Ausgabe: Dezember 2018, Die soziale Seite der Energiewende


Im Fokus

„Es müsste ein Ministerium für Energienachfrage geben.“

Interview mit Elizabeth Shove (Professorin für Soziologie an der Universität Lancaster)

Energieeffiziente Technologien und ein energiebewusstes Verhalten beeinflussen, wie viel Energie wir verbrauchen. Doch solche Ansätze hinterfragen nicht die sozialen Grundlagen der Energienachfrage. Aus der Sicht von Professor Elizabeth Shove braucht es umfassendere und tiefergehende Strategien, die auch Maßnahmen beinhalten, die zwar nicht direkt auf den Energieverbrauch ausgerichtet sind, diesen aber dennoch beeinflussen. Diese so genannten non-energy policies gibt es in der Arbeits- ebenso wie in der Gesundheits- oder der Bildungspolitik. Im Interview mit eco@work spricht die Soziologin von der Lancaster University (Großbritannien) und Mitgeschäftsführerin des Forschungszentrums DEMAND (Dynamics of Energy, Mobility and Demand) über einen notwendigen Wandel in der Energiepolitik ebenso wie über neue Aufgaben für die Forschung.

Professor Shove, können Sie Beispiele für nicht energiebezogene Maßnahmen nennen, die unsere Energienachfrage beeinflussen?

Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele, auf internationaler ebenso wie auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene – natürlich mit unterschiedlich starken Auswirkungen. Nehmen Sie zum Beispiel den Bausektor: Werden viele Einkaufszentren außerhalb von Städten genehmigt und errichtet, steigt der Energiebedarf für den Transport. Oder den Bildungsbereich: Die Einführung von Studiengebühren scheint bessere Services für die Studierenden mit sich gebracht zu haben – so rund um die Uhr geöffnete Bibliotheken, die einen entsprechenden Energiebedarf haben. Oder den Arbeitsmarkt: Verändern sich Arbeitszeitmodelle oder arbeiten die Menschen zunehmend zu Hause, hat das auch einen Einfluss auf die Energienachfrage. Wird im Zuge einer Digitalisierungsstrategie flächendeckend Breitband-Internet verlegt, wird sich auch das auf die Stromnachfrage auswirken.

Gibt es in der Politik ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge?

Ein Bewusstsein schon. Aber oft wird nicht danach gehandelt, in Politikfeldern wie Gesundheit oder Verteidigung liegt selten eine Priorität auf der Senkung der Energienachfrage. Zusätzlich wird wenig übergreifend gedacht und gehandelt. Der Fokus liegt sehr stark auf technischen Innovationen etwa mit Blick auf die Energieeffizienz oder individuellen Verhaltensänderungen bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Auch die Forschung neigt dazu in getrennten Disziplinen zu denken, und konzentriert sich meist darauf, das Energieangebot und nicht die Energienachfrage genauer zu analysieren.

Worauf führen Sie das zurück?

Zum einen ist dieses Feld so groß und komplex, dass die Frage, wo man anfängt und wie man vorgehen sollte, sehr schwer zu beantworten ist. Es ist sehr viel einfacher, über energieeffiziente Beleuchtung zu sprechen als über umfangreiche soziale und organisatorische Veränderungen. In der Politik werden Ziele und Prozesse meist nicht mit Blick auf den Klimawandel gestaltet – dabei wird es dringend neue Ideen brauchen, um diesem zu begegnen.

Wie könnte das konkret aussehen?

Die Energienachfrage muss zu einem übergreifenden Thema werden, wie es inzwischen etwa die Themen Gleichberechtigung und Diversität sind. Sie ziehen sich ja inzwischen auch durch alle Politik- und Wirtschaftsbereiche. Um das zu erreichen, müssen unterschiedliche Fachbereiche aber auch miteinander sprechen und zusammen arbeiten. Im Moment scheint sich aber niemand richtig dafür verantwortlich zu fühlen. Ein Ministerium für Energienachfrage, das alle Fragen bündelt und Prozesse in Gang setzt, könnte daher eine Lösung sein.

Und wo sind die Ansatzpunkte für die damit verbundene Forschung?

Es ist im ersten Schritt zentral, sich anzuschauen, wofür die Gesellschaft Energie verbraucht und wie sich Energieverbrauchspraktiken im Zeitverlauf und abhängig von den Rahmenbedingungen entwickeln und verändern. Erst wenn wir wissen, wie Energie in unterschiedlichen Anwendungen ganz konkret genutzt wird, wie sich Verhaltensmuster etwa beim Heizen, in der Freizeit oder bei der Gesundheitsvorsorge verändern und welche Konsequenzen das für die Energienachfrage hat, können wir Interventionsmöglichkeiten entwickeln, die sich auf die Veränderung von Praktiken und den damit verbundenen Energieverbrauch konzentrieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christiane Weihe.

Weitere Informationen zum Artikel
Ansprechpartnerin

Professor Elizabeth Shove
Department: Sociology

Department of Sociology
Bowland North
Lancaster University
Lancaster
Großbritannien
LA1 4YN

Tel.: +44 1524 510013

e.shove--at--lancaster.ac.uk

Zur Person

Professor Elizabeth Shove forscht und lehrt seit dem Jahr 2000 am Fachbereich Soziologie der Universität Lancaster (Großbritannien). Ihr aktuelles Forschungsinteresse liegt im Bereich Verbrauch, Nutzerverhalten und Technologie. Sie ist Mitgeschäftsführerin des Forschungszentrums DEMAND (Dynamics of Energy, Mobility and Demand), das sich mit dem Zusammenhang von Energieverbrauch sowie sozialen Praktiken in den Bereichen Wohnen, Arbeiten und Reisen befasst.

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