Szenarien für einen klimaneutralen Verkehr: Welche Maßnahmen führen zum Ziel?

Der Beitrag des Verkehrssektors zur Erreichung der Klimaschutzziele ist nach wie vor unbefriedigend. Die CO2-Emissionen sind im Gegensatz zu anderen Sektoren, wie Energie oder Gebäude, seit dem Referenzjahr 1990 kaum gesunken und steigen in den letzten Jahren sogar an. Die Herausforderungen sind gewaltig, soll der verkehrsbedingte Treibhausgasausstoß doch laut Klimaschutzplan der Bundesregierung bis 2030 um 40 bis 42 Prozent gegenüber 1990 zurückgehen. Bis zum Jahr 2050 muss der Verkehrssektor klimaneutral sein.

Die Größe der Aufgabe erfordert ein strategisches Vorgehen. Mit Hilfe von Szenarien lässt sich darstellen, welche Maßnahmen und Instrumente welche konkreten Beiträge zum Klimaschutz erbringen können und wie die Kombination verschiedener Instrumente sich auswirkt.

Szenarien zeigen mögliche Entwicklungspfade auf

Das Öko-Institut hat in verschiedenen Forschungsprojekten Szenarien entwickelt. Diese zeigen Strategien für die Klimapolitik auf, die mit jeweils unterschiedlichen Weichenstellungen (zum Beispiel effizientere Fahrzeuge, Verkehrsverlagerung, neue Treibstoffe) bzw. Kombinationen dieser Strategien zum Ziel führen.

Verschiedene Entwicklungspfade werden ausführlich analysiert: Steht genügend Strom aus erneuerbaren Energien zur Verfügung, um ganze Fahrzeugflotten auf Elektromobilität umzustellen? Welche Optionen sind im Güterverkehr besonders vielversprechend? Dabei spielen auch Faktoren wie die volkswirtschaftliche Bilanz, die Lebensqualität in den Städten oder die Umsetzbarkeit von Maßnahmen eine Rolle.

Zielführend: Kombination verschiedener Klimaschutz-Maßnahmen

Der Handlungsbedarf im Verkehrssektor ist so hoch, dass in allen Szenarien eine Kombination von Maßnahmen analysiert wird. Richtet man die politischen Rahmenbedingungen beispielsweise lediglich auf den Einsatz von effizienteren Fahrzeugen und Elektromobilität aus, sinken die Emissionen bis 2030 um maximal 30 Millionen Tonnen. Zur Erreichung der Klimaziele ist das nicht ausreichend, weitere 20 bis 30 Millionen Tonnen Reduktion müssen durch andere Instrumente erzielt werden.

Grundsätzlich bietet eine ambitionierte Klimapolitik im Verkehrssektor neben dem Umweltaspekt auch volkswirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Chancen. Dies zeigt eine Vielzahl von Studien und Forschungsprojekten, an denen das Öko-Institut beteiligt ist.

Studie: Klimaschutz im Verkehr – Maßnahmen zur Erreichung des Sektorziels

Um die Emissionen im Verkehrssektor nachhaltig zu reduzieren und die Klimaschutzziele zu erreichen, ist ein Mix von ambitionierten Maßnahmen erforderlich. Im Auftrag von Agora Verkehrswende haben das Öko-Institut und ICCT (International Council on Clean Transportation) erforscht, welche Instrumente der Verkehrspolitik zur Verfügung stehen, wie viele Tonnen Treibhausgase sie jeweils vermeiden und welche Kombinationsmöglichkeiten denkbar sind.

Mindestens 48 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente beträgt die „Klimaschutzlücke“ zwischen den Minderungszielen bis 2030, zu denen sich die Bundesregierung verpflichtet hat, und dem prognostizierten Treibhausgasausstoß, wenn keine weiteren Maßnahmen ergriffen werden.

Klimaschutzwirkungen von insgesamt zwölf Instrumenten analysiert

Für jeden Instrumententyp untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedene Ambitionsniveaus. So bringt eine Pkw-Maut auf Autobahnen in Höhe von zwei Cent pro Kilometer eine Reduktion um 1,8 Millionen Tonnen CO2 bis 2030. Erhöht man die Maut auf vier Cent und weitet sie auf alle Straßen aus, sind es 12,8 Millionen Tonnen.

3,7 Millionen Tonnen Treibhausgase spart eine Angleichung der Dieselsteuer an die von Benzin, eine gleichzeitige Erhöhung um 15 Cent pro Liter senkt den Ausstoß um 9,2 Millionen Tonnen. Ein erheblicher Zusatznutzen für die Gesundheit der Bevölkerung entsteht durch Verkehrsvermeidung mittels der Förderung von ÖPNV, Rad- und Fußverkehr – zusätzlich zur Klimaschutzwirkung.

Drei Szenarien: Effizientere Fahrzeuge, Verkehrsvermeidung, klimaneutrale Treibstoffe

Drei Szenarien mit einer jeweils unterschiedlichen Kombination der Instrumente präsentiert die Studie und beleuchtet ihre mögliche Umsetzung. Die Schlussfolgerungen legen nahe, dass weder eine Elektrifizierung des Verkehrs mit erheblich effizienteren Fahrzeugen, noch Verlagerung und Reduktion der Verkehrsleistung und auch nicht der Einsatz von synthetischen Treibstoffen allein das Ziel erreichen kann. Vielmehr ist eine geschickte Kombination der einzelnen Bausteine notwendig.

Studie „Klimaschutz im Verkehr: Maßnahmen zur Erreichung des Sektorziels 2030“ von Öko-Institut und ICCT im Auftrag von Agora Verkehrswende

Projekt: Renewbility III – Optionen einer Dekarbonisierung des Verkehrssektors

Das Forschungsprojekt Renewbility erstellt Szenarien für eine vollständige Dekarbonisierung des Verkehrssektors bis 2050. Vollständig bedeutet, dass ausschließlich Strom oder strombasierte Kraftstoffe aus erneuerbaren Energien im Personen- und Güterverkehr zum Einsatz kommen. Die Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) bezieht auch den Luft- und Seeverkehr ein.

Neben dem Klimaschutzbeitrag betrachteten die Forscherinnen und Forscher die volkswirtschaftlichen Effekte der jeweiligen Szenarien. Elektromobilität, der moderate Einsatz von CO2-neutralen Kraftstoffen vor allem im Luft- und Seeverkehr, ein attraktiver ÖPNV und eine Ertüchtigung des Schienenverkehrs haben demnach langfristig deutlich positive Auswirkungen auf die Volkswirtschaft.

Klimaschutz-Szenarien im Verkehr mit dem Renewbility-Ergebnistool analysieren - zum Starten des Tools bitte Bild klicken.

Ein klimaneutraler Verkehrssektor ist möglich, es gibt verschiedene Optionen

Alle im Rahmen von Renewbility III betrachteten Szenarien führen bis 2050 zu einem Verkehrssektor, der keine Treibhausgase mehr emittiert. Dabei existieren verschiedene Wege zum Ziel. Eine tragende Säule ist die Elektromobilität, denn eine direkte Nutzung von regenerativ erzeugtem Strom ist der Verwendung strombasierter Kraftstoffe vorzuziehen, wann immer dies möglich ist.

Mehr Lebensqualität in autofreien Städten

In den Städten können veränderte Rahmenbedinungen eine deutliche Reduktion des individuellen motorisierten Verkehrs um rund 50 Prozent mit sich bringen. Attraktive Angebote im öffentlichen Personennahverkehr sowie für den Rad- und Fußverkehr in Kombination mit restriktiven Maßnahmen für den Pkw, wie beispielsweise der Verteuerung von Parkgebühren, führen zu einer Verkehrsverlagerung. Ein angenehmer Nebeneffekt ist eine Steigerung der Lebensqualität.

Volkswirtschaftlich gesehen sind die einzelnen Branchen unterschiedlich stark betroffen. Positive Impulse sind für die Stromerzeugung, im Dienstleistungs- und Bausektor und im öffentlichen Verkehr zu erwarten. Einbußen müssen unter andern die Mineralölbranche, die PKW-Produktion und die Luftfahrt hinnehmen. Insgesamt ist die Bilanz jedoch positiv und bietet neue Chancen.

Derzeit läuft die Folgestudie Renewbility IV und soll bis Ende 2019 noch stärker die Instrumente für mehr Klimaschutz im Verkehr fokussieren. Zudem berät das Forscherteam das BMU zur Ausarbeitung der Verkehrsziele für den Klimaschutzplan 2050 und zu den CO2-Grenzwerten für Pkw und schwere Nutzfahrzeuge im EU-Prozess.

Broschüre "Renewbility III - Optionen einer Dekarbonisierung des Verkehrssektors" unter der Leitung des Öko-Instituts und in Zusammenarbeit mit Institut für Verkehrsforschung im DLR, ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg, Infras Zürich

Endbericht "Renewbility III - Optionen einer Dekarbonisierung des Verkehrssektors" unter der Leitung des Öko-Instituts und in Zusammenarbeit mit Institut für Verkehrsforschung im DLR, ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg, Infras Zürich