Situation weiter angespannt: 185 Tage nach „Fukushima“

05.09.2011

Am 11. März 2011 kam es nach einem schweren Erdbeben an der japanischen Ostküste zu erheblichen Sicherheitsproblemen in verschiedenen Kernkraftwerken. Ein halbes Jahr nach der Katastrophe hat das Öko-Institut zentrale Informationen zum Unfallhergang und den Folgen der Katastrophe zusammengestellt. Darüber hinaus finden Sie Links zu Einrichtungen und Institutionen, die die Ereignisse fortlaufend beobachten und bewerten.

Was ist am 11. März 2011 in Fukushima passiert?

Ein Erdbeben der Stärke neun auf der Richterskala erschütterte um 14:46 Uhr Ortszeit die Küste der Hauptinsel Honshu. Das Beben verursachte mit einer kurzen Verzögerung einen Tsunami, der mit Wellen bis zu einer Höhe von circa 38 Meter auf die Küste bei Sendai traf. Die Naturkatastrophe kostete tausenden Japanerinnen und Japanern das Leben – sie führte außerdem zum größten Atomunfall in der Geschichte des Landes.

Die Reaktoren Fukushima Dai-ichi und Dai-ni sowie weitere Kernkraftwerke wurden in Folge von Erdbeben und Tsunami sofort automatisch abgeschaltet. Um die Nachwärme der Anlagen zu beherrschen, sind diese nach der Abschaltung auf die Notstromversorgung bzw. die externe Versorgung angewiesen. Aufgrund des Tsunami fielen in den Anlagen in Dai-ichi die Notstromversorgungen jedoch aus.

Die starken Zerstörungen in der Umgebung der Anlagen und auf dem Reaktorgelände führten zusätzlich zum Ausfall der externen Stromversorgung. Ersatz konnte nicht rechtzeitig beschafft und aktiviert werden. Der sogenannte „station blackout“ trat ein. Damit fielen auch die elektrisch angetriebenen Kühlsysteme aus, die zur längerfristigen Nachwärmeabfuhr zwingend benötigt werden.

Explosionen in den Reaktoren

Ohne ausreichende Kühlung verdampften die noch vorhandenen Wassermengen in den Blöcken von Fukushima Dai-ichi, bis schließlich die Brennelemente nicht mehr mit Wasser bedeckt waren. Danach stieg die Temperatur der Brennelemente sehr stark an. Durch eine chemische Reaktion der metallischen Brennstabhüllen mit dem Wasserdampf wurde große Mengen Wasserstoff erzeugt.

Der so entstandene Wasserstoff gelangte beim Versuch, Druck aus den Reaktorbehältern abzulassen, in Kontakt mit Sauerstoff. Dies verursachte eine Reihe von Explosionen, die zu unterschiedlich umfangreichen Zerstörungen in den Kraftwerksblöcken führten. Gleichzeitig erhitzten sich die Brennstäbe soweit, dass in den Reaktorblöcken 1 bis 3 von einer Kernschmelze ausgegangen werden muss.

Freisetzung von Radioaktivität

Mit der Druckabsenkung durch Abblasen gelangten große Mengen gasförmiger und verdampfbarer radioaktiver Stoffe – insbesondere Edelgase, Iod und Cäsium – aus dem Reaktorbehälter in die Umgebung. Ab dem 11. März 2011 evakuierte die japanische Regierung alle Anwohner und Anwohnerinnen, die im Umkreis von zunächst zwei, dann drei Kilometern um das Kernkraftwerk lebten. Am 12. März wurde die Evakuierungszone schrittweise bis auf 20 Kilometer erweitert.

Einen Monat später dehnten die Behörden diesen Radius noch einmal auf 30 Kilometer aus. Auf dem Gelände der Anlage und darüber hinaus werden hohe Strahlenwerte gemessen, außerhalb der Evakuierungszone vor allem in nordwestlicher Richtung ebenfalls. Weitere Evakuierungen in diesen Gebieten, allerdings nicht mehr in einer kreisförmigen Zone, sind geplant.

Die bislang höchsten gemessenen Werte von zehn Sievert pro Stunde (Sv/h) auf dem Anlagengelände bedeuten, dass Personen innerhalb von einer Stunde eine mit hoher Sicherheit eine tödliche Strahlendosis erhalten würden. Weite Bereiche im Umfeld der Anlage wurden so hoch kontaminiert, dass eine Rückkehr in diese Gebiete für lange Zeiten nicht möglich sein wird.

Am 12. April 2011 stuften die japanischen Behörden den Unfall im Kernkraftwerk Fukushima Dai-ichi als „katastrophalen Unfall“ ein. Dies entspricht Stufe 7 und damit der höchsten Stufe der international verwendeten INES-Skala zur Einstufung von nuklearen Ereignissen.

Situation heute – weiterhin keine Entwarnung

Das havarierte Kraftwerk mit dem immer noch Wärme entwickelnden Brennstoff im Reaktor und in den Brennelementlagerbecken muss weiterhin langfristig gekühlt werden. Die Fachleute vor Ort haben Stromversorgung und Kühlung vorerst sichergestellt, sodass die unmittelbare Gefahr weiterer großer Freisetzungen von Radioaktivität gebannt scheint. Es treten jedoch immer wieder technische Probleme am Kühlsystem auf, sodass es weiterhin keine Entwarnung gibt.

Perspektivisch muss der Betreiber der Kernkraftwerke TEPCO darüber hinaus radioaktives Material, das durch die Explosionen sowohl im Innern der Anlagen als auch über das Anlagengelände verteilt wurde, einsammeln und kontrolliert lagern. Große Mengen radioaktiv kontaminiertes Wasser müssen gespeichert und gereinigt sowie die Gebäude abgedeckt werden. Nur so kann die Situation innerhalb der Anlage langfristig stabilisiert und die Strahlungswerte für Beschäftigte bei den weiteren Aufräumarbeiten gesenkt werden.

Weitere Informationen des Öko-Instituts

Präsentation, die wesentliche Informationen zu den Unfällen im Kernkraftwerk Fukushima zusammenfasst

Weitere Informationen (auf externen Webseiten)

Bundesamt für Strahlenschutz (BfS)

Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS)

Informationen in englischer Sprache

Messwerte des Betreibers TEPCO in der Umwelt

Kurznachrichten und Beiträge aus Nachrichtensendungen staatlicher japanischer Fernsehsender NHK

Atomaufsichtsbehörde NISA

Messwerte und Auswertungen des Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology (MEXT)

Der Bericht der Japanischen Regierung zu den Unfällen an Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA, Ministerial Conference on Nuclear Safety)

Infoseite der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA


Bericht der Fact Finding Mission der IAEA

Webseite der Organisation Citizen Nuclear Information Center CNIC mit vielen kritischen Stellungnahmen

Webseite der japanischen NGO Greenaction mit Stellungnahmen und Diskussionsforen


Ansprechpartner am Öko-Institut

Dr. Christoph Pistner (zur Sicherheit kerntechnischer Anlagen)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutsbereichs Nukleartechnik & Anlagensicherheit
Öko-Institut e.V., Büro Darmstadt
Tel. 06151-8191-122
c.pistner@oeko.de

Stephan Kurth (zur Sicherheit kerntechnischer Anlagen)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutsbereichs Nukleartechnik & Anlagensicherheit
Öko-Institut e.V., Büro Darmstadt
Tel. 06151-8191-122
s.kurth@oeko.de

Christian Küppers (zum Thema Strahlenschutz)
Stellvertretender Leiter des Institutsbereichs Nukleartechnik & Anlagensicherheit
Öko-Institut e.V., Büro Darmstadt
Tel. 06151-8191-122
c.kueppers@oeko.de

Gerd Schmidt (zum Thema Auswirkungen auf die Umwelt)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutsbereichs Nukleartechnik & Anlagensicherheit
Öko-Institut e.V., Büro Darmstadt
Tel. 06151-8191-117
g.schmidt@oeko.de