbeitet wurden.

Die Ergebnisse des Pilotprojekts flossen unter anderem in ein Memorandum des Umweltbundesamts und Umweltministeriums sowie in einen Leitfaden des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) ein.

Das Beispiel Kaffee: Anbau und Zubereitung haben größten CO2-Fußabdruck

Welche Chancen sich hinter Berechnungen des CO2-Fußabdruckes verbergen, veranschaulicht das Beispiel der Kaffeesorte „Tchibo Privat Kaffee Rarität Machare“ aus Tansania: Während man hier zuerst an hohe transportbedingte Emissionen denken mag, zeigt doch die Analyse, dass der Anbau auf der Farm mit circa 59 Gramm CO2-Äquivalenten pro Tasse Kaffee und 56 Prozent den mengenmäßig größten Anteil in der Bilanz hat. Überraschenderweise folgt dann bereits die Zubereitung mit etwa 30 Prozent. Alle Transporte entlang der Wertschöpfungskette haben zusammen mit der Röstung und Verpackung des Kaffees in Summe hingegen mit rund 12 Prozent einen vergleichsweise geringeren Anteil.

CO2-Labels greifen zu kurz

Auch die anderen Beispiele bergen Überraschungen: So bestimmt beispielsweise beim Henkel-Waschmittelprodukt „Persil Megaperls“ zu einem großen Anteil die vom Nutzer gewählte Waschtemperatur die Höhe des CO2-Fußabdrucks. Hier fallen mehr als 70 Prozent, nämlich circa 510 Gramm CO2-Äquivalente an – bei einer durchschnittlichen Waschtemperatur von 46 Grad Celsius.

An diesem Beispiel wird klar: Die insbesondere in Großbritannien und Frankreichintensiv diskutierte Option, Verbraucherinnen und Verbrauchern die Klimaverträglichkeit von Produkten anhand einer generellen CO2-Auszeichnung zu kommunizieren, ist nicht zielführend. Was nutzt ein Zahlenwert auf einem Waschmittel ohne den Hinweis, dass es der Einzelne mit seinem Waschverhalten ist, der zu einem großen Teil für die Höhe des CO2-Fußabdrucks verantwortlich ist? Ein besserer Ansatz könnte hier sein, die Gesamtzahl nach Phasen wie Produktion, Nutzung und Entsorgung aufzuschlüsseln, um dem Verbraucher so zu verdeutlichen, welche Relevanz sein Nutzungsverhalten oder beispielsweise der lange Gebrauch einer Ware hat. In diesem Zusammenhang untersucht derzeit das Öko-Institut gemeinsam mit der TU Berlin, wie das Konzept des CO2-Fußabdrucks in bestehende Umweltzeichen integriert werden könnte.-

Chancen für Hersteller und Firmen

Für Firmen und Hersteller können Ökobilanzen und Product Carbon Footprints wesentliche Pfeiler einer ökologisch nachhaltigen Produktionsweise sein. Rohstoffe und Energie effizienter einzusetzen, den Materialverbrauch zu mindern und die Materialauswahl zu optimieren sind Beispiele, wie auf Firmenseite Umweltwirkungen reduziert werden können.

Darüber hinaus dienen solche Berechnungen einer glaubwürdigen Verbraucherkommunikation über die Klimaverträglichkeit von Produkten. Denn, dies zeigen Untersuchungen, in den letzten Jahren legen Konsumentinnen und Konsumenten einen steigenden Wert darauf zu wissen, wie grün ein Produkt tatsächlich ist.