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„Nur wenige der heutigen Biokraftstoffe erreichen die von der EU geforderte Treibhausgasminderung“

Wie kann eine langfristig nachhaltige Biomassestrategie aussehen? Um diese Frage zu untersuchen, hat das Umweltbundesamt (UBA) das Forschungsprojekt Bio-global in Auftrag gegeben, an dem das Öko-Institut federführend beteiligt war. Dazu im Interview: Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamts.

Herr Flasbarth, ab Januar 2011 gibt es an Deutschlands Tankstellen Benzin mit bis zu zehn Prozent Bioethanol (E10). Bisher waren nur fünf Prozent erlaubt. Eine gute Nachricht für den Klimaschutz?
Die größten Chancen zur CO2-Reduzierung im Verkehrssektor sehe ich in der Verkehrsvermeidung, der Verlagerung auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel sowie in der Verbesserung der Fahrzeugeffizienz. Biokraftstoffe wie Bioethanol können dann zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen, wenn sie nachhaltig hergestellt werden. In der EU müssen deswegen Hersteller von Biokraftstoffen sowie von Strom aus flüssigen Bioenergieträgern nachweisen, dass sie Nachhaltigkeitsanforderungen einhalten und dies über ein Zertifikat nachweisen. Um zu beurteilen, ob E10 eine gute Nachricht ist, müssen wir die ersten Erfahrungen mit der Biokraftstoffzertifizierung abwarten.

Welche Anforderungen stellt die Biokraftstoffzertifizierung?
In Deutschland regelt das die Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung: Die Biokraftstoffe müssen im Vergleich mit fossilen Kraftstoffen in ihrer Treibhausgasbilanz derzeit mindestens 35 Prozent besser abschneiden. Zudem darf die verarbeitete Biomasse nicht von Flächen mit hohem Kohlenstoffbestand oder Flächen mit hohem Naturschutzwert, zum Beispiel Urwäldern oder Torfmooren, stammen.

Erfüllen alle Biokraftstoffe diese Kriterien?
Nein, unser Forschungsprojekt Bio-global zeigt, dass die Treibhausgas-Bilanz von Biokraftstoffen je nach Rohstoff, Herkunft und Verarbeitung stark variiert und nur wenige der heutigen Biokraftstoffe die Mindesteinsparung von 35 Prozent erreichen. Besser sieht es für Biokraftstoffe aus, die aus Rest- und Abfallstoffen gewonnen werden. Für Biodiesel aus Palmöl und Bioethanol aus Zuckerrohr gilt dies nur, wenn für deren Anbau kohlenstoffreiche Flächen weder direkt noch indirekt umgewandelt werden.

Sind die Biomasse-Nachhaltigkeitsanforderungen ausreichend?
Die Treibhausgaseffekte aus indirekten Landnutzungsänderungen werden bisher weder in der Biokraftstoff-Nachhaltigkeits-Verordnung noch in der EU-Richtlinie zu erneuerbaren Energien berücksichtigt. Aus unserer Sicht ist es aber wichtig, sie in die Treibhausgasbilanzierung einzubeziehen. Bis zum Jahresende 2010 wird die EU-Kommission einen Bericht darüber vorlegen, ob und wie das erfolgen soll.

Wann kommen Nachhaltigkeitsanforderungen für feste und gasförmige Bioenergieträger?
Deutschland setzt sich für eine europäische Regelung ein, die EU-Kommission wird hierzu Ende 2011 erneut berichten.

Wie steht das UBA zur Diskussion „Tank versus Teller“?
Laut der Welternährungsorganisation FAO werden auf etwa zwei Prozent der weltweiten Agrarflächen Biomasse für Biokraftstoffe hergestellt. Die enormen Preisanstiege für bestimmte Nahrungsmittel in den letzten Jahren waren auf verschiedene Faktoren zurückzuführen – die Biokraftstoffproduktion war nur einer von vielen. Vor allem Spekulation am Rohstoffmarkt, Missernten auch als Folge klimabedingter Wetteränderungen und schrumpfende Lagerbestände trugen ursächlich zur Nahrungskrise bei.

Wie kann eine Konkurrenz zwischen Tank und Teller vermieden werden?
Wir müssen die Flächennutzung so effizient wie möglich gestalten. Ein wichtiger Ansatz ist die Kaskadennutzung: Biomasse sollte zuerst stofflich genutzt werden, zum Beispiel Holz für Möbel und im Hausbau, und erst nach einer Mehrfachnutzung als Abfall oder Reststoff energetisch nachgenutzt werden. Zudem dürfen Energiepflanzen nur auf Flächen angebaut werden, die nicht für den Nahrungs- und Futtermittelsektor benötigt werden, etwa auf ungenutzten Agrarflächen oder degradierten Flächen. In Vordergrund sollten Landnutzungs- und Anbausysteme treten, die hohe Erträge mit geringem Einsatz von Agrochemikalien verbinden und eine hohe genetische Vielfalt aufweisen. Dies ist vor allem bei mehrjährigen Pflanzen wie zum Beispiel Kurzumtriebsplantagen verschiedener Baumarten, Energiegräsern sowie integrierten Anbau-systemen wie Agroforstsystemen oder Mehrkulturensystemen der Fall.

Was wird auf internationaler Ebene getan, damit der Energiepflanzenanbau nicht die biologische Vielfalt gefährdet?
Zum Beispiel auf der 10. Konferenz der UN-Biodiversitätskonvention (CBD) in Nagoya: Dort wurden die Vertragsstaaten aufgefordert, nationale Inventare mit Gebieten oder Flächen mit hoher Biodiversität und kritischen Ökosystemen, die nicht für die Produktion von Biokraftstoffen geeignet sind, zu erstellen. Zudem sollen sie für die Produktion von Biokraftstoffen besonders geeignete Flächen identifizieren. Das war ein erster Schritt in die richtige Richtung. Es gibt aber viele weitere Gebiete, die einen gleichen Schutzstatus verdienen – auch genutzte Flächen sollten in den Schutz einbezogen werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte David Siebert

info: www.uba.de

Jochen Flasbarth, 48, ist Diplom-Volkswirt und seit 2009 Präsident des Umweltbundesamts. Von 1992 bis 2003 war er hauptamtlicher Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (NABU).
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