Ausgabe: Dezember 2018, Die soziale Seite der Energiewende


Im Fokus

Effizienz und Suffizienz

Gegen Kostenbelastung, für den Klimaschutz

Für ein Gelingen der Energiewende kommt es nicht nur darauf an, welche Energie wir verbrauchen. Sondern auch darauf, wie wir sie verbrauchen: Eine sparsame Energienutzung trägt wesentlich dazu bei, die CO2-Emissionen zu senken und dem Klimawandel zu begegnen. Gerade bei einkommensstarken Haushalten besteht oftmals ein hohes Einsparpotenzial. Gleichzeitig helfen Effizienz- und Suffizienzmaßnahmen dabei, jene Kosten zu senken, die in privaten Haushalten für Strom und Heizung anfallen. Dies wiederum kommt einkommensschwachen Haushalten zu Gute, die durch gestiegene Energiekosten besonders belastet sind.

Trotz der großen Preissteigerungen ist der Energieverbrauch der privaten Haushalte in Deutschland bislang recht stabil geblieben“, erklärt Dr. Corinna Fischer, Wissenschaftlerin im Bereich Produkte & Stoffströme, „so lag ihr Energieverbrauch im Jahr 2016 bei 665 Milliarden Kilowattstunden und damit sogar 0,4 Prozent höher als noch 1990.“ Die privaten Haushalte machten damit gut ein Viertel des gesamten Endenergieverbrauchs der Bundesrepublik aus. „Der weitaus größte Teil davon wird fürs Heizen aufgewandt, dann folgt mit einigem Abstand der Energiebedarf für warmes Wasser sowie Haushaltsanwendungen wie Kochen, Waschen oder Kühlen“, so Fischer.

Dabei hat sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt, den gesamten Energieverbrauch bis 2050 im Vergleich zu 2008 um 50 Prozent zu reduzieren. „Politische Maßnahmen wie die Ökodesignrichtlinie oder das EU-Energielabel sorgen dafür, dass effiziente Geräte im Markt erhältlich und leicht zu erkennen sind“, so Fischer, „darüber hinaus braucht es aber sehr konkrete Maßnahmen, damit die Verbraucherinnen und Verbraucher alte Geräte auch tatsächlich austauschen.“ Auch veränderte Konsummuster, die so genannte Suffizienz, sind ein wichtiges Mittel, Energiebedarf und -kosten zu senken. „Das bedeutet zum Beispiel, nicht zu viele Geräte anzuhäufen, aber auch die Größe zu überdenken“, erläutert Fischer, „so kann bei einem Fernseher eine doppelte Bildschirmdiagonale den vierfachen Energieverbrauch zur Folge haben.“ Das Öko-Institut hat sich unter der Überschrift „Mehr als nur weniger“ in zwei Working Papers ausführlich mit dem Thema Suffizienz befasst.

„Durch Effizienz- und Suffizienzmaßnahmen können Haushalte ihren Stromverbrauch theoretisch halbieren“, so die Wissenschaftlerin, „das Potenzial wird aber bisher leider so gut wie gar nicht gehoben.“ Wie eine nachhaltigere Energienutzung möglich werden kann, zeigt etwa das Projekt „Stromeffizienzklassen für Haushalte“. Darin hat das Öko-Institut gemeinsam mit dem Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) verschiedene Instrumente entwickelt, die beim Stromsparen in privaten Haushalten helfen. Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung wurden diese in einem Feldversuch zudem praktisch erprobt. „Wir haben Haushalte in Effizienzklassen eingeteilt, die etwa die Zahl der darin wohnenden Personen sowie die Art der Warmwasserbereitung berücksichtigen“, erklärt die Wissenschaftlerin „so können ähnliche Haushalte direkt miteinander verglichen werden.“ Teil des Feldversuchs waren auch eine individuelle Stromsparberatung sowie eine monatliche Dokumentation des Stromverbrauchs durch die Teilnehmenden. „Durch die einzelnen Maßnahmen – so etwa die Anschaffung von sparsameren Kühl- und Gefriergeräten oder den selteneren Einsatz des Wäschetrockners – konnten die teilnehmenden Haushalte ihren Stromverbrauch im Durchschnitt um etwa fünf Prozent senken“, sagt Fischer, „bei Vielverbrauchern lag das Einsparpotenzial sogar bei knapp zehn Prozent.“ Aus Sicht der Wissenschaftlerin vom Öko-Institut können hier insbesondere Suffizienzmaßnahmen, also veränderte Konsummuster, greifen: „Die Vielverbraucher sind oftmals einkommensstark und nutzen den Strom für ihre umfangreiche Geräteausstattung – wir sind in diesem Projekt auch auf Haushalte gestoßen, die vier Kühl- und Gefriergeräte in Betrieb haben, sie aber nicht wirklich benötigen.“

Neue LebensRäume

Der nach wie vor hohe durchschnittliche Energieverbrauch für Heizung, Beleuchtung und vieles mehr ist nicht zuletzt auf die hohen Wohnflächen zurückzuführen: Die Wohnfläche pro Kopf stieg von 2011 bis 2016 von 46,1 auf 46,5 Quadratmeter, verursacht unter anderem durch eine höhere Anzahl von Einpersonenhaushalten und einen höheren Anteil von älteren Menschen, die im Eigentum wohnen. So liegt die durchschnittliche Wohnfläche bei Seniorinnen und Senioren bei 88 Quadratmetern. Das aktuelle Projekt „Möglichkeiten der Instrumentierung von Energieverbrauchsreduktion durch Verhaltensänderung“ für das Umweltbundesamt verdeutlicht zahlreiche Hemmnisse für eine Verkleinerung von Wohnflächen – so etwa das fehlende Problembewusstsein oder eine emotionale Bindung an die Immobilie. Gemeinsam mit dem Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) zeigt das Öko-Institut aber auch die Chancen von Instrumenten wie etwa finanziellen Zuschüssen zur baulichen Teilung von Ein- und Zweifamilienhäusern und der damit verbundenen Schaffung zusätzlicher Wohneinheiten. „Wenn nur ein Bruchteil der Eigentümer und Eigentümerinnen von Einfamilienhäusern im Seniorenalter ihre Wohnfläche verkleinern würden, so könnten diese den Energieverbrauch um etwa 250 Gigawattstunden und die Treibhausgasemissionen um 59.300 Tonnen jährlich senken“, erklärt Tanja Kenkmann, Wissenschaftlerin im Bereich Energie und Klimaschutz. „Die Verkleinerung von Wohnflächen ist daher eine sehr sinnvolle Suffizienzmaßnahme.“

Zu großen Wohnflächen will auch das Projekt „LebensRäume“ begegnen: Gemeinsam mit dem Kreis Steinfurt sowie dem Verein „energieland 2050 – Haus im Glück“ und dem ISOE untersucht das Öko-Institut noch bis 2020, wie die Wohnraumnutzung optimiert und mit Anforderungen an generationengerechtes Wohnen verbunden werden kann. „Hierfür analysieren wir zunächst die Rahmenbedingungen, also etwa die Eigentümerstruktur und die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner“, sagt Kenkmann, „Ziel ist unter anderem die Einrichtung einer Beratungsstelle, die auch bei der Vermittlung von bedarfsgerechtem Wohnraum hilft.“ Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung begleitet das Projektteam zudem eine Testphase des Vermittlungsbetriebs.

Maßnahme und Wirkung

Welche konkreten Einsparpotenziale für unterschiedliche Einkommensgruppen bestehen, hat das Öko-Institut ebenfalls im Rahmen des Projektes „Konzept zur absoluten Verminderung des Energiebedarfs: Potenziale, Rahmenbedingungen und Instrumente zur Erreichung der Energieverbrauchsziele des Energiekonzepts“ für das Umweltbundesamt untersucht. „Wir haben die möglichen Effekte von unterschiedlichen Maßnahmen bis 2020 und 2030 analysiert, darunter vor allem Suffizienzmaßnahmen wie eine Reduzierung des Warmwasserverbrauchs und der Raumtemperatur oder die Verkleinerung von Wohnflächen“, sagt Fischer. Den größten Einspareffekt bringe über alle Einkommensschichten hinweg eine Verringerung der Wohnfläche. „Darüber hinaus wurden aber auch Maßnahmen in den Bereichen Mobilität wie der Umstieg vom Auto auf das Fahrrad sowie im Bereich Elektronik wie eine Verringerung des Fernsehkonsums betrachtet.“ Das Ergebnis der Analyse zeigt, dass jede Maßnahme im Durchschnitt zu Kosteneinsparungen zwischen 0,03 und 0,25 Prozent des Haushaltseinkommens führen kann; das sind pro Maßnahme etwa 10 bis 100 Euro bezogen auf einen Durchschnittshaushalt. So können unterschiedliche Suffizienzmaßnahmen in der Gesamtheit zu bedeutenden Einsparungen führen – und das ganz ohne Investitionen. Dies fällt insbesondere für einkommensschwache Haushalte ins Gewicht und kann einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen der Energiewende leisten.

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Der Forschungsschwerpunkt von Dr. Corinna Fischer liegt auf nachhaltigem Konsum und nachhaltigen Produkten. Als Senior Researcher arbeitet sie im Bereich Produkte & Stoffströme zum Beispiel zu den Themen Verbraucherperspektive und -verhalten sowie Energieeffiziente Produkte. Tanja Kenkmann entwickelt und bewertet als Senior Researcher im Bereich Energie & Klimaschutz unter anderem Instrumente, mit denen die Energieeffizienz im Gebäudebestand erhöht werden kann. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der kommunale Klimaschutz.

 

 

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