„Deutschland 2049 – Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Rohstoffwirtschaft“

Energiewende, steigender Konsum, neue Infrastrukturen: Der Bedarf nach Rohstoffen wie Bau- und Industriematerialien sowie Metallen ist nicht nur deutschlandweit hoch, sondern steigt im globalen Maßstab durch das Wachstum der Schwellen- und Entwicklungsländer. Gleichzeitig ist die Förderung vieler Rohstoffe häufig mit gravierenden negativen sozialen und ökologischen Folgen im Inland und im Ausland verbunden. Es werden Waldflächen gerodet und Böden erodieren; beim Goldabbau kommt Quecksilber zum Einsatz und gelangt in Böden und Trinkwasser; es besteht zum Teil kein oder nur rudimentärer Arbeitsschutz im artisanalen Bergbau in vielen Entwicklungsländern – um nur einige Beispiele der negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen der globalen Primärgewinnung zu nennen.

Eigenprojekt „Deutschland 2049“

Zwar formuliert die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung die Verdopplung der Rohstoffproduktivität bis 2020, jedoch fehlen rohstoffspezifische Ziele und konkrete Maßnahmen, wie den zukünftigen Herausforderungen begegnet werden soll. Eine solche Gesamtstrategie zu entwickeln, ist das Ziel des Forschungsprojekts „Deutschland 2049 – Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Rohstoffwirtschaft“, welches das Öko-Institut mit eigenen Mitteln finanziert. Der Grundgedanke: Eine nachhaltige Rohstoffstrategie muss die sichere Versorgung mit Rohstoffen ebenso im Blick behalten wie auch umweltgerechte und sozialverantwortliche Bedingungen, unter denen der Rohstoffbedarf für Deutschland gedeckt werden kann. Mit Hilfe von Szenarien – Rohstoffwende-Szenario versus Business-As-Usual-Szenario – werden rohstoffspezifische negative soziale, ökologische und ökonomische Auswirkungen des deutschen Rohstoffbedarfs untersucht sowie konkrete rohstoffspezifische Ziele, Maßnahmen und Instrumente für den Weg hin zu einer nachhaltigen Rohstoffwirtschaft formuliert. Diese wurden in Expertenworkshops mit Vertretern aus Politik, Industrie und Zivilgesellschaft diskutiert und weiterentwickelt.

Rohstoffbeispiele Kies und Neodym

Im Projekt „Deutschland 2049“ definiert das Öko-Institut erstmals für verschiedene Rohstoffgruppen die sozialen und ökologischen Auswirkungen von Förderung, Aufbereitung und Verarbeitung von Rohstoffen im In- und Ausland. Für besonders negative Folgen, so genannte „HotSpots“, leitet das Forschungsteam rohstoffspezifische Ziele ab, die je nach Herausforderung Maßnahmen und Änderungen auf der Angebots- bzw. der Nachfrageseite bewirken. Zwei Beispiele:

Fokus Kies

Die Analyse des Rohstoffs Kies macht deutlich, dass für eine Rohstoffwende der Bedarf des heimischen Primärbaustoffs deutlich sinken muss. Der Abbau in Kiesgruben nimmt viel Fläche in Anspruch und zerstört intakte Landschaften und damit Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Das „Rohstoffwende-Szenario“ nimmt deshalb an, dass durch eine längere Nutzung von Bestandsgebäuden über eine vorausschauende Sanierung der Neubaubedarf zurückgeht. Zusätzlich soll bei der Errichtung neuer Bauten mehr Sekundärmaterial, also etwa Betonbruch als Kiesersatz, verwendet werden. Beides soll dazu beitragen, dass künftig weniger Primärkies in Tagebauen gefördert werden muss.

Fokus Neodym

Das Seltene Erden Metall Neodym hingegen wird eher in geringen Mengen verwendet und kommt vor allem für die Permanentmagnete in Elektromotoren zum Einsatz. Bei seiner Gewinnung vor allem in China entstehen Umwelt- und Gesundheitsrisiken durch den unsachgemäßen Umgang mit Rückständen, die Schwermetalle und radioaktive Elemente enthalten. Für die nachhaltige Nutzung von Neodym ist deshalb eine Zertifizierung nachhaltig geförderter Rohstoffe, die auf einen bewussten Umgang mit diesen Abfällen setzt, besonders wichtig. Zudem soll künftig mehr recyceltes Neodym als Sekundärmaterial zum Einsatz kommen und auch eine längere Lebensdauer insbesondere von IT-Produkten kann den Bedarf an Neodym zusätzlich senken.

Denkverbote überwinden, politischen Willen stärken

Eine Rohstoffwende in Deutschland ist möglich und machbar. Dafür braucht es neben den vorgelegten Analysen und ersten Vorschlägen für politische Instrumente vor allem den Willen, ein „Weiter so“ in der Rohstoffpolitik zu stoppen. Vielmehr müssen Denkverbote überwunden werden und innovative sowie abgestimmte Maßnahmen auf europäischer Ebene dazu beitragen, dass die Rohstoffbranche eine nachhaltige und transparente Materialversorgung sicherstellen kann. Dies trägt nicht zuletzt dazu bei, dass sich Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in rohstoffproduzierenden Ländern verbessern und dass negative Auswirkungen auf die Umwelt verhindert werden.