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Was wäre eigentlich, wenn ...

... die Landwirtschaft wieder zur Agrikultur zurückfände?

Endlich raus aus der Stadt – die Apfelbäume blühen, Raps, Mais und Weizen sprießen, Traktoren tuckern auf den Feldern herum, Kühe käuen auf der Weide wieder, es riecht nach Erde und Dung. Landleben eben. Besser gesagt: eine Landleben-Kulisse. Die dramatische Veränderung darin findet vor unser aller Augen statt und bleibt doch fast unsichtbar. Das Stichwort lautet: Verlust der Agrobiodiversität. Es steht auf dem Spiel, welche Tierrassen, welche Obst- und Getreidesorten es in Zukunft geben wird. Und vor allem: wie vielfältig sie sind. Ist es denn ein echter Verlust, wenn das Pinzgauer Rind, die Ochsenbirne oder der Altländer Pfannkuchenapfel aus der Landschaft verschwinden? Ist es nicht hoffnungslos altmodisch, dass die Organisation „Seeds for Survival” sich in Äthiopien bemüht, die 48.000 dort ehemals heimischen Nutzpflanzen zu konservieren? Wo liegt das Problem, wenn Superbullen der Holstein Frisian Rinder bis zu einer Million Nachkommen zeugen?

Mitte Mai werden Tausende Delegierte auf der UN-Biodiversitätskonferenz COP9 in Bonn um solche Fragen ringen. Im Focus steht nicht nur die Vielfalt in Regenwäldern, sondern auch die auf Äckern und in Ställen. Auf 75 bis 90 Prozent schätzt die Welternährungsorganisation FAO die „genetische Erosion” im Bereich der Nutzpflanzen.

Die Ursachen greifen ineinander: Landwirte bevorzugen so genannte Hochleistungssorten und -rassen. Die Nahrungsmittelindustrie verlangt möglichst einheitliche Rohstoffe. Die Verbraucher haben das Interesse an der Agrarpolitik mit ihren fehlgesteuerten Subventionen verloren. Die Politiker überlassen der Industrie das Feld. In den 1980er Jahren gab es weltweit rund 7.000 Saatzuchtunternehmen, von denen keines einen Marktanteil über ein Prozent hatte. Heute beherrschen zehn Konzerne die Hälfte des Marktes. Adieu, Kleinbauern – wer sich Hochertrags-Sorten nicht leisten kann, gibt auf. Ein Streitpunkt in Bonn wird die so genannte „Terminator-Technologie” sein, die den Abschied von jener bäuerlichen Landwirtschaft, die für Sortenkenntnis und -vielfalt steht, endgültig besiegeln könnte. „Terminator”-Pflanzen, deren Patent Weltmarktführer Monsanto hält, bringen bei der Ernte steriles Saatgut hervor; Nachzucht wird unmöglich.

Die Rückbesinnung auf Ochsenbirne & Co steht für eine andere Weichenstellung. Biologische Vielfalt ist entstanden, weil jeder Fleck Erde seine Eigenheiten und seine Geschichte hat. Boden, Mikroklima, Niederschlag, Sonnenstunden, Windverhältnisse, vorangegangenen Fruchtfolgen – all das beeinflusst Gedeihen, Inhaltsstoffe, Geschmack. Mit kleinräumig angepassten Sorten verschwinden nicht nur kulinarische Köstlichkeiten. Sie stehen auch für nachhaltiges Wirtschaften. Die Produktion einseitig auf Hochleistung getrimmter Nutztiere und -pflanzen dagegen hat viele hässliche Seiten. Sie verbraucht reichlich fossile Energie, belastet Umwelt und Gesundheit durch Dünge- und Pflanzenschutzmittel, birgt ungeklärte Risiken durch Gentechnik und Antibiotika-Missbrauch.

Noch ist es nicht zu spät, den Amoklauf gegen die Natur zu bremsen. Raus aufs Land – es gilt eine Vision zu verwirklichen, eine intelligente Agrikultur, in der Landwirte, Wissenschaftler und Verbraucher die Sortenvielfalt als Geschenk der Natur und Erbe von Erfahrungswissen bewahren und für die Nachwelt retten. Die Belohnung: Pfannkuchenäpfel, Bronzefenchel, Zimterdbeeren.

Hanne Tügel

info: Hanne Tügel

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